Sonntag, Juni 16, 2024

Beamte packen aus: So startete Putin den Krieg

Zum Jahrestag des Ukraine-Kriegs enthüllt die „Financial Times“ die Abläufe um die Entscheidung die Ukraine zu überfallen. Informanten zufolge handelte es sich dabei um einen Alleingang Putins.

Moskau/Kiew/Washington | Journalisten der US-Zeitung „Financial Times“ haben mit ehemaligen und aktuellen engen Beamten des russischen Präsidenten Wladimir Putin gesprochen und verblüffende Details rund um die Vorgänge der Ukraine-Invasion und den innersten Kreis um Putin erfahren. Dabei erklären sie warum sich der russische Aggressor mit niemandem – bis auf jenen Kreis – abgesprochen hat und warum er trotz seiner gescheiterten Pläne, den Krieg nicht abbrechen wird.

Selbst Lawrow im Dunkeln gelassen

„Er hat nur drei Berater: Iwan den Schrecklichen, Peter den Großen und Katharina die Große“, soll der russische Außenminister Sergej Lawrow auf die Nachfrage eines aus allen Wolken gefallenen Oligarchen nach der Ankündigung der Ukraine-Invasion entgegnet haben. Lawrow selbst soll erst in den frühen Morgenstunden des Invasionstages (24. Februar 2022) von der Entscheidung erfahren haben. Damit deutet er an, dass Putin sich lediglich nach imperialistischen Herrschern richtet und niemand einen Einfluss auf seine Entscheidungen hat.

Führungsriege über Fernsehansprache informiert

Obwohl es bereits Monate zuvor zu einer Ansammlung an Truppen an der ukrainischen Grenze kam, soll das grüne Licht zum Einmarsch für Lawrow eine große Überraschung gewesen sein. Wenn es um außenpolitische Entscheidungen geht, vertraue Putin nur auf eine Handvoll enger Vertrauter und der designierte Außenminister sei keiner von ihnen. In dem Fall fiel Lawrow sogar unter die wenigen Personen, die vor Beginn der Invasion darüber in Kenntnis gesetzt wurden – wenn auch nur wenige Stunden davor. Die restliche Führungsspitze des Kreml durfte von der „Militärischen Spezialoperation“, wie Putin öffentlich den Krieg bezeichnete, wie der Rest der Welt erst über eine Fernsehansprache erfahren.

Die Reporter der Zeitung sprachen mit mehreren Dutzend Oligarchen, die später am Tag panisch und in Bange um ihre Geschäfte bei Putin angetanzt sind. Diese wurden bereits am Vortag eingeladen und hatten eine Vorahnung um mögliche westliche Sanktionen, die ihre Unternehmen zerstören würden. Einer von ihnen soll Lawrow, der gerade aus einem Meeting kam, erspäht und ihn mit der Frage konfrontiert haben warum es zum Einmarsch gekommen ist. Der antwortete, dass sogar hochrangige Kreml-Mitarbeiter, mit denen er gesprochen hatte, weniger wussten als er.

Zunehmende Isolation seit 2014

Ähnlich soll Putin bei der Annexion der Krim 2014 vorgegangen sein. Auch da hat er sich nur mit einem kleinen Kreis abgesprochen. Darunter soll sich zwar der Verteidigungsminister Sergej Schoigu und drei hochrangige Offiziere des russischen Geheimdienstes FSB befunden haben, nicht aber der Sicherheitsrat. Die Berater des Präsidenten sollen zunächst versucht haben diesen zu überzeugen keine Truppen auf die Krim zu schicken. Jede Kritik wurde jedoch mit dem Satz „Dies ist ein historischer Moment“ und wenn sie nicht einverstanden seien, könnten sie abziehen, im Keim erstickt.

Putin soll bereits damals begonnen haben seinen Vertrauenszirkel stark zu dezimieren. Durch die Pandemie habe sich seine Paranoia und Isolation verstärkt. Zu den Personen mit denen er durchgehend im Kontakt stand, zählt der ominöse Bankier Juri Kowaltschuk. Mit ihm tauscht er während der Isolation seine Machtfantasien die Größe Russlands zu etablieren, wie das Peter der Große getan hat, aus, lassen die Gesprächspartner der Zeitung wissen.

Putins unverlässliche Informationsquelle

Außerdem soll der russische Präsident seinen engen Freund und Konfident den ukrainischen Oligarchen Viktor Medwedtschuk in seine Pläne zur Krim-Annexion eingeweiht haben. Er soll nicht nur eingeweiht worden sein, sondern als Informationsquelle gedient haben, auf dessen Wort Putin viel Vertrauen hatte. Der Oligarch habe Putin versichert die russischen Truppen würden auf der Krim mit offenen Armen empfangen werden. In Kreml-Kreisen gilt er jedoch als unzuverlässig. „Wenn Medwedtschuk sagt, dass es regnet, braucht man nur aus dem Fenster zu schauen und man wird die Sonne sehen”, sagt ein pensionierter Kremlbeamter „Es gibt Umfragen, es gibt Geheimdienste – wie kann man auf der Grundlage seiner Worte etwas Ernsthaftes planen?“

Korruptes System im FSB wird Putin zum Verhängnis

Der Zeitung zufolge hätte Medwedtschuk nach der Übernahme die Ukraine führen sollen. Dafür soll er lokale Mitarbeiter mit Bestechungsgeldern versorgt haben. Seine Einschätzung über die Stimmung der ukrainischen Bürger wurde auch vom FSB bestätigt, wodurch sich Putin in Sicherheit gewägt haben soll. Das FSB füttert ihn jedoch mit Informationen, die er hören will, lässt ein Geheimdienstmitarbeiter wissen. Erzählt man der Spitze die „richtige Geschichte“, gibt es dafür Geld. So ein System soll sich in dem Geheimdienst etabliert haben.

Der Zeitung zufolge sollen verhältnismäßig liberale und westlicher orientierte Geheimdienstmitarbeiter sowie Generalstabsoffiziere versucht haben Putin wissen zu lassen, dass die Informationen, die ihm vorliegen, verzerrt seien. Selbst Nikolai Patruschew, Sekretär des Sicherheitsrates und Putins langjähriger und radikalster Verbündeter soll vorgeschlagen haben der Diplomatie noch eine Chance zu geben. Ein US-Beamter sagte Reportern gegenüber: „Putin war zu selbstsicher. Er versteht alles besser als seine Berater – so wie Hitler alles besser verstand als seine Generäle”.

Verrat, Chaos und mangelnde Erfahrung

Auch kurz vor Beginn des Krieges vor einem Jahr wurde Putin über den katastrophalen Zustand, in dem sich das russische Militär befindet, informiert. Medwedtschuks Mitarbeiter wurden anfangs zu Spähern für das russische Militär auf ukrainischem Boden bestochen. Sie sollten dafür sorgen, dass der Einmarsch widerstandslos verläuft und die russischen Truppen mit Informationen beliefern. Nach Angaben hochrangiger ukrainischer Beamten nahmen die meisten jedoch einfach das Geld und flohen oder wechselten die Seiten. Die russische Luftwaffe konnte aufgrund des chaotischen Zustands und dem Mangel an erfahrenen Piloten sich nicht bewähren und begann sogar seine eigenen Flugzeuge abzuschießen, so der stellvertretende Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes, der die Informationen aus abgehörten Gesprächen haben soll. Die Vorgangsweise am Anfang sei vom FSB gestützt gewesen, aber stellte sich als ein Reinfall für Russland heraus. Der Chef des Generalstabs der russischen Streitkräfte wollte nicht von allen Seiten eindringen.  

Nicht bereit Fehler einzugestehen

„Er ist zurechnungsfähig. Er ist nicht verrückt. Aber niemand kann ein Experte für alles sein. Sie müssen ehrlich zu ihm sein und das sind sie nicht“, sagte ein anderer Gesprächspartner der Zeitung, den der Artikel als langjährigen Vertrauten Putins bezeichnet. Die Kreml-Elite sei gegen den Krieg, aber könne nichts dagegen unternehmen. Andere Informanten behaupten, dass Putin sich aufgrund der zahlreichen Misserfolge an der Front unter der Führung hochrangiger Offiziere begonnen hat sich an Menschen „auf niedrigeren Ebenen“ zu wenden. Dabei ist die Rede von „ultranationalistischen Bloggern“, die das militärische Establishment für ihre „zurückhaltende“ Vorgehensweise kritisieren. Mit ihnen soll Putin hinter verschlossenen Türen mindestens zwei Treffen abgehalten haben.

Putin sei gleichzeitig nicht bereit zuzugeben, dass die Invasion ein Fehler war: „Wir zahlen einen hohen Preis, das ist mir klar. Wir haben unterschätzt, wie schwierig es sein könnte“, sagte der Kremlchef bei seiner Rede an die Nation am Mittwoch. „Wie kann man einen Wahnsinnigen überzeugen? Sein Gehirn wird zusammenbrechen, wenn er erkennt, dass es ein Fehler war”, sagte ein anderer Gesprächspartner der Zeitung.

Titelbild: PAVEL BEDNYAKOV / AFP / picturedesk.com

Autor

  • Nura Wagner

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