Montag, Juli 15, 2024

Ausgerechnet – Auf die Herbstlohnrunde kommt es an

Ausgerechnet:

Die diesjährige Herbstlohnrunde steht unter schwierigen Vorzeichen. Die Preise für Lebensmittel und Energie steigen massiv. Viele Menschen greifen auf ihr Erspartes zurück, um die Auswirkungen der Teuerung abzufedern. Andere müssen sich finanziell gar so weit einschränken, dass im Herbst vor der Entscheidung „Mieten oder Heizen“ stehen. Für beide Rechnungen reicht das Einkommen nicht.

Wien, 24. September 2022 |  2022 werden Reallohnverluste von knapp vier Prozent vorhergesagt. Wer sich letztes Jahr mit seinem Lohn noch um 1.000 Euro etwas leisten konnte, kann das heute nur mehr um 960 Euro. Seit mehr als 60 Jahren gab es kein so deutliches Schrumpfen der Kaufkraft mehr innerhalb eines Jahres. Wie kommt das zustande? Unternehmen haben höhere Kosten und Gewinnaufschläge meist sofort an die Konsument:innen weitergegeben. Doch die allermeisten Arbeitnehmer:innen haben nur einmal im Jahr mittels Kollektiverträgen die Chance, ihre Löhne aufzubessern. Eine kräftige Lohnerhöhung ist deshalb in diesem Herbst unumgänglich. Bei den Pensionen detto.

Bei den Lohnverhandlungen geht es um mehr als nur die Wurst

Nun geht es also nicht nur um die sprichwörtliche Wurst. Sondern darum, ob die meisten Menschen im Land ihren Lebensstandard aufrechterhalten können. Anfang der Woche erfolgte der Startschuss für die Lohnverhandlungen der Metaller. Die Gewerkschaft verhandelt für rund 130.000 Arbeitnehmer:innen in der Branche, fordert 10,6 Prozent mehr Gehalt. Das Ergebnis der Metaller ist richtungsweisend für alle anderen im Land. Die Metallarbeiter und -angestellten gehen voran, weil sie von allen Branchen am besten organisiert und am „kampfkräftigsten“ sind. Zudem stehen die metalltechnischen Betriebe im internationalen Wettbewerb. Da ist es auch volkswirtschaftlich vernünftig, dass sie die Löhne für den Rest des Landes setzen.

Die Lohnverhandlungen werden dieses Jahr eine schwierige Gratwanderung. Denn die Gewerkschaften wollen nun eine kräftige Lohnerhöhung. Sie haben in den vergangenen beiden Jahren moderaten Abschlüssen zugestimmt – vor allem wegen der schwierigen Situation, in der sich viele Betrieb wegen der Corona-Pandemie befanden. Die Arbeitgeber argumentieren mit aufziehenden Gewitterwolken dagegen – hohe Energiepreise, eine drohende Wirtschaftskrise. 2021 haben sie jedoch ausgezeichnet verdient, Gewinne und Ausschüttungen an die reichen Unternehmenseigentümer sprudelten. So manch einer hat im Zuge des Krieges die Preise noch einmal ordentlich erhöht und den eigenen Geldtresor vollgefüllt. Damit die Arbeitnehmer:innen die kriegsbedingte Teuerung nicht alleine tragen, müssen die Löhne also nun mit den Preisen mitziehen. Letztlich wird eine Einigung herauskommen, auch wenn vielleicht Streiks dafür stattfinden müssen, um die Arbeitgeber zur Zustimmung zu bewegen. Am Ende wird ein ordentliches Plus für die Arbeitnehmer herauskommen.

Manche werden enttäuscht sein

Trotzdem wird es sich nicht unbedingt so anfühlen. Viele werden sich nächstes Jahr weniger leisten können. Wie das? Weil die Teuerung in der Zwischenzeit so rasant weitergeht, beläuft sich die Inflationsrate aktuell im August schon auf deutlich höhere 9,3 Prozent. In dieser Größenordnung werden die Preise weiter steigen, wohl sogar über 10 Prozent. Die Verhandlungen gleichen aber nur Teuerungsverluste aus, die in der Vergangenheit passiert sind. Nicht,was aktuell oder in Zukunft passiert. Denn Grundlage der Verhandlungen ist die durchschnittliche Inflationsrate der vergangenen zwölf Monate, das sind 6,3 Prozent. Die Gewerkschaften fordern zwar mehr als nur diese – verzögerte, darum eigentlich niedrige – Inflationsrate. Einigen wird man sich irgendwo in der Mitte zwischen 6,3 Prozent und 10,6 Prozent.

Dennoch: Ohne Lohnerhöhungen wäre die Situation erst richtig dramatisch. Zum Kaufkraftverlust dieses Jahr in Höhe von vier Prozent käme nächstes Jahr noch einmal einer um weitere sechs bis sieben Prozent hinzu. Für jede 1.000 Euro nur mehr 900 Euro Kaufkraft innerhalb von zwei Jahren. Für viele Menschen in Österreich würde das einen großen Schritt in Richtung Armut bedeuten.

Marie Hasdenteufel, aus Karlsruhe stammend, hat es nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt nach Wien verschlagen. Am Momentum Institut forscht sie zur Einkommens- und Vermögensverteilung sowie zum Arbeitsmarkt. In Wien hat sie den Master in Economics an der Wirtschaftsuniversität absolviert.

Titelbild: APA Picturedesk

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