16. Okt. 2026
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    Dasein in Zeiten wie diesen

    Bald gibt es kein Weiter-Wie-Bisher mehr. Vielleicht ist diese Starre, die Europa befällt, das Totstellen vor der Eskalation.

    Es ist gar nicht so einfach, da zu sein. Also, nicht in dem Sinne, dass man akut davon bedroht wäre, weg zu sein, wie die Zivilbevölkerung in der Ukraine, dem Iran, Israel, Libanon, Sudan und wo es sonst noch gerade so aussieht, als würde sich der neunte Kreis der Hölle öffnen für ein kleines preview der ewigen Qualen.

    Wer da jetzt tot ist, der ist wirklich tot. Ganz weg. Zerstört und aufgerieben.

    Die Befehlsgebenden sitzen im warmen Stübchen. Ihre Kinder werden nicht an die Front geschickt. Ihre Familie ist in Sicherheit. Auf die ihren wird gut geschaut.

    Also, von diesem Wissen abgesehen, von dem erdrückenden Wissen, was derzeit sich rund um den Globus abspielt, eine Gewaltwelle nach der anderen, eine Grenzüberschreitung, die die nächste jagt, Entmenschlichung, Lügen, Kabale und Hass, keine Liebe, die auf einen nur irgendmöglichen besseren Ausgang hoffen ließe… von diesem Wissen abgesehen, fühlt sich das Dasein in Europa nach einer ewigen Winterstarre ein, nach Luftanhalten, nach Verstummen. Hat es Sinn, etwas zu sagen? Gibt es Chancen, dass das Rad, etwas, das manche wohl als das Samsararad bezeichnen würden, dieses sich beständig und gnadenlos weiterdrehende Rad täglich neu sich manifestierender Schrecklichkeiten, zum Stillstand kommt? Oder wenigstens langsamer wird?

    Ja, wir leben vorläufig nur als Zuschauende kriegerischer Handlungen. Aber wie lange bleibt das beim Zusehen? Und dabei ist nicht ein freiwilliger Kriegseintritt Europas gemeint. Sondern nur die Frage, wie lange sich Europa aus den tektonischen Machtverschiebungen heraushalten kann. Was jetzt schon geschieht: Es wird gesellschaftlich kühler. Sehr viel kühler. Klimatechnisch wird es hingegen heißer. Noch ist kein Kampf um die Ressourcen ausgebrochen. Aber man spürt auch dieses näherkommen. Nicht umsonst wird jetzt schon abgeklopft und vorgefühlt, wer sich als passender Sündenbock anbieten würde. Wer sich nicht gegen die Sündenbockisierung wird wehren können. Wo der geringste Widerstand zu erwarten ist. Diese Zuschreibungen geschehen im gesamten politischen Spektrum. Dieses Abtasten ist gefährlich. Es schweigend hinzunehmen ist noch gefährlicher. Es gibt keine einfachen Lösungen. Es gibt auch bald kein Weiter-wie-bisher. Vielleicht ist diese Starre, die Europa befällt, das Totstellen vor der Eskalation.


    Titelbild: Miriam Moné

    Autor

    • Julya Rabinowich

      Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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