Dienstag, Juli 23, 2024

Peter, Bussis und der Nagellack – SPÖ im Kärnten-Wahlkampf

Vor zehn Jahren holte Peter Kaiser Kärnten aus den Fängen Haiders und dessen Nachfolgern an die Sozialdemokratie zurück. Jetzt kämpft er für seine dritte Amtszeit als Landeshauptmann – mit Schweiß, Primeln und Nagellack.

Klagenfurt | Es ist Dienstag und noch dazu Valentinstag, ein Tag der Liebe soll es sein. Was Peter Kaiser, Landeshauptmann von Kärnten, an diesem Morgen nicht ahnt: Ganz so liebevoll hat das an diesem Love-Day nicht für ihn begonnen. Es ist gerade einmal kurz nach sieben Uhr, Menschentrauben strömen aus dem Klagenfurter Hauptbahnhof und wandern in die Innenstadt hinein. Etliche von ihnen tragen Blumen mit einem roten Pickerl darin in der Hand. Auf die Frage, wie sie den Herrn denn finden, der ihnen das Gewächs in die Hand gedrückt hat, hören wir bis auf einen einzigen Fall ausschließlich Antworten wie diese: „Keine Ahnung, kenn ihn nicht“ / „Schon amol gsehen, aber kann i net einordnen“ / „Irgend a Politiker, glaub i“.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Linke Parteigröße

Dieser Politiker, der so früh am Tage extra zum Blumenverteilen zum Bahnhof geht, ist nicht irgendwer, sondern der Kärntner Landeshauptmann in spe – und das schließlich schon seit zehn Jahren und noch dazu ziemlich erfolgreich. Die SPÖ-Größe zählt innerhalb der Partei zum linken Flügel. Und natürlich lässt einer, der weiß, wie man die Nähe zum Volk pflegt, einen Valentinstag nicht aus.

Irgendwann reißt der Strom der Leute mit SPÖ-Blumentöpfchen ab, eine Gruppe an roten Wahlhelfern mit einem Bollerwagen trottet langsam die Bahnhofsstraße entlang, vorbei an der mächtigen Landesregierung. 300 Töpfchen habe man verteilt, erzählen sie. Unter den Schenkern ist auch der Klagenfurter Vizebürgermeister, Phillip Liesnig. Im Stadtrat führt er eine eher komplizierte Ehe mit dem Team Kärnten. Es sei gar keine Koalition, sondern lediglich ein „Arbeitsübereinkommen“. Warum die SPÖ in Klagenfurt nicht selbst auf dem ersten Bürgermeistersessel sitzt, ist eine lange Geschichte und würde hier den Rahmen sprengen. Daher lieber zurück zur anstehenden Landtagswahl.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Grüne Herzerl im roten Land?

Die SPÖ lag 2018 noch bei knapp 48 Prozent – fast die Absolute. Im Moment sagen Umfragen ein Ergebnis von um die 42 Prozent voraus. Die SPÖ wird also auch dieses Mal wieder auf Landesebene eine Ehepartnerin brauchen. Was Liesnig dazu sagt, passt zumindest von der Wortwahl her gut zum Valentinstag: „Mit den Grünen, das wäre meine Herzenskoalition, eine Art Herzenswunsch sozusagen.“ Er setzt nach: „Wobei es mit denen auch nicht immer leicht ist, gute Politik zu machen.“ Wenn es doch wieder – wie auch in den vergangenen Jahren – die ÖVP würde, wäre das „eh eine gute, pragmatische Lösung“, findet der Hauptstadt-Vizebürgermeister.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Gewonnen sei allerdings noch gar nix. Liesnig hält es, erklärt er, während er an der Ampel wartet, sogar für möglich, dass sich alle anderen Lager – vorneweg die ÖVP, FPÖ und das Team Kärnten – gegen Kaiser zusammenschließen und den Landeshauptmann-Thron an sich reißen könnten. So wie damals in den Neunziger Jahren zwischen den Jörg-Haider-Legislaturen, als Christof Zernatto, der nach den Wahlen mit der drittstärksten Fraktion des Landtags und nur knapp 24 Prozent im Rücken, zum ÖVP-Landeschef wurde. „Deshalb rennen wir auch bis zum Schluss.“ Und tatsächlich, die Ampel schlägt um und er rennt weiter.

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Daumen Hoch Zwinki Zwonki

Wir folgen. Es geht durch die engen Gassen Klagenfurts, bis zur SPÖ-Parteizentrale. Da wartet schon Peter Kaiser im Foyer. Er streckt beide Daumen nach oben und grinst jedem, der ihm entgegenkommt, enthusiastisch entgegen. Doch: Stopp – er ist es gar nicht selbst. Es ist nur eine mannsgroße Pappfigur im Look von Peter Kaiser – offenbar ein ganz spezieller Kärtner Trend, denn auch die FPÖ hat, wie berichtet, überall in der Stadt Pappfiguren ihres Kandidaten verteilt.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl
(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Es dauert nicht lange, dann erscheint schon wieder die Silhouette von Kaiser – uff, dieses Mal ist es der echte. Das ist übrigens auch sein Wahl-Slogan: „Ein echter Landeshauptmann“. Wir sprechen ihn an: „Herr Kaiser…“, doch sofort unterbricht er. „Bitte, sagen ma Peter.“ Wir bleiben bei „Herr Kaiser“, was ihn dazu verleitet, sich erst recht und noch tiefer in die Namensdebatte zu werfen. „Eigentlich ist das ja heut mein Tag, der Valentinstag, denn ich bin auch ein echter Valentin!“ Er ist ein bisschen stolz darauf, das sieht man ihm an. Ein echter Peter Valentin Kaiser sozusagen.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Modeberater Peter K. empfiehlt

Dann geht es los. Peter Kaiser nimmt sich zwei Packungen Nagellack – Farbnuance: rot, natürlich, was sonst – und schreitet voran, rein in die City, auf der Suche nach Damen, die er zum Liebestag beschenken kann, die Entourage zieht hinter ihm her. Wieder dabei das Blumen-Wagerl, inzwischen neu beladen. Es dauert nur ein paar Augenblicke, dann läuft ihm die erste Passantin über den Weg. „Kennen Sie diesen Modeberater?“, fragt Kaiser, und deutet auf den Zettel, der am roten Nagellack befestigt ist. Darauf abgebildet ist er selbst.

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Den Nagellack empfiehlt er im Verlauf des Vormittags noch etlichen Frauen, es sei „die einzig richtige Farbe“, behauptet der Modeberater. Die meisten freuen sich darüber und lachen. Wer keinen will, bekommt eines der Blumentöpfchen. “Primeln sind das”, erklärt Kaiser, “weil primus Erster bedeutet, und das wollen wir werden.” Warum, fragen wir ihn, sollte man ihn eigentlich als Frau – außer natürlich für hübsche Valentinsgeschenke – wählen? „Meine erste Blume heute ist an einen Mann gegangen“, sagt Kaiser, dann räuspert er sich. „Wir sind die einzige Partei, die bei den Kandidaten und Kandidatinnen je 50 Prozent Männer und Frauen haben.“ Er sei seit jeher ein Verfechter von Geschlechtergleichheit und gehöre selbst in seiner eigenen Kärntner Regierungsfraktion „zur qualifizierten männlichen Minderheit“.

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Der Haider-Nachfolger

Überhaupt ist im Kaiser-Kärnten vieles als anders geworden. Als Kaiser 2013 nach vielen Jahren der Haider-, FPÖ- und BZÖ-Regentschaften das Land übernahm, sei das ein „Bruch und ein Wunder für viele“ gewesen, erzählt er. Zwar habe er selbst sich vom ersten Moment an als Landeshauptmann gefühlt – doch in der Bevölkerung sei das nicht so schnell gegangen. „Das erste Mal hab ich nach zwei Jahren erst gehört: Schauts, das ist der Neue, das ist der Nachfolger, das ist jetzt der von den Roten, das ist unser Landeshauptmann.“ Und in dem Moment habe er das Gefühl gehabt, die Leuten seien „wieder stolz auf Kärnten“. Während Kaiser spricht, grüßt er ständig Leute oder ruft ihnen „He, ollas Gute!“ zu. Man merkt, er geht auf sicherem Terrain, die Beliebtheitswerte auf der innerstädtischen Straße sind auffallend hoch.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl
(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Einer in ihrer Erhebung zwar eher zweifelhaften, aber im Ergebnis deutlichen OGM-Umfrage im Februar für „Servus TV“ zufolge, sprechen sich inzwischen 37 Prozent der SPÖ-Wähler auch für eine Koalition mit der FPÖ aus. Was sagt Kaiser dazu? Und würde er es mit den Blauen wagen? Der rote Landeshauptmann setzt zu einer langen und höflichen Erklärung an. Sie handelt davon, dass man „mit allen reden müsse“, dass er „einen Wertekompass“ hätte, der „dann nach der Wahl angewandt und die Parteien danach bewertet würden“, das hätte er immer schon so gemacht. Nur das sei der „Gradmesser“.

Chianti-Koalition: Love or Hate?

„Aber natürlich“, setzt er fort, „werde ich Dinge wie solche unlängst von der FPÖ-Jugend oder derartigen Kreisen ansprechen, weil ich sie verabscheue und weil das nicht human ist.“ Und das werde mit in die Bewertung für allfällige Koalitionen einfließen. Da zähle für ihn: „Wehret den Anfängen“, sagt Kaiser. Den Landeshauptmann, das merkt man, je länger man ihm zuhört, muss man manchmal zwischen den Zeilen lesen.

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Insgesamt halte er aber eine rot-blaue Liaison, die sogenannte „Chianti-Koalition“, für wenig vielversprechend. Das habe noch nie lang gehalten, meint er. Chianti heißt sie übrigens deshalb, weil die Vereinbarung zu dieser Zusammenarbeit in Kärnten 2004 zwischen Jörg Haider (FPÖ) und Peter Ambrozy (SPÖ) einst bei einem guten Glas toskanischen Weins getroffen worden war.

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Bussis, Doskozil und Sozialismus

Inzwischen ist Kaiser mit seinen Wahlhelfern beim Lindwurm angelangt, einem Klagenfurter Wahrzeichen aus dem 16. Jahrhundert. Alle paar Schritte verteilt er weiter Nagellacke. Und es kommt sogar zu weiteren Zärtlichkeiten. Eine Frau rennt freudestrahlend auf ihn zu, sie scheinen sich zu kennen: „Ja wos is, Herr Kaiser? Ohne Bussi kummst net weg!“ Und schon hat er ein Küsschen auf der Wange kleben. „Liebe, Zärtlichkeit und Sozialismus“, kichert eine Genossin aus Kaisers Wahlteam.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Doch bei aller Liebe: Wen man im roten Kärnten-Wahlkampf vergeblich sucht, ist Hans-Peter Doskozil. Anders als Kaisers Genossen in Niederösterreich oder Salzburg hat er auf Schützenhilfe aus dem Burgenland verzichtet. Wieso? Ist er selbst erfolgreich genug? „Der Hans-Peter und ich verstehen uns gut, wir sind nur nicht immer einer Meinung bei der Form des Stils im Umgang miteinander.“ Doch in den politischen Grundtendenzen mache er auf Landesebene in Kärnten vieles ähnlich wie im Burgenland, führt Kaiser aus. Das nämlich hätten ihre beiden Länder gemeinsam: Man sei lang hintennach gewesen und habe ähnliche Aufholprozesse gestartet.

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Mit wem sei er denn aus seiner Sicht „fix zsamm“? Die Antwort kommt umgehend: „Mit dem Michael Ludwig.“ Man kenne sich schon ewig, sagt Kaiser, einst langjähriger Chef der Sozialistischen Jugend in Kärnten – im Bund war erst Josef Cap sein SJ-Vorsitzender, dann Alfred Gusenbauer. Ihn hätten viele Richtungen in der Partei geprägt.

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Landes-Chef zum Anfassen

Zum Landeshauptmann-Leben gehören, wie man an diesem Tag beobachten kann, nicht nur Freundschaft, Nagellack und Grinse-Selfies, ständig ginge es darum, sagt er, Kompromisse voranzutreiben, deren Wirkung nicht immer sofort ersichtlich ist. Und auch hier auf der Straße sprechen ihn immer wieder Menschen mit ernsten Anliegen an. Die einen können ihre Rechnungen nicht zahlen, die anderen finden keinen Kindergartenplatz, wieder andere besorgt die Diskussion um Windräder, einigen reicht die Pension hinten und vorne nicht, und Angst vor einem Masernausbruch hat auch jemand. Kaiser redet mit allen, fast zu ausführlich, und berät sie teils sogar zu den verschiedenen Anträgen und wie man diese ausfüllt – ständig muss der Pressesprecher eingreifen und ihn aus den Gesprächen herauszwingen.  

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Dass sich die Menschen mit ihren Sorgen so offen an ihn wenden, rege ihn nicht auf, sagt er. Im Gegenteil: Es bestätige ihn darin, dass die SPÖ „Politik für die Menschen“ mache, so Kaiser. Er habe die Sozialdemokratie in Kärnten nicht nur zu ihrer alten Größe zurückgeführt, sondern auch gezeigt, dass er „krisenerprobt“ sei. Das mögen, sagt er, seine Mitwerber anders sehen, „aber für mich zählen die Leute.“ Er verschenkt seinen letzten Nagellack.

Auch am Sonntag wird geschwitzt

Trotz seiner 66 Jahre ist Kaiser ein agiler Typ. Jeden Morgen – und das schon seit 13 Jahren – setzt er sich um fünf Uhr früh auf seinen Hometrainer. Er lässt keinen Tag aus. Es helfe ihm, sagt er, all die Dinge leichter anzugehen. Auch am kommenden Sonntag, wenn Kärnten zu den Wahlurnen schreitet, wird Peter Valentin Kaiser im Morgengrauen aufs Fitnessgerät steigen. Wie leicht oder schwer sein Tag dann wird, werden die ersten Hochrechnungen ab 16 Uhr zeigen.

(C) ZackZack/Christopher Glanzl

Autor

  • Anja Melzer

    Hält sich für die österreichischste Piefke der Welt, redet gerne, sehr viel und vor allem sehr schnell, hegt eine Vorliebe für Mord(s)themen. Stellvertretende Chefredakteurin. Sie twittert unter @mauerfallkind.

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