Völlig realitätsfern:

Kommentar zur türkis-grünen Online-Förderung

Die Regierung feiert sich für ihre Journalismusförderung. Doch die droht, zur Farce zu verkommen. Wirft man einen Blick auf die Kriterien, findet man Widersprüche und unrealistische Kriterien für Onlinemedien.

Benjamin Weiser

Wien, 06. Oktober 2022 | Opposition und Branchenvertretungen bemängeln einige Punkte des neuen Reformpaketes der Regierung zur Journalismusförderung. Zurecht. Was sich Medienministerin Susanne Raab, Grünen-Mediensprecherin Eva Blimlinger und Kolleginnen überlegt haben, hat mit der Realität von Online-Journalismus nichts zu tun.

Die Pläne betreffen neuerdings auch reine Onlinemedien. Zumindest auf den ersten Blick. Ein am Mittwoch durchgesickertes Detail ist sogar ein regelrechter Bremsklotz und verhindert das, was gefördert werden soll: Qualität. Dazu gleich mehr.

Marktverzerrung

Reine Onlinemedien wie ZackZack sind am dicht gedrängten österreichischen Markt die Ausnahme. Trotz sinkender Zahlen und hoher Kosten (Papier, Energie) gibt es vergleichsweise viele Printmedien. Es ist verständlich, dass klassische Zeitungen gefördert werden, die Medienvielfalt ist auch durch die gegenwärtige Krise in Gefahr.

Allerdings profitieren Zeitungen mehrfach: Durch die bestehende Presseförderung, die Digitaltransformationsförderung (ausschließlich für Online-Auftritte der Printzeitungen, etwa “heute.at” oder “derstandard.at”, verfügbar) und die neue Journalismusförderung.

Doch was ist mit reinen Onlinemedien wie “ZackZack.at”, “Vienna.at”, “Vol.at” oder “Futurezone.at”? Die müssen sich ordentlich strecken. So wird bereits bestehende Marktverzerrung verstärkt.

Masse statt Klasse

Geht es nach den Plänen von ÖVP und Grünen, müssen reine Onlinemedien laut eines “Der Standard”Berichts mindestens 40 Millionen Zeichen jährlich redaktionell publizieren. Zudem müssen die betroffenen Redaktionen mindestens die Hälfte der Inhalte selbst erstellen. Das heißt, Agenturmeldungen dürfen nur eingeschränkt genutzt werden.

40 Millionen Zeichen. Rechnet man das durch, muss man bei einer durchschnittlichen Zeichenanzahl von 3.000 ganze 37 Artikel pro Tag in den digitalen Orbit hinausballern. Wohlgemerkt an 365 Tagen im Jahr, was bedeutet, dass man als Medienunternehmen für die Feier- und Sonntage etliche Überstunden mitbedenken müsste. Der Presseclub Concordia hat vorgerechnet: zehn große Reportagen am Tag. Sonst gibt es keine Förderung!

Das konterkariert die viel beschworene Offensive für “qualitätsvollen Journalismus”, denn die Regierung setzt auf Masse statt Klasse.

Natürlich kann man 37 Artikel am Tag schreiben, dann muss man allerdings auch alle möglichen Presseaussendungen umschreiben oder auch Polizeimeldungen, die “Katze-vom-Baum-geholt”-Rettungen bejubeln. Kann man machen, fraglich ist nur, ob das sinnvoll ist. Nicht jedes Medium will möglichst viel abbilden.

Hinzu kommt, dass unter Onlinemedien quasi nicht gedruckte Zeitungen verstanden werden. Was ist mit videolastigen, multimedialen Plattformen wie “hashtag.jetzt” des früheren “Datum”-Chefs Stefan Apfl? Die werden, so wie es aussieht, nicht berücksichtigt. Das ist realitätsfremd und innovationsfeindlich.

Investigativjournalismus wird ausgebremst

Die ZackZack-Redaktion besteht aus vier Redakteurinnen und Redakteuren, zwei Mitgliedern der Chefredaktion, einer Assistentin und einem Assistenten. Von letzteren ist aber immer nur eine Person am Tag verfügbar. Der Rest des Teams sorgt für das Funktionieren von Website, Club, Geschäft, etc. Eine kleine Redaktion also – mit viel Einfluss. Enthüllungen mit gesellschaftlicher Relevanz und politischem Veränderungspotenzial sind aber zeitintensiv.

Unsere regelmäßigen Recherchekooperationen mit renommierten internationalen Medien zu Wirecard, Russland & Co. bringt sonst kaum jemand in Österreich auf die Reihe. ZackZack berichtete in der Vergangenheit gemeinsam mit “Die Welt”, “Süddeutsche Zeitung”, “Handelsblatt”, “Kronen Zeitung”, “Radio Free Europe/Radio Liberty“, “Der Spiegel” oder “Der Standard” zu Wirecard, Russland & Co.

Kritischer Journalismus, ob exklusiv, gewitzt, bizarr oder aufrüttelnd – das ist unser Auftrag. Der wird jetzt von ganz oben bekämpft und unter dem Reiter „Förderung“ verhöhnt. Natürlich müssen auch wir auf die Zahlen schauen. Jedes Medium muss das. Wer aber nur auf die Zahlen schaut, wird bald in die Röhre schauen.

Raab wurde gestern in der “Zib 2” mit den Plänen konfrontiert. Auch zu den 40 Millionen Klicks wurde sie befragt. Es bleibt zu hoffen, dass ihre angekündigte “Begutachtung” nicht einfach ein Ausweichmanöver war.

Titelbild: APA Picturedesk

Wir geben rund einer halben Million Menschen im Monat die Möglichkeit, sich über Österreich und die Welt zu informieren – gratis, denn wir sind überzeugt, dass möglichst viele Menschen Zugang zu unabhängiger Berichterstattung haben sollen.
Doch unsere Arbeit kostet Geld. Hinter ZackZack steht kein Oligarch, keine Presseförderung und kein Inseratengeld der Regierung. Genau das ist unsere Stärke.

Jetzt ist die richtige Zeit, uns zu unterstützen. Wenn du dir nur gelegentlich einen Beitrag leisten kannst, ermöglichst du damit jetzt gleich unabhängigen Journalismus. Wenn du kannst, werde Mitglied im ZackZack-Club! Das ist eine Investition in die Zukunft von Demokratie und Freiheit. Danke.

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16 Kommentare
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criticalmind
7. 10. 2022 9:41

Andererseits zählt ZZ dann nicht zu den “H**** der Reichen” oder so.
Ist ja auch viel wert…

Moneymaker
7. 10. 2022 2:38

Medienförderung, Jounalistenförderung ? Nein danke, gehört restlos abgeschafft.
Mediesvielfalt ? Gibt es nicht. 95 % alles Geschriebenen kommt 1 : 1 oder nur sehr mager abgeändert von den wenigen Agenture.
War zu Corona-Zeiten auch nur ein einziges Medium ablehnend zu den Massnahmen, die sich nun verheerend auswirken ? Nein.
Ist aktuell ein einziges Medium gegen die uns selbst schadenden EU-Sanktionen ? Nein. Ist ein einziges Medium Sprachrohr für den Frieden statt für die Eskalation Nein.
Wenn die Medien eh alle das gleiche schreiben und vertreten, wozu soll man dann 100 fördern.
Da genügt ein Staatsfunk wie der ORF.

plot_in
7. 10. 2022 0:25

Man glaubt, dass sie etwas tun, dann kommt die ächste Bösartigkeit. Medienförderung ist schwer. Wo sind die Kriterien nun, die sich Frau Raab “anschauen” wollte? Immerhin wären die Kriterien für investigativen, seriösen Journalismus ja schon lange da. Sie werden an Hochschulen gelehrt. Aber da hat man lieber weggeschaut. Und wieder nur Quantitäten herangezogen (is ja viel einfacher, braucht man nicht denken, schaut so neutral aus), um Förderungen zu vergeben. Ohne Quantum Trost.

Fiedler hat gestern im Standard einen wohlwollenden Kommentar zur Novelle geschrieben. Der Standard erfüllt nun offenbar die quantitativen Kriterien. Und also wird man sagen können: “Irgendwer wird sich immer aufregen.” Konkurrenz hat gewonnen: gegen Zusammenhalt.

Die nächste Sauerei wird ja die ORF-Reform. Haushaltsabgabe geht sich technisch nicht aus, also wandert alles ins Budget. Damit wird der ORF noch viel abhängiger vom Goodwill der Regierung und zum Staatsfunk.

Irre das alles.

Moneymaker
7. 10. 2022 2:42
Antworte auf  plot_in

Ein Ivestigativjournalist, der was Wichtiges aufdeckt, hat keinerlei Probleme, seine Berichte zu verkaufen, im Gegenteil, man reisst sie ihm aus der Hand. Wozu dann staatlich fördern ?

Bastelfan
6. 10. 2022 20:12

bizarr, und blimlinger macht willig und situationselastisch mit.
es grean seids zum ogwehna.

plot_in
7. 10. 2022 0:31
Antworte auf  Bastelfan

Es ist immer noch Raabs Werk. Es unterscheidet sich überhaupt nicht vom Fleischmann-Plan. Warum wird der genommen? Weil er Macht verspricht (wie in Ungarn) und weil die Ministerin selbst die Kompetenz nicht hat, irgendetwas durchzudenken. Die Hauptverantwortung liegt schon bei der ÖVP. Dass die Grünen wieder einmal mitspielen ist übel. Aber man muss schon die Haupttäterin ins Auge fassen.

Man regt sich über die Grünen mehr auf, weil man von den Grünen mehr erwartet. Dass die ÖVP bei der Kritik untergeht, ist ein Zeichen dafür, dass man von der ÖVP einfach nur mehr Schweinereien erwartet.

Friede
6. 10. 2022 19:43

Ein Wort hätte gereicht:

“Medienkorruption…. “

baer
6. 10. 2022 17:57

Blimlinger ist ein Rohrkrepierer auf allen Ebenen….die größte Enttäuschung seit es Grüne gibt. Von Raab hat man sowieso nichts anderes erwartet, als dass sie das liefert was von den Nutznießern bestellt wird.

diinzs
6. 10. 2022 21:06
Antworte auf  baer

Einspruch. Mein Rangliste der Enttäuschungen:
1) Alle Grünen Gesundheitsminister (wegen der vielen Corona-Toten)
2) Kogler und Maurer (Oh Wow!!!!)
3) Zadic
4) VdB

Wolpertinger
7. 10. 2022 11:43
Antworte auf  diinzs

Zu 1.
Ich denke die ersten 2 hätten einen guten Job gemacht, wenn sie keine besseren Umfragewerte wie Kurz gehabt hätten, denn dann begann jeweils das Sägen.

nikita
7. 10. 2022 12:02
Antworte auf  Wolpertinger

Das stimmt, Anschober war ihm ein Dorn im Auge. Ihn hat er von Anfang an schikaniert und keine Gelegenheit auszulassen ihn zu unterlaufen. Nach bewährter ÖVP Methode, nur potenziert.

nikita
6. 10. 2022 17:35

Ich verstehe nicht worüber sich ZackZack aufregt. Die Bauernzeitung schafft das doch auch mit rechts. Jeden Tag Recherche über zehn Kühe, 15 Schafe, Ziegen und 4 Hühner.
Dazu noch Berichte über Waldsterben, Borkenkäfer, Drahtwürmer und die neuesten Trachtenmoden. Das große Thema Harvester und Forwarder und welcher Traktor und Gurkenflieger am meisten Diesel verbraucht.
Und natürlich eine große Recherche warum man die ÖVP wählen muss.
Also ZackZack, lasst euch was einfallen!

Bastelfan
6. 10. 2022 20:13
Antworte auf  nikita

nicht die menge machts

plot_in
7. 10. 2022 0:32
Antworte auf  Bastelfan

Ach, da gibt es schon KI dafür, die Texte draus macht in epischer Länge. ^^ Müsste man als Apendix anhängen. Unsere tägliche Reportage: unlesbar lang.

Cartman
6. 10. 2022 16:50

Die Auslegung des Gesetzes nur nach dem Wortlaut, die Buchstabenreiterei begünstigt den Schwindel jeglicher Art, befördert das unsolide Geschäftsgebahren und züchtet die unnoble Konkurrenz groß. Der erneute Griff ins schwarz-grüne Klo, eine Verhöhnung, natürlich ohnedies erwartbar, die Unfähigkeit. Es erhebt sich in mir der Verdacht, es könnte doch sein, reine Absicht stünde hinter all diesen Dingen.

Wolpertinger
6. 10. 2022 16:08

Anscheinend ist Merkels Spruch über das Neuland Internet immer noch aktuell, anders kann man sich so eine Regelung nicht erklären.