Dienstag, Mai 19, 2026

Koalitionäre Abrissbirne

Dass man dem Verein ZARA die lebensnotwendige Förderung entzieht, ist ein Moment, in dem die Zivilgesellschaft den Atem anhält. In einer Zeit, in der die Worte wieder schärfer werden fehlt uns nicht das Geld, sondern das Rückgrat.

Manches an Österreich kann man nicht verstehen. Manches muss man fühlen, und dann versteht man es oft noch weniger. Oder, ganz im Gegenteil, man versteht ab einem gewissen Grad es nur zu gut. Es ist eine seltsame, kalte Logik, die sich hier breitmacht – eine Logik des Rotstifts, die dort ansetzt, wo die Haut am dünnsten ist.

Dass man dem Verein ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) nun die lebensnotwendige Förderung entzieht, ist so ein Moment. Ein Moment, in dem die Zivilgesellschaft den Atem anhält, weil ihr die Luft zum Atmen, nämlich die Mittel zum Handeln, einfach weggespart werden.

Es ist, als würde man in einem Haus, in dem es an allen Ecken und Enden brennt, die Feuerwehr nach Hause schicken, weil die Wasserkosten zu hoch geworden sind. Die Beratungsstelle #GegenHassimNetz war für viele ein Rettungsanker in einer Flut aus digitaler Toxizität. Nun soll dieser Anker eingeholt werden. Man spart am Schutz derer, die ohnehin schon im Fadenkreuz stehen.

Das ist kein Sparpaket, das ist eine Bankrotterklärung des Anstands.

Ausgehend ausgerechnet vom Familienministerium, ausgehend von einer Ministerin, deren Partei mit ebenjenem Anstand geworben hat. Aber gut, diese Partei hat auch mit Sebastian Kurz geworben. Dieser hat in seiner Angleichung an FPÖ-Rhetorik jene Schleusen geöffnet, aus denen es seither ohne Unterlass shitströmt. Da ist es beinahe nicht so abwegig, wenn nun seine Weggefährtin Bauer Gründe sucht, ausgerechnet hier zu sparen. Sie hat auch schon zuvor nicht vor nicht gerade von Geistesgröße zeugenden Attacken in bester blauer Manier zurückgeschreckt.

In einer Zeit, in der die Worte wieder schärfer werden, in der die Sprache zur Waffe gerät, in der gerade Frauen im Netz ganz besonderer Gewalt ausgesetzt sind, jene Frauen, die zu schützen alle Parteien angeben zu wollen, spart also Frau Bauer ausgerechnet bei Hilfe gegen Hass im Netz ein. Bezeichnend. Dabei braucht es Orte wie ZARA mehr denn je. Orte, die dokumentieren, die beraten, die nicht wegschauen, wenn der Alltagsrassismus seine altbekannte Fratze zeigt. Wenn diese Arbeit im Juni 2026 endet, bleibt eine Lücke, die sich nicht so einfach mit schönen Worten füllen lässt.

Wer Zivilcourage fördern will, darf sie nicht finanziell aushungern. Denn am Ende des Tages ist es nicht das Geld, das uns fehlt, sondern das Rückgrat, den Schwächsten zur Seite zu stehen, wenn es ungemütlich wird. Aber vielleicht ist das ja eben nicht Beifang, sondern Ziel. Frau Bauer hat bei Exkanzler Kurz viel gelernt. Und dieser Exkanzler hat seine Politträume noch nicht aufgegeben. Kurz möchte den Bibi machen. Bauer macht offenbar den Sobotka. Ein Angriff auf ZARA ist – gerade nach all den vollmundigen Beteuerungen der Koalition, nun aber wirklich gegen Hass im Netz vorzugehen und gegen Gewalt an Frauen – ein recht durchschaubarer Versuch einer koalitionären Abrissbirne.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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