Auswärtsspiel:

Macht und Ohnmacht

Die “ballesterer”-Kolumne auf ZackZack. Heute: über zynische Friedensstiftungsversuche und die Schwäche der FIFA. 

Wien, 19. November 2022 | Vielleicht sieht er sich schon als Friedensnobelpreisträger, vielleicht hatte er romantisierte Bilder von fußballspielenden deutschen, englischen und französischen Soldaten beim Weihnachtswaffenstillstand 1914 vor Augen, vielleicht glaubt er, dass der Fußball nur rufen müsse und schon würde die Welt alle Konflikte beenden. Vielleicht ist FIFA-Präsident Gianni Infantino aber auch einfach nur ein Zyniker. Sein Aufruf an die Ukraine und Russland, für die Dauer der Weltmeisterschaft einen Waffenstillstand zu vereinbaren, zeugt sowohl von Allmachtsfantasien als auch von Ohnmachtsanfällen, denn im Grunde war er nicht mehr als eine Finte.

Lenkt Infantino die Aufmerksamkeit auf den Krieg in der Ukraine, bleibt weniger Gelegenheit, um das Schweigen der FIFA zur Situation im Land des WM-Teilnehmers Iran zu thematisieren. Es bleibt weniger Zeit, um über einen der ständig an allen Ecken und Enden auftauchenden und wiederkehrenden Kritikpunkte an WM-Ausrichter Katar nachzudenken. Es bleibt weniger Raum, um die FIFA und ihren Präsidenten zu kritisieren. Das Ablenkungsmanöver ist gescheitert, die Kritik am Fußballweltverband so laut wie schon lange nicht.

Ein Treppenwitz der Geschichte ist, dass selbst der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter in den Kanon der Kritiker einstimmt. Er sei gegen die Vergabe der WM an Katar gewesen, sein Widersacher, der damalige UEFA-Präsident Michel Platini habe sich dafür eingesetzt, sagt er. Dass Blatter die Vergabe verhindern hätte können, sagt er nicht. Vielleicht nicht bei der entscheidenden Abstimmung im Dezember 2010, aber in den zwölf Jahren davor als Präsident. Er hätte Menschenrechtsstandards als Vergabekriterium verankern können, er hätte Transparenz vorleben können, er hätte den Verband demokratisieren können. All das hat Blatter nicht getan.

Sein Nachfolger Infantino hat sich nach seiner Wahl als Reformer und Erneuerer feiern lassen. Doch schon bald hat er all seinen Reformen die Zähne gezogen, erneuert hat er zuletzt nur seine Machtansprüche – im kommenden Jahr will er seine dritte Amtszeit beginnen. Einen Gegenkandidaten gibt es bei der Wahl am 16. März 2023 nicht. Die Amtsführung Infantinos und der Zustand der FIFA zeigen, wie schwer sich Institutionen unter Korruptionsverdacht von innen heraus ändern können.

Dabei hätte die FIFA Veränderung bitter nötig, die WM ist ihre wichtigste Cashcow. Doch die verliert am Fußballmarkt zunehmend an Boden. Die Konkurrenz aus Kontinentalverbänden, Ligen und großen Klubs kann in ihren Bewerben wie der Champions League und der Premier League mit mehr Spielen und mehr Stars auftrumpfen. Je prekärer die Situation wird, desto aggressiver tritt Infantinos Verband mit neuen Turnierplänen und Partnern auf. Sie lässt nichts auf Katar kommen, weil sie auf Katar und ähnliche Geldquellen angewiesen ist. Demonstriert die FIFA nun also Stärke, zeigt sich eigentlich nur ihre Schwäche.

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“Auswärtsspiel” ist die Kolumne des “ballesterer für ZackZack.

(c) Daniel Shaked/ ballesterer

Jakob Rosenberg ist Chefredakteur des Fußballmagazins ballesterer, dessen WM-Ausgabe seit 4. November im Handel ist.

Titelbild: Montage ZackZack/Wiener Sportclub

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2 Kommentare
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Samui
19. 11. 2022 18:45

Alles dreht sich um Geld….um viel Geld.
Sport ist nur mehr Nebensache.

baer
19. 11. 2022 11:49

Internationaler Fußball ist zu einer widerlichen, menschenverachtenden Cash Cow geworden, als “Sportart” würde ich das schon lange nicht mehr bezeichnen. Aber das ist mittlerweile bei so ziemlich allen Wettkampfsportarten der Fall. Sport als Freizeitvergnügen und für die Gesundheit aber als Wettkampf, nein danke.