Donnerstag, Mai 14, 2026

Der rachsüchtige Gott

Donald Trumps heilige Krieger sind in Kreuzzugs-Stimmung – jetzt sogar gegen den Papst.

Bei den Clowns, die uns heutzutage regieren, weiß man ja oft nicht, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind, und so sind die Zerwürfnisse und Kontroversen mitunter schockierend und herrlich unterhaltsam zugleich. Jetzt gibt es beispielsweise einen heftigen Streit zwischen Donald Trumps Bande und dem Papst. Logisch, letzterer sieht sich schließlich als Stellvertreter Gottes auf Erden, was Trump ganz eifersüchtig macht. Schließlich kann es nur einen Oberboss geben.

Die Welt werde von einer Handvoll Tyrannen zerstört, sagte Papst Leo – und nahm Trump da explizit nicht aus. Auch gegen einen „Machtmissbrauch“ des Religiösen wendet sich der Papst, was, angesichts der Geschichte aller Glaubenssysteme, also auch seiner, einer leisen Ironie nicht entbehrt, aber dadurch ja auch nicht unrichtig wird. Trump bringt das auf die Palme. Dass Papst Leo das alles auf amerikanisch sagt und im Akzent, der in Chicago gesprochen wird, triggert Trumps Reaktionäre wohl zusätzlich: Schon sprachlich klingt Leo ja wie Obama.

MAGA – eine religiöse Sekte

Den Vogel schoss, wie so oft, Trumps Vizepräsident J.D. Vance ab, der erklärte, der Papst solle „vorsichtig sein bei theologischen Fragen“. Was bringt schließlich ein Papst an theologischem Gewicht auf die Waagschale gegen einen Startheologen und Hobbyhillbilly wie J. D. Vance? Und hat der Papst noch nichts mitgekriegt von der Unfehlbarkeit des Donald in theologischen Fragen? „Papal Infallabitity“ heißt das kirchenoffiziell, aber der Donald hat wahrscheinlich geglaubt, dass damit die Maxime gemeint ist, dass man es ihm, dem Daddy, immer recht machen muss. Andernfalls fasse er, wie er so gerne sagt, nach der Pussy.

Neben der lachhaften und bizarren Grotesken steht hinter all dem aber doch eine ernste Sache. Wesentliche Teile der reaktionären Maga-Bewegung verwandeln die Republikaner in eine fundamentalistisch-religiöse Sekte, und zwar weit über den Grad hinaus, in dem amerikanische Politik immer schon von der Sprache des Religiösen geprägt war (oder, wie manche sagen würden, kontaminiert). Ein bisschen gar frömmlerisch war die US-Politrhetorik immer, das kann man gut aus der Entwicklungsgeschichte der Vereinigten Staaten erklären. Aber jetzt ist es besonders krass.

Die Apokalyptik des Peter Thiel

Kriegsminister Pete Hegseth gehört radikalen evangelikalen Fundamentalistengemeinschaften an. Auf seinem Körper hat er sich Kreuzrittersymbole eintätowieren lassen sowie den Gotteskriegerslogan „Deus Vult“, ein zentraler Ruf aus der Kreuzzugsära. Dass es eine radikal-fundamentalistische Strömung im US-Protestantismus gibt, die unverschämt nach politischer Macht greift, ist nicht überraschend – weil wir diesen Evangelikalismus seit Jahrzehnten gewohnt sind. Eher neu ist aber ein Fundamentalismus in der katholischen Szene von „Katholiban“. J. D. Vance gehört hier dazu, der erst vor sieben Jahren zum Katholizismus konvertierte. Peter Thiel, der Milliardär, Maga-Sponsor und J.D.-Vance-Pate, ist eine der Zentralfiguren dieses Fundamentalkatholizismus.

Thiel verwendet erhebliche Teile seiner Freizeit auf die Hobbytheologie. Seit Jahrzehnten widmet er sich seinen Studien von René Girard, dessen Buch über „Das Heilige und die Gewalt“ ein Schlüsseltext philosophisch-theologischer Literatur ist. Peter Thiel liest auch gerne den deutschen Nazi-Staatsrechtler Carl Schmitt, der in den zwanziger und dreißiger Jahren mit „Politische Theologie“ und anderen Schriften zur Polit-Religiosität bis heute einflussreiche Texte zum Thema vorlegte. Wenn Thiel neuerdings große Vorträge über den „Antichristen“ hält und über den „Katechon“, also jene Macht, die das Unheil des Diabolischen aufhält, dann ist das merklich von Carl Schmitt motiviert. Besonders hat es ihm die Apokalyptik angetan, ein durchaus interessantes Thema für Nerds. Thiel ist sowieso total interessant, auf seine Weise jedenfalls. Dass der Milliardär in einem „New York Times“-Interview die Überlegung anstellte, Greta Thunberg könne ja möglicherweise dieser Antichrist sein, verlieh dem hohen Schmittschen Gedanken allerdings einen kleinen Schuss ins Lächerliche.

Von unserer Warte europäischen Unverständnisses aus ist es aber auch eine gewisse Gefahr, diesen bizarren Irrwitz als lächerliche Eigenart amerikanischer Seltsamkeits-Kultur abzutun. Blickt man unvoreingnommen auf ihr Verhältnis zwischen Glaube und Politik, so ist klar erkennbar, dass die Maga-Leute mit viel Energie versuchen, die Religion in den Dienst radikaler Politik zu stellen. Gewiss, sie sehen äußerlich anders aus als die Ayatollahs mit Turban und langem Gartenzwergbart aus Quom. Aber ticken sie so viel anders?

Die Nächstenliebe – die Schwäche des Christentums

Früher grübelten geistesgeschichtlich Interessierte gerne über „die politische Theologie des Paulus“. Die US-Radikalen entwickeln nun eine „Politische Theologie des Donald“, zu der etwa das Prinzip des strengen, strafenden Gottes konstitutiv dazu gehört, eine Kreuzzugsmentalität, bei der man zu Jesus Christus, dem Erlöser, betet – und ihn um den Sieg im Krieg bittet.

Peter Thiel hat unlängst in einem Video-Talk darauf hingewiesen, dass das Christentum mit der Idee der Nächstenliebe aus seiner Sicht schon vor Jahrtausenden auf Abwege geriet, weil diese Nächstenliebe besonders den Opfern, Losern und Schwächlingen zugewandt sei. Damit würden die Schwachen gefeiert und den Starken wurde ein schlechtes Gewissen gemacht. Denen, die Gewinner sind, die etwa zu Reichtum gekommen sind, denen machte man ein schlechtes Gewissen, man rede ihnen sogar ein, man müsse teilen. Für Thiel ein Abweg, eine Sackgasse des Christentums.

Alles nur eine unterhaltsame Schrulligkeit? Das Katholiban-Getue und die Predigten eines fundamentalistischen „Christianismus“ kann durchaus gefährlicher werden. Thomas Assheuser äußert eben in der Hamburger „Zeit“ den Verdacht, dass „Religion gnadenlos zur Waffe umgeschmiedet“ wird. Ein zorniges, kriegerisches Christentum wird getrommelt, und als Mittel eingesetzt, die Leute aufzuhussen.

Der strafende Gott

Für reichlich Gespött sorgte vor ein paar Tagen der US-Kriegsminister Pete Hegseth, der im Zuge einer Lobrede auf seine Militärs vermeintlich aus einem alttestamentarischen Vers rezitierte: „Der Pfad der Gerechten ist auf beiden Seiten gesäumt mit Freveleien der Selbstsüchtigen und der Tyrannei böser Männer. Gesegnet sei der, der im Namen der Barmherzigkeit und des guten Willens die Schwachen durch das Tal der Dunkelheit geleitet, denn er ist der wahre Hüter seines Bruders und der Retter der verlorenen Kinder. Ich will große Rache an denen vollführen, die da versuchen, meine Brüder zu vergiften und zu vernichten. Und mit Grimm werde ich sie strafen, dass sie erfahren, ich sei der Herr, wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe!“ Es stellte sich später peinlicherweise heraus, dass die Passage aus einer Bibelpersiflage aus Pulp Fiction, dem Quentin Tarantino Film, ist. Der Vers wird dort gewohnheitsmäßig von einem Auftragskiller gesprochen, bevor er seine Opfer erschießt. Was für Trump, Vance & Co. ja gut als Analogie passt.

„Die Gotteslästerer von Washington“

Nicht zu Unrecht werden die Trump-Leute, die christliche Motive so unverschämt für ihre aggressive Weltkriegs-Rhetorik missbrauchen, in der Zeit schon als „die Gotteslästerer von Washington“ bezeichnet. Angesichts der humanistischen und emanzipatorischen Botschaften des Religiösen – „die Fremdlinge sollst Du nicht bedrücken“ – der Maximen von Nächsten- und sogar Feindesliebe, den Manifesten der Barmherzigkeit und des revolutionären Geists prophetischer Schriften ist das durchaus berechtigt. Schließlich ist uns gesagt worden: „Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache!“

Die biblische Tradition ist auch das Inhaltverzeichnis der rebellischen Ideale der Menschheitsgeschichte. Jeder Missbrauch durch die radikale Rechte ist insofern auch eine Gotteslästerung, etwa, wenn Herbert Kickl im Wahlkampf plakatieren lässt: „Euer Wille geschehe!“ Für jeden, der an den christlichen Gott glaubt, muss Herbert Kickl als Gotteslästerer erscheinen.

Aber das Zornige, das Aggressive, das Strafende, es ist in den Religionen ebenso angelegt, und speziell in den monotheistischen Religionen, die eine gewalttätige Unbedingtheit ins Feld des Religiösen eingeführt haben. Schon vor bald zwanzig Jahren schrieb der legendäre Religionswissenschaftler Jan Assmann, „angesichts der Weltlage können wir es uns nicht leisten, unsere Augen vor der Frage zu verschließen, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen dem exklusiven Wahrheitsbegriff des Monotheismus und der Sprache der Gewalt geben könnte“. Denn mit den Monotheismen – Judentum, Christentum, Islam – sei „die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch in die Religion, zwischen den wahren und den falschen Göttern“, in die Welt gekommen, kurzum: zwischen „Glaube und Unglaube“. Damit ist ein strenger, kompromissloser Ton angeschlagen, der sich aggressiv nach außen, aber auch aggressiv – und autosuggestiv – nach innen richte. Der Herr als „verzehrendes Feuer“, als „eifernder Gott“. Wen der Herr liebt, den züchtigt er, steht schließlich in den heiligen Schriften, und sogar in der angeblichen Religion der Liebe, dem Christentum, steckt das Gift des Eiferertums drinnen: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“, der berühmte, furchtbare Satz, er steht ja bekanntlich im Matthäus-Evangelium. Es ist die eifernde Sprache des Fundamentalismus, und mit dieser kommt eine Unduldsamkeit in die Welt.

Frömmlerei und Blutrünstigkeit

US-Kriegsminister Hegseth sieht die US-Militärs, die gerade den Iran bombardieren, nicht bloß in einem geopolitischen Konflikt, sondern in einem Krieg „für Jesus“, und weit weg ist er nicht mehr von der apokalyptischen Rhetorik, bei der Heilserwartung und Vernichtung so nah beieinander liegen. Es ist, wie die „Guardian“ schrieb, eine Verbindung von „Frömmlerei und Blutrünstigkeit“. Leibpastor Hegseth ist für die Errichtung einer Theokratie und beispielsweise für die Abschaffung des Frauenwahlrechts. „Militante Maskulinität und christliche absolute Gewissheit“ kombinieren sich zu einer „perversen Moral“, die der Guardian es ausdrückt. Der Krieger, der sein Leben in die Hand seiner Nation gibt und sich opfert, gewinnt „ewiges Leben“, sagte Hegseth im Februar beim „Nationalen Gebets-Frühstück“.

Ganz einig ist man sich freilich nicht, ob die Ayatollahs im Iran eigentlich Gegner sind. Schließlich gibt es, am Narrensaum des Christentums, auch katholische Theologen, die die iranischen Mullahs schon ganz okay finden. Immerhin will man etwas Ähnliches, nämlich einen Gottesstaat, in dem das religiöse Sittengesetz und die weltliche Herrschaft nicht getrennt sind. Sie wollen keinen säkularen Staat, in dem auch Christen leben, sondern einen christlichen Staat, also letztlich eine Theokratie. Diese katholischen Mullah-Fans haben übrigens nicht nur beste Verbindungen zu J. D. Vance, eine ihrer Zentralfiguren, Edmund Waldstein, lehrt in Österreich – im Stift Heiligenkreuz.


Titelbild: Miriam Moné, pixabay (https://pixabay.com/photos/cross-wooden-cross-jesus-christ-4178291/)

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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