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Beschämend niedrige Löhne sollten der Vergangenheit angehören

Die Systemerhalter:innen an der Supermarktkasse haben wir während der Lockdowns beklatscht. Für angemessene Löhne reichte es bisher nicht. Ein Mindestlohn von 2.000 Euro würde Abhilfe schaffen.

Marie Hasdenteufel

Wien, 12. November 2022 | Alle guten Dinge sind drei? Nicht immer. Der Handel verhandelt weiter über höhere Gehälter für seine Beschäftigten. In der dritten Runde gab es noch keine Einigung. Die Arbeitgeber:innen bieten ein Gehaltsplus von vier Prozent und eine Einmalzahlung von drei Prozent, steuerfrei. Die Gewerkschaften lehnen das ab.

Einmalzahlungen bedeuten einen langfristigen Lohnverlust

Die Arbeitgeber:innen wollen Einmalzahlungen statt ordentlichen Lohnerhöhungen. Doch während eine Einmalzahlung nach einem Jahr schnell verpufft ist, hinkt die Gehaltserhöhung der Teuerung künftig hinterher. Denn steigen die echten Gehälter nur wenig, liegt auch die Verhandlungsbasis fürs nächste Jahr niedriger. Fürs übernächste Jahr genauso. Und für alle Jahre danach. Eine Einmalzahlung bedeutet daher für alle künftigen Berufsjahre weniger Lohn. Aufsummiert bedeutet das Zehntausende Euro für jede:n einzelne:n Mitarbeiter:in weniger.

Konsequenzen hat das auch noch in der Pension. Wer seinen Job verliert, bekommt weniger Arbeitslosengeld. Außerdem fehlen den Krankenkassen dadurch die höheren Sozialabgaben. Die Kassen müssen dann einsparen, etwa bei ihren Tarifen. Die Wartezeiten bei Spitälern und niedergelassenen Kassenärzten werden länger. Der Chefärztin genehmigt weniger Behandlungen und Medikamente. Die medizinische Versorgung leidet. Wer hat dann das erwirtschaftete Geld? Die Gewinne der Betriebe steigen, und damit die Ausschüttungen an die Eigentümer:innen. Aus Sicht der Arbeitnehmer:innen sind Einmalzahlungen also überhaupt kein verlockendes Angebot – gerade in einer Branche mit ohnehin niedrigen Gehältern.

Die Teuerung reißt Geringverdiener:innen ein Loch ins Geldbörsel

Doch es geht nicht nur um eine ordentliche Lohnerhöhung. Es geht um den Kampf gegen niedrige Löhne, die angesichts der Teuerung noch untragbarer geworden sind. Jedem, der unter 2.000 Euro verdient, reißt die Teuerung ein besonders großes Loch ins Geldbörsel. Anders als etwa in der Metallindustrie, die nach Ausbildung und Lehre keine Löhne unter 2.000 Euro brutto im Monat mehr kennt, liegen die Gehälter im Handel oft weit darunter.

Arbeiter:innen im Supermarkt gehören aber zu den Systemerhalter:innen, hieß es noch während der Corona-Pandemie. Die Held:innen der Supermarktkassen haben wir am Balkon beklatscht, weil sie sich weiter einem Gesundheitsrisiko aussetzen mussten. Für ein angemessenes Einkommen reicht es seitdem trotzdem nicht. Selbst nach neun Jahren Berufserfahrung kann eine Stelle im Handel laut Kollektivvertrag heuer noch mit unter 2.000 Euro pro Monat entlohnt werden. In der Ausbildung sind es bis zum zweiten Lehrjahr sogar unter 1.000 Euro.

 2.000 Euro Mindestlohn gegen Niedrigstlöhne

Aufwerten lassen sich die Niedriglohnbranchen mit einem Mindestlohn: Die Gewerkschaften fordern für alle Branchen mindestens 2.000 Euro brutto pro Monat – verankert in allen Kollektivverträgen. Jede:r siebente Beschäftigte würde von einem Mindestlohn in dieser Höhe profitieren. In Österreich verdienen rund 625.000 Menschen so wenig, dass sie mit ihrem Job bei Vollzeit nicht auf 2.000 Euro kommen. Betroffen sind vor allem jene Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten: Für Verkäuferinnen, Kellnerinnen, Köche, Paketboten, Frisörinnen und Reinigungskräfte liegen die Gehälter oft weit darunter. Für jede fünfte unselbstständig beschäftigte Frau würde das Einkommen mit einem solchen Mindestlohn steigen.

Diese Lohnerhöhung ist auch bitter nötig. Der Kaufkraftverlust fällt rekordhoch aus, weil die Teuerung schneller als die Gehälter steigt. Schätzungen aus dem Sommer sagen Verluste von über vier Prozent voraus. Mit hohen Inflationsraten im Herbst und Winter werden die tatsächlichen Verluste weiter wachsen. Das bewirkt den größten Kaufkraftverlust seit mehr als sechzig Jahren. Ohne eine Lohnerhöhung, die dieser Teuerungsexplosion nachzieht, wird die nächste Mieterhöhung, die Energierechnung und der Lebensmitteleinkauf für zu viele Menschen zum Problem. Gerade in den Niedriglohnbranchen braucht es daher einen effektiven Mindestlohn, der gegen die Teuerung absichert.

––

Marie Hasdenteufel, aus Karlsruhe stammend, hat es nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt nach Wien verschlagen. Am Momentum Institut forscht sie zur Einkommens- und Vermögensverteilung sowie zum Arbeitsmarkt. In Wien hat sie den Master in Economics an der Wirtschaftsuniversität absolviert.

Titelbild: ZackZack

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12 Kommentare
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Lojzek
12. 11. 2022 12:32

Zu den gönnerhaften Einmalzahlungen, durch die Gutsherrenpolitik, während dieser Krise hätts nie kommen dürfen.
Sämtliche Einkommen (das umfasst Löhne, Gehälter Mindestsicherung/Sozialhilfe, ALG/NSH/KG, Pensionen, etc.), müssen an die Inflation angepasst werden.
Ob diese Anpassung dann reicht, muss dann in kürzeren (als das sonst zB. jährlich der Fall ist) Abständen als sonst üblich (es warat hoit wegen der Krise, ned) geprüft werden, damit Menschen nicht den Anschluss verlieren.
Aber nein stattdessen, werden die Leute nach und nach abgehängt.
Von unzureichenden Lohn- und Gehaltsabschlüssen, bis hin zu perfiden Überlegungen eines degressiven ALG (dem immer noch positive Aspekte eines ‘Spielraumes’ abgewonnen werden, no na ned, ausbaden dürfens ja dann die Betroffenen und ned jene, die auf die Euterfettseitn gfalln sind und darüber hinaus sogar noch ermächtigt sind, Betroffenen sowas per Gesetz zum Verhängnis machen zu dürfen), is alles an untauglichen Maßnahmen vorhanden.

Zuletzt bearbeitet 2 Monate zuvor von Lojzek
der Beobachter
12. 11. 2022 14:50
Antworte auf  Lojzek

Lieber Lojzek, kann es sein, dass Sie die neue stabile Normalität kritisieren?…
Es muss dringend heller werden!

Lojzek
12. 11. 2022 19:24
Antworte auf  der Beobachter

Um Himmels Willi, nein, das wär mir zu hoch, da käm ich doch gar nicht mit …

accurate_pineapple
12. 11. 2022 14:00
Antworte auf  Lojzek

👍👍👍

hagerhard
12. 11. 2022 11:20

es ist gar keine frage, dass die löhne entsprechend erhöht werden müssen.
und zwar dauerhaft.
einmalzahlungen sind die reine verhöhnung.
10 % sollten schon drinnen sein.

ansonsten muss halt gestreikt werden.
und zwar wirklich.
dann schau ich mir schon an, ob da nicht “was geht”.

Sinclai
12. 11. 2022 11:09

Alles richtig erkannt. Aber was hilft eine “Master in Economics Expertise” wenn in einem Konzernmanagment die “Master of Disaster” der Meinung sind, dass diese Expertisen sie nur von den guten Sparzielen und den fetten Provisionen abhalten. Das selbe gilt inzwischen auch für diese neoliberalen Konzernvertreter in der Regierung….

RLoecker
12. 11. 2022 10:57

Wirtschaft ist ein Kreislauf: was man auf der einen Seite an Löhnen ausgibt, kommt auf der anderen Seite als Nachfrage wieder herein. Wenn man bei Löhnen knausert, dann wird auch die Nachfrage sinken.

Summa summarum
12. 11. 2022 10:45

Dieser Artikel ist – bei aller Wertschätzung etwaiger Bemühungen – inhaltlich seicht. Da hab ich hier von Forist:nnen(!) schon griffigere Statements, Analysen und Vorschläge in der Sache gelesen. MEIN VORSCHLAG AN ZZ: Zwischendurch mal ein Thema vorgeben und wir im Forum erarbeiten es inhaltlich gemeinsam.

DieHausfrau
13. 11. 2022 8:26
Antworte auf  Summa summarum

pardon – dieser artikel ist nur für österreicher seicht, da wir wesentlich komplexer denken und das angewandte vieleicht leben und auch verbildeter wären. vergleichseispiel: die logos unserer ministerien im vergleich zu unseren bundesdeutschen nachbarn. es wird noch viel mehr seichtheit einkehren – da die piefke in ganz viele führungspositionen gehievt wurden (vom zoodirktor bis zur TUrektorin). ich seh darin die chance – dass die nachrichten in noch einfacherer sprache unter die bürger gebracht werden und vieleicht sogar manche aus dem jungwählerteich kapieren, dass hier bildung, information und transparenz vorenthalten wird. und es hat auch einen grund, warum die österreicher in piefke-märchen als das diebische zwergvolk am rande der alpen tituliert wurde (grossartig)… österreichische lösungen ghörn dann offensichtlich der vergangenheit an und wir kasperln werden zu wurschtln gmacht. ein jammagspü an humorlosigkeit

der Beobachter
12. 11. 2022 14:52
Antworte auf  Summa summarum

Liebe Summa summarum, ein sehr kluger und demokratischer Vorschlag würde ich meinen.
Es muss dringend heller werden!

hr.lehmann
12. 11. 2022 10:42

So lange der Handel die Gewissheit hat dass er notfalls Personal einstellen kann das auch für weniger Geld dankbar diese frustrierenden Jobs erledigt – z.B. viele Asylberechtige mit “Arbeitserlaubnis”- wird sich daran nichts ändern. Solidarität und das großspurige “Österreich zuerst” von Türkis und Blau sind da natürlich bloß populistische und leere Worthülsen.

Error 404
12. 11. 2022 10:17

Ich hätte fast geschrieben, dass das Gendern, siehe Arbeitgeber:innen etc funktioniert, aber nicht einmal das: Der Chefärztin genehmigt weniger Behandlungen und Medikamente. Die Schreibweise mit Doppelpunkt ist übrigens noch irritierender als das Binnen I.

Frauen werden in der Arbeitswelt benachteiligt, aus welchen Gründen auch immer. In der Politik ist einiges falsch gelaufen, dass das Gendern wichtiger ist als reale Besser- am besten Gleichstellung. Ist diese Symbolpolitik gewollt? Oder soll sie vonder Realität ablenken?