Freitag, Juli 19, 2024

Blümels mysteriöser CEO-Posten

Gernot Blümels Abenteuer als Chef der österreichischen Superfund-Holding ist vorbei. Das Investmentunternehmen von Christian Baha sagt aber, der Ex-Minister sei weiterhin „weltweiter CEO“. Zur Firmenstruktur will man keine Auskunft geben. Über das Imperium eines illustren Investors.

Benjamin Weiser

Wien/Zürich, 16. September 2022 | Das war ein kurzes Gastspiel für Gernot Blümel bei Christian Bahas Superfund – zumindest in der österreichischen Holding-Gesellschaft, der ABS Vermögensverwaltungsgesellschaft m.b.H. Sie hält 100 Prozent an der Wiener Superfund Asset Management GmbH. Bei der ABS war der Ex-Finanzminister von Anfang März bis Ende Juli als Geschäftsführer eingetragen.

Funktion gelöscht

Mit 20. Juli (Bekanntmachung sechs Tage später) ist Blümel in dieser Funktion als gelöscht vermerkt.

Screenshot: Wiener Zeitung/Firmenmonitor.

Eine solch kurze Periode für die höchste Managementfunktion in einem Investmentunternehmen? Das ist unüblich. Bis kurz vor der Veröffentlichung des Artikels konnte man trotz des Firmenbuch-Eintrags ein Portrait von Blümel auf der Website des Unternehmens finden. Dort wurde er als „CEO der Superfund Gruppe“ bezeichnet.

Im Text darunter war neben biografischen Wegmarken zu lesen: „Vor seinem Schritt in die Privatwirtschaft in 2022 absolvierte Gernot Blümel eine steile, politische Karriere.“

Anonymität – als „weltweiter CEO“?

Was aber hat es mit der gelöschten Funktion bei der ABS Vermögensverwaltungsgesellschaft m.b.H. auf sich? Ist Blümel seinen Job los und die Website nicht mehr aktuell? Superfund gibt zunächst eine bemerkenswerte Stellungnahme ab: Dass Blümel nicht mehr CEO der Superfund Gruppe sei, sei „nicht ganz richtig“. Der Firmenbucheintrag der ABS beziehe sich lediglich darauf, dass Blümel in diesem Zeitraum „zusätzlich eine Geschäftsführerposition für die ABS innehatte.“

Mit der geplanten Übersiedlung des Ex-ÖVP-Politikers sei die Funktion „plangemäß zurückgelegt“ worden, heißt es gegenüber ZackZack. Von New York bis Tokio unterhält Bahas Investmentgruppe verschiedene Standorte. Folgt man jüngsten Berichten, ist Blümel geografisch nicht ganz so weit gekommen – zumindest privat. Demnach soll er mit seiner Familie nach Zürich gezogen sein und dort, wie medial kolportiert wurde, die „Anonymität genießen“.

In den entsprechenden Artikeln war aber nichts von einer Aufgabe seines Postens zu lesen. Die Superfund-Pressestelle betont, selbstverständlich übe Blümel weiterhin die Funktion des „weltweiten CEO“ der Superfund Gruppe von Christian Baha aus. Was genau heißt das? Eine Recherche, die einer Schnitzeljagd gleicht.

Zwischen Transparenz, Sicherheit und Wettbewerb

Transparenz gibt es bei Superfund offenbar nur dort, wo es notwendig ist. Bei Behörden sei man „sehr transparent“, Veröffentlichungspflichten gegenüber Kunden gehe man „gerne umfangreich nach“. Ganz in die Karten schauen lassen will man sich aber offensichtlich nicht. Aus „Sicherheits- und Wettbewerbsgründen“ sehe man von einer Veröffentlichung der Unternehmensstruktur ab.

Die geheimnisvolle Gruppe zählt auf der eigenen Website immerhin die Standorte auf. Die Selbstzuschreibungen gehen von einem der „weltweit renommiertesten Fondsanbieter“ bis hin zu einem „weltweit führenden Hochtechnologieunternehmen“.

Wirft man einen genaueren Blick auf die einzelnen Gesellschaften und deren Spuren in diversen Firmenbüchern, sieht man immer wieder dieselben handelnden Personen aufscheinen. Auf „Moneyhouse.ch“ etwa kann man die in Vaduz angesiedelte Superfund Holding AG einsehen. Das klingt zumindest so, als könnte es sich um eine internationale Dachgesellschaft handeln. Dort ist ein Italiener Geschäftsführer – und nicht Blümel. Der Italiener zeichnet sich auch für die Superfund-Gesellschaft in der Schweiz verantwortlich, wo Blümel jetzt bekanntlich residiert.

Auf der Superfund-Website sieht man neben der Mailadresse der Pressestelle nur eine weitere Kontaktmöglichkeit: die Mailadresse des Standorts Wien. Ein Anruf bei der kostenlosen Hotline bringt mehr Klarheit. Wien sei das Headquarter, heißt es am anderen Ende der Leitung – es komme allerdings „auf das Anliegen an“. Aber genau in Wien ist Blümel seit Juli nicht mehr Chef der Holding.

Der schillernde Investor

Die Struktur des Baha-Imperiums reicht bis in die Karibik. Dort ist Superfund in Grenada tätig. Neben Rum und Traumstränden ist der Inselstaat auch als Paradies für Briefkasten-Firmen bekannt. Das investigative Datenprojekt „Offshore-Leaks“ hatte auch Christian Bahas Superfund auf dem Schirm.

Der betonte in einer Aussendung vom Juni 2013 aber, in Grenada Bürogebäude und Mitarbeiter zu unterhalten, und damit die „Dienstleistung tatsächlich in Grenada“ zu erbringen. Es könne sich daher nicht um eine Briefkastenfirma handeln. Wie Blümel im Dickicht aus all diesen Einzelgesellschaften „weltweiter CEO“ sein kann, will Superfund schließlich nicht beantworten. Auch nicht, was Blümel für die Stelle qualifiziert.

Es sei aus wettbewerbs- und datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich, die Fragen zu beantworten. Stattdessen wird – subtil, aber verständlich – eine Klage in den Raum gestellt: „Falsche Darstellungen“ könnten sich „kreditschädigend“ auf privatwirtschaftlich agierende Unternehmen auswirken.

Klar ist: Baha ist der starke Mann hinter Superfund. An der österreichischen Holding ABS, bei der Blümels Funktion als Chef gelöscht wurde, ist Baha alleiniger Eigentümer. Der 53-Jährige ist Medienberichten zufolge ausgebildeter Polizist, fand aber offensichtlich mehr Gefallen an Finanzen als am Dienst in der Uniform. Seine frühere Investmentgruppe „Quadriga“ firmiert seit 2003 unter dem Namen Superfund.

Mal machte Baha als Österreichs gefeierter Hedgefonds-Pionier Schlagzeilen, mal geriet er ins Visier der Finanzmarktaufsicht (FMA). Aus einem Bericht des „Standard“ geht hervor, dass der jahrzehntelange Streit allerdings beigelegt werden konnte. Zumindest in der jüngeren Vergangenheit pflegte Baha gute Drähte in die Politik.

„Den Traum machen wir zur Realität“

Während Ex-Vizekanzler HC Strache im Ibiza-Video behauptet, Baha habe ihm gegenüber bereits 2006 einen großen Wirtschafts-Crash vorausgesagt (2008 kam dann ein solcher), taucht der in Monaco lebende Unternehmer auch in den Schmid-Chats auf. Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) hat eine amikale Kommunikation zwischen Baha und Blümels gefallenem Ex-Kollegen Thomas Schmid dokumentiert.

Demnach schreibt Baha im Oktober 2018 dem damaligen Generalsekretär im Finanzministerium: „Bist du vielleicht in NYC (New York City, Anm.) im November?“ Schmid verneint: „Christian, eher nicht. Vergiss nicht: Du bist der erfolgreiche Investment Guy und ich bin ein Galeeren Sklave (Doppel-Smiley). November bis Dezember ist bei uns immer High Noon. Nix mehr wegfahren leider. LG Thomas“

Baha kennt sich offenbar gut aus. Den Chats zufolge hat er eine Art „Eingebung“, die sich später bewahrheiten sollte: „Bald bist der höchste Kapitän bei der ÖBIB (Vorgängerin der ÖBAG, Anm.) (Smiley, Daumen hoch). Wie wär’s im Jänner nach LA oder Palo Alto?“. Schmid ist begeistert: „Klingt wie ein genialer Traum (Daumen hoch, Muskel-Smiley).“ Baha antwortet: „Den Traum machen wir zur Realität (Schampus-Emoji).“

Ein paar Monate nach den Chats, mit 1. April 2019, wurde Schmid schließlich ÖBAG-Chef. Der Investor und mutmaßliche Boss von Blümel gab ZackZack keine Antwort auf die Frage, woher er so gut über Schmids berufliches Schicksal im Vorfeld Bescheid wusste.

Auch Köstinger versorgt

Jüngst konnte nach Blümel auch Ex-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger in Bahas Firmen-Imperium unterkommen. Mit 1. September ist sie Chefin des Kärntner FinTech-Unternehmens Mountain View Data. Ist das Baha-Imperium eine Art „goldener Fallschirm“ türkiser Ex-Politiker? Und unter welchen Voraussetzungen werden diese dort angestellt?

Fragen zu Qualifikationen Köstingers für diese Position will Mountain View Data nicht beantworten. Man übermittelt aber wortgleich die Stellungnahme, die schon Superfund an ZackZack schickte – ohne inhaltliche Antwort, aber mit subtiler Drohung. Köstinger war bekanntlich Landwirtschaftsministerin. Jetzt leitet sie einen Fonds- und Finanzdatenanbieter. Immerhin: Im Gegensatz zu Blümel ist sie im österreichischen Firmenbuch als Geschäftsführerin eingetragen.

Ob sich Blümel überhaupt um die genauen Anstellungsmodalitäten bei Bahas Superfund schert, ist derweil nicht überliefert. Auf eine Anfrage reagierte sein Anwalt nicht. Der ehemalige Finanzminister hat indes eine turbulente Zeit hinter sich. Im Zuge des Türkis-Bebens hatte der langjährige Kurz-Vertraute im Dezember 2021 seinen Rücktritt erklärt, ehe im Jänner 2022 sein Wechsel zu Superfund publik wurde.

Am 6. April konnte der Ex-Finanzminister an der Justizfront aufatmen: Eine Anzeige wegen behaupteter Falschaussage wurde eingestellt. Die WKStA ermittelt aber noch in der Novomatic-Causa. Für Blümel, der alle Vorwürfe zurückweist, gilt die Unschuldsvermutung.

Titelbild: ZackZack/Christopher Glanzl

Autor

  • Ben Weiser

    Ist Investigativreporter und leitet die Redaktion. Recherche-Leitsatz: „Follow the money“. @BenWeiser4

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