Ein enger Vertrauter des früheren Philippinen-Machthabers Rodrigo Duterte wird wegen Menschenhandels und Korruption verfolgt. Wie ZackZack-Recherchen zeigen, lebt der Mann seit Monaten unbehelligt in Österreich, bereist andere Länder und will gleichzeitig Asyl. Das BMI äußert sich nicht.
Am Donnerstag sorgte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag für ein weltweites Medienecho: Rodrigo Duterte, der die Philippinen bis 2022 autoritär und mit einem brutalen “Krieg gegen Drogen” regierte, wird offiziell angeklagt. „Es gibt hinreichende Gründe zur Annahme, dass Herr Duterte für Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Mord und versuchten Mord verantwortlich ist“, entschieden die Richter. Duterte wurde im Frühjahr 2025 in die Niederlande ausgeliefert und befindet sich in Haft.
Bis jetzt blieb unter dem Radar, dass einer von Dutertes engsten Vertrauten, dem die philippinische Justiz Korruption und Menschenhandel vorwirft, seit Monaten unbehelligt in Österreich lebt. ZackZack berichtete schon im Dezember darüber, dass Harry Roque – philippinischer Politiker, Anwalt und jahrelang Sprecher Dutertes – sich um Asyl in Österreich bemüht.
Neue Recherchen zeigen nun, wie es sich der von der philippinischen Justiz Gesuchte hierzulande gemütlich macht und trotz angeblichen Asylverfahrens verschiedene EU-Länder bereist. Eine Petition von Duterte-Kritikern fordert die österreichischen Behörden auf, zu handeln.
Duterte-Vertrauter soll Schengen-Visum über Österreich erhalten haben
Kurz zur Vorgeschichte: Im Oktober 2024 erhoben die philippinischen Justizbehörden gegen Harry Roque Anklage. Es geht um seine Rolle als Berater des Glücksspielunternehmens Lucky South 99, das in eine riesige Affäre rund um Menschenhandel und Korruption verwickelt ist. Roque bestreitet die Vorwürfe, die Unschuldsvermutung gilt. Der 59-Jährige konnte sich kurz vor Anklageerhebung jedenfalls von den Philippinen absetzen und in die Vereinigten Arabischen Emirate einreisen.
Im Frühjahr 2025 tauchte der Politiker dann plötzlich in den Niederlanden auf, wohin auch sein Mentor Duterte überstellt worden war, und startete eine öffentliche PR-Kampagne für seinen Fall, den früheren Machthaber und gegen die derzeitige Regierung seines Heimatlandes.
Doch wie war Roque überhaupt nach Europa gekommen? Laut seinen eigenen Aussagen waren es die österreichischen Behörden, die ihm ein Schengen-Visum ausstellten. „In meinem Fall war das Land, das mein Visum ausgestellt hat, Österreich“, zitierte ihn das philippinische Medium Inquirer.

Gleichzeitig bemühte sich der Jurist um politisches Asyl in der EU, woraufhin ihn die niederländischen Behörden aufforderten, in das für laut Dublin-Regeln zuständige Land zu reisen – Österreich. Eine ZackZack-Nachfrage zum Zustandekommen seines Visums und Roques Asylfall ließen Außen- und Innenministerium im Dezember unbeantwortet; das BMI verwies lediglich knapp auf den Datenschutz.
In philippinischen Medien sorgte im Jänner 2026 ein Foto für Aufregung, das Roque gemeinsam mit der Botschafterin in Österreich – Evangelina Lourdes „Luli“ Arroyo-Bernas – zeigt. Die Diplomatin erklärte daraufhin, das Foto stamme aus dem Jahr 2023, seit damals habe sie keinen Kontakt mehr zu dem von den philippinischen Behörden gesuchten Politiker.
Ausreise während laufendem Asylverfahren?
Fest steht, dass Roque mittlerweile tatsächlich in Österreich lebt und es sich hier einigermaßen gut gehen lässt. Fotos in sozialen Medien zeigen ihn seit Mitte Dezember bei Besuchen von Konzerten der Sängerknaben, in Hallstatt, vor dem Stift Melk, im Stephansdom oder in den Tiroler Bergen. Offenbar verfügt er hierzulande über ein gutes soziales Netzwerk.

Am 19. Februar teilte Roque dann auf Facebook mit, dass er sich an Interpol gewandt habe und darum bat, ihn nicht mit dem Fahndungsvermerk „Red Notice“ zu versehen. Die philippinischen Behörden hatten laut Manila Times bereits im Dezember bei der internationalen Polizeibehörde um die Eintragung ersucht. Der Vermerk dient dazu, andere Länder zu einer Festnahme und Auslieferung zu bewegen.
Roque argumentiert dazu auf Facebook, er habe Interpol auf sein laufendes Asylverfahren hingewiesen und entsprechende Dokumente übermittelt. Zusätzlich sei ihm von der „österreichischen Polizei“ mitgeteilt worden, dass keine „Red Notice“-Meldung vorliege.

ZackZack fragte beim Innenministerium nach, was es mit dem kolportierten Asylverfahren auf sich hat und welchen Status Roque aktuell besitzt. Freitagnachmittag meldete sich das BMI nach Erscheinen des Artikels mit der Antwort, man gebe aus “datenschutzrechtlichen Gründen” keine Auskunft.
Dazu irritieren weitere Fotos, auf die ZackZack in den sozialen Medien gestoßen ist. Sie zeigen Roque seit Ende Dezember bei Besuchen in Deutschland, der Slowakei, Tschechien oder Ungarn. Budapest besuchte er demnach zuletzt am 10. Februar, Tschechien zwei Tage später.
Fragwürdig ist, wie die Reisebewegungen mit dem angeblich laufenden Asylverfahren zusammenpassen – und ob die heimischen Behörden davon Bescheid wissen. Immerhin muss sich ein Asylwerber im Bundesgebiet aufhalten, andernfalls muss das Verfahren laut §24 Abs. 2 des Asylgesetzes eingestellt werden.
Unklar ist überhaupt, mit welchen Dokumenten es Roque möglich ist, zu reisen. Die philippinische Nachrichtenseite GMA News berichtete schon im November, dass Roques Heimatland die Gültigkeit seines Passes annullierte. ZackZack machte das BMI weiters auf die entdeckten Reisefotos aufmerksam, eine Antwort darauf gab es nicht.

ZackZack versuchte zudem mehrmals, über eine auf Harry Roques Facebook-Profil angegebene Mailadresse Kontakt mit ihm aufzunehmen und entsprechende Fragen zu stellen. Die Übermittlung der Mails blieb allerdings erfolglos. Auch ein weiterer Kontaktversuch via Facebook mit Verweis auf geplante Berichterstattung blieb bislang unbeantwortet.
Petition fordert Österreichs Behörden zum Handeln auf
Indessen zeigen sich Aktivisten und Kritiker des Duterte-Regimes über die Freizügigkeiten Roques in Europas befremdet. Der in den Niederlanden lebende philippinische Buchautor und Journalist Joel Vega startete im Jänner eine Petition, mit der die österreichischen Behörden aufgefordert werden, Roque auszuweisen.
„Herr Roque hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die demokratischen Freiheiten in Europa auszunutzen und diese Freiheiten zu verwenden, um politische Gegner auf den Philippinen anzugreifen. Ein Auslandsaufenthalt sollte niemandem die Möglichkeit geben, andere ungestraft zu verunglimpfen“, heißt es im Infotext der Aktion, die bislang von rund 900 Personen unterstützt wird.

Vega, der sich seit Roques Ankunft in Europa intensiv mit dem Fall beschäftigt, sind dessen Reisebewegungen ebenfalls aufgefallen. Gegenüber ZackZack hält er fest: „Harry Roque pendelt zwischen Wien und anderen europäischen Städten wie Prag, Düsseldorf und sogar Den Haag hin und her. Das ist nicht erlaubt, aber er scheint damit durchzukommen.“
Titelbild: Christopher Glanzl, WikiCommons: Philippine News Agency, Toto Lozano


