Samstag, März 7, 2026

Vielen Dank für die Blumen. Jetzt die Rechte

Am 8. März regnet es Rosen. Wertschätzung in Zellophan verpackt. Hält ungefähr so lange wie der Applaus nach einer Podiumsdiskussion.

Der Frauentag ist der eine Tag im Jahr, an dem man Frauen offiziell bemerkt. Danach dürfen sie wieder funktionieren. Pflegen, organisieren, moderieren, vermitteln. Lächeln, wenn man sie unterbricht. Geduldig bleiben, wenn man erklärt, wie die Welt „wirklich“ läuft. Dürfen heißt allerdings nicht tun. Viele tun es nicht mehr. Sie werden oft genug dafür abgestraft.

In einem Land, in dem Gewalt gegen Frauen ein erschütternd großes Thema ist, ist diese Gewalt oft genug kein Thema. Immer noch schwingt zu oft das „selber schuld“ mit. Nicht einmal Natascha Kampusch glaubten zu viele Meschen, dass sie unschuldig in diese Gewaltorgie hineingeraten war. In Frankreich wiederum hat der Fall Pelicot gewaltig aufgerüttelt. Den Blick auf Opfer sexueller Gewalt verändert. Die Scham die Seiten wechseln lassen. Gisele Pelicot wird als Weltenveränderin in die Geschichte eingehen. Das zeigt wiederum, was nur eine einzige Frau bewirken kann, wenn sie mutig genug ist. Und: wenn ihr Mut und ihre Stärke auf offene Ohren und Augen treffen.

Gleichberechtigung wird immer noch und auch inmitten eines heftigen backlashes gern als abgeschlossenes Kapitel verkauft. Man zeigt auf ein paar erfolgreiche Frauen und sagt: Seht ihr? Es geht doch. Als wäre strukturelle Ungleichheit ein individuelles Motivationsproblem. Wer es nicht schafft, hat eben nicht genug an sich geglaubt. Oder zu wenig verhandelt. Oder falsch gelächelt. Solange die sogenannten Trad-Wives als Mogelpaket durch die Welt geistern, liegen für junge Frauen ganz neue Fallstricke bereit. Feminismus macht hässlich und unglücklich, raunen die gestriegelten, gefilterten und vor allem unehrlichen selbsternannten Role-Models. Mach es wie wir!

Währenddessen zählen wir weiter: die Stunden unbezahlter Arbeit, die Euro Unterschied am Gehaltszettel, die Namen der Frauen, die nicht mehr nach Hause kommen. Oder nur schwer verletzt. Nein, wir sind immer noch nicht empört genug.

Es heißt, Frauen seien schon so weit gekommen. Frauen sind weit gekommen – meistens zu Fuß, oft gegen den Wind. Aber weit genug? Wenn Macht noch immer überwiegend männlich klingt, wenn Fürsorge selbstverständlich weiblich buchstabiert wird, wenn Wut bei Frauen als Charakterfehler gilt und bei Männern als Führungsqualität – dann ist der Weg noch erstaunlich lang.

Frauen brauchen keine Blumen, die verwelken. Sie brauchen gesellschaftliche Entscheidungen, die bleiben.

Und nein, es geht nicht um Höflichkeit. Es geht um Strukturen. Um Geld. Um Sicherheit. Um Zeit. Um Deutungshoheit. Um das Recht, nicht dankbar sein zu müssen für Selbstverständlichkeiten.

Also danke für die Blumen. Wirklich. Aber Frauen brauchen keine Blumen, die verwelken. Sie brauchen gesellschaftliche Entscheidungen, die bleiben. Und wenn der Zorn und die Forderungen unbequem, vielleicht sogar verwerflich sein sollen – dann sagt es mehr über die Gesellschaft aus als über die Frauen, die fordern und zornig sind.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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