England holt EM-Pokal

Deutsche Tränen nach erneutem Wembley-Fluch

56 Jahre nach dem historischen Triumph im Londoner Wembley-Stadium musste sich Deutschland England erneut geschlagen geben. Die englischen Heldinnen feierten den ersten EM-Titel des Frauennationalteams ausgelassen.

London, 1. August 2022 | Ein denkwürdiges EM-Finale näherte sich in der zweiten Hälfte der Verlängerung seinem Schicksal. In der 110. Minute bugsierte Chloe Kelly den Ball nach einem Eckball-Chaos mit der Fußspitze ins deutsche Tor. Zwölf Minuten später feierten die Engländerinnen zu ihrer Siegeshymne „It’s coming home“ und „Sweet Caroline“ nachdem sie die Deutschen in der Schlussphase kaum mehr aus der eigenen Hälfte ließen.

Ausgeglichenes Finale

Zwar war England in der ersten Hälfte stärker, der Sieg war dennoch ein mentaler Kraftakt, waren die Deutschen Spielerinnen doch vor allem in Hälfte zwei spielerisch überlegen und kombinierten flüssiger und gefälliger als die Engländerinnen. Doch in den beiden entscheidenden Momenten reagierte die deutsche Abwehr zu langsam. Nach einem schönen hohen Ball hinter die läuferisch unterlegene deutsche Verteidigung lupfte Toone die Kugel gefühlvoll über die deutsche Schlussfrau Frohms (62.).

Das englische Führungstor mobilisierte deutschen Spielwitz und Offensivgeister. Fast hätte Magull für Deutschland postwendend den Ausgleich erzielt. Ihr wuchtiger Abschluss prallte aber genau gegen das kurze Lattenkreuz (66.). Doch die Deutschen ließen nicht locker und belohnten sich in der 79. Minute mit dem verdienten Ausgleich. Nach einer Ballstafette über Lohmann und Wassmuth kam das Leder wieder zu Magull, die den Ball eiskalt mit Links unter die Latte versenkte.

Danach ging das Spiel in die Verlängerung, in der die eingewechselte Kelly ihre Fußspitze verewigen konnte.

Deutschland, immerhin EM-Rekordsieger mit acht Titeln, stand mit leeren Händen und Tränen in den Augen da. Ein besonderer Triumph war es für die Trainerin der Engländerinnen. Sarina Wiegman verteidigte ihren Titel – bei der letzten EM war die Niederländerin mit ihrer eigenen Nation erfolgreich gewesen.

Der Fluch von Wembley

Beim Spiel vor der Frauen-EM-Rekordkulisse von über 87.000 Zuschauerinnen hatte auch die Schiedsrichterin ihre Finger im Spiel. Noch heute wird über das legendäre Tor von 1966 diskutiert, das Englands Herren den einzigen bedeutenden Titel ihrer Fußballnationalmannschaft brachte. Auch damals hieß der Gegner ausgerechnet Deutschland. Ebenfalls in der Verlängerung des WM-Finales hämmerte Hurst den Ball gegen die Latte, von wo er senkrecht nach unten auf die Linie sprang.

Der Schiedsrichter entschied auf Tor, die Deutschen waren K.O., der Mythos Wembley geboren. Fast genau 56 Jahre später profitierten Englands Frauen wieder von einer Schiedsrichterentscheidung im Londoner Prunkstadion. Abermals wurde Deutschland benachteiligt, als das Spielgerät in der 25. Minute im Strafraum die ausgestreckte Hand von Englands Kapitänin Williamson berührte. Zum Entsetzen des deutschen Teams gab es keinen Elfmeter.

Auch die Videoschiedsrichterinnen korrigierten die vermeintliche Fehlentscheidung der ukrainischen Referee nicht. „Das muss man sehen, das versteht man gar nicht“, gab sich die deutsche Trainerin Voss-Tecklenburg ratlos. Auch bei den deutschen Medien saß der Schock tief. Die „Bild“ titelte heute, Montag, „Wieder Wembley: Sogar mit Videobeweis werden wir betrogen“. England jubelte, der Daily Express fand die erlösenden Worte für das englische Fußballherz: „Die Löwinnen haben im Wembley-Stadion die Geschichte des englischen Fußballs neu geschrieben. All die Jahre des Schmerzes sind vorbei.“

Erfolg für den Frauenfußball

Das Turnier in England brachte Rekorde bei Einschaltquoten, Zusehern und medialer Aufmerksamkeit für den Frauenfußball. Jetzt gilt es nach übereinstimmenden Aussagen unzähliger Verantwortlicher, den Schwung von der EM in den Ligaalltag des Frauenfußballs mitzunehmen. Ähnliche Ankündigungen nach der letzten EM erwiesen sich seitens der Liga als reine Lippenbekenntnisse. Immer noch ist der Frauenfußball im Vergleich zu den Männern stark unterfinanziert. Die deutsche Bundesliga kündigte nun jedoch eine symbolträchtige Neuerung an. Das Erstrundenspiel der Bundesliga soll bei den Männern und Frauen die gleiche Paarung bringen: Eintracht Frankfurt gegen Bayern München. Bleibt abzuwarten, ob es auch die gleiche Aufmerksamkeit bekommt.

(dp)

Titelbild: APA Picturedesk

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4 Kommentare
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Kalle
1. 08. 2022 14:03

Die Deutschen waren viel besser. Aber war echt ein super Turnier, war begeistert von der spielerischen und technischen Qualität und den vielen Zuschauern

bmtwins
1. 08. 2022 14:24
Antworte auf  Kalle

anderes spiel gesehen? oder durch den nick “kalle” bissl voreingenommen ? 🙂

Kalle
1. 08. 2022 16:35
Antworte auf  bmtwins

Nein, aber die Deutschen hatten viel bessere Ballzirkulation ab der zweiten Halbzeit. England eher so Kick and Rush oder Standardsituationen. Das bestätigt sich ja auch wenn man sich die Tore ansieht

bmtwins
1. 08. 2022 16:37
Antworte auf  Kalle

schön spielen genügt halt nicht, die toren zählen – egal wie man die erzielt 😉