Donnerstag, Mai 14, 2026

Unrecht und Einsicht

Das »System Kurz« ist längst gescheitert. Doch immer, wenn ein früheres Kurz-Groupie in Bedrängnis ist, ist die türkise Presse immer noch zur Stelle und schreibt sich in Rage.

Professioneller Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass der Berichtende zu denen, über die er berichtet, Distanz hält. Doch in den größten Medienhäusern Österreichs wird das Gegenteil gepflegt. Darauf ist man sogar noch stolz. Peinlich war die Flut der Selfies, die Journalisten von sich, Sebastian Kurz und seinen Adlaten posteten.

So schnell das »System Kurz« (Zitat: Rudolf Taschner) gescheitert und untergegangen ist, so sehr lässt die Einsicht der Kurz-Groupies auf sich warten, dass es uns nichts als Korruption, Freunderlwirtschaft, Schulden und Misswirtschaft gebracht hat. Kurz beförderte seine Groupies und hat sie überall postiert. Je unkritischer sie ihm gegenüber waren, desto lieber waren sie ihm. Rudolf Taschner ist so ein Kurz-Groupie. Er sagte im Nationalrat: »Und wenn Sie sagen: Das ist das System Kurz, das Sie hier befördern!, sage ich: Jawohl, das ist das System Kurz, das ist ein System der guten Zukunft, und dem möchte ich gerne angehören!« (Nationalrat, XXVII. GP 16. November 2021 129. Sitzung, Abgeordneter Mag. Dr. Rudolf Taschner)

Nun könnte man zumindest von einem Wissenschaftler Einsicht erwarten. Es ist keine Schande, zu sagen: »Es tut mir leid. Ich habe mich geirrt.« Im Trumpismus und im Kurzismus ist es aber nicht nur üblich, keine Einsicht zu zeigen, sondern im Gegenteil, wild um sich zu schlagen und zu klagen und das eigene Unrecht justament zum Recht machen zu wollen. Ohne dass das, was sie getan haben, vergleichbare wäre, muss man festhalten, dass sich August Wöginger, Roland Weißmann und Rudolf Taschner in ihrer aggressiven, skandalisierenden Verteidigungshaltung gleichen. Und dass das Ausschwärmen der türkisen Groupiepresse zu ihrer Verteidigung lässlich und peinlich ist.

Rudolf Taschner sollte das Goldene Doktordiplom der Uni Wien bekommen. Der Senat hat das verhindert. Prompt reiten die türkisen Groupies aus, um diese Entscheidung zu skandalisieren – allen voran Hubert Patterer in der Kleinen Zeitung:

Ich kann mir vorstellen, dass Taschners Popularität im akademischen Betrieb nicht allen behagte. Populär heißt dort sehr schnell unseriös. Die Entfremdung wurde zum Brandmal, als sich der Bestseller-Autor und Kolumnist auch noch den Türkisen anschloss. Er positionierte sich bildungsbürgerlich rechts.

Dass Taschner Türkiser wurde und immer noch ist, war sein Schaden nicht. Auch nicht finanziell. Seriös waren seine politischen Äußerungen kaum. Seine Popularität benutzte er, um die von Milliardenlobbys gepushten rechten Inhalte wie das »Festhalten am Verbrenner« und damit die Leugnung der ökologischen Auswirkungen fossiler Emissionen zu propagieren. Das ist weder originell noch mutig. Es ist reaktionärer Mainstream, dem selbst Patterer nicht ganz folgen will:

Dass er beim Klimawandel gegen die apokalyptische Wollust anschrieb, fand ich argumentierbar. Dass er die Klimakrise per se zu einem „Scheinproblem“ herabstufte, war indes mehr Leugnen als Meinen. Das war nicht Ideologiekritik, sondern Gegenideologie. Ihn deshalb zu ächten, ist dennoch unwürdig. Ich dachte immer, dass das Ideal der Universitas das freie Reden, Streben und Irren mit einschließt, auch den gehobenen Unfug. Man muss dann halt mit Gegenfeuer rechnen, das hat sich Taschner redlich erarbeitet, wenn er ins Abschüssige geriet. Was er nicht verdient: eine Stillosigkeit wie die Ausladung zu einer Ehrung.

Während Patterer im Fall Taschner also Cancel Culture ortet und Free Speech fordert, geht es im Fall Roland Weißmann gerade umgekehrt zu. In dieser Causa hat sich ein weiterer türkiser Fanboy warmgeschrieben, der in regelrechter Rage ausrückt, um Roland Weißmann zu verteidigen. Oliver Pink schrieb in Die Presse über den ORF:

Man fragt sich ja öfters, wozu der Staatsfunk – darf man natürlich nicht sagen, also das Wort! – drei Sender braucht.

Weil man es nicht sagen darf, darf er es schreiben. Was man aber laut Herrn Pink nicht sagen darf, ist das, was Weißmann in seinen Chats an eine Mitarbeiterin geschrieben hat. Pink, der von der »verlorenen Ehre« Weißmanns und dessen »selbstverschuldetem Unglück« spricht, argumentiert rein täterseitig. Der »Staatsfunk« ist ihm nicht wichtig, sondern nur sein ehemaliges türkises Oberhaupt. Dessen Leben sieht er nun durch die Veröffentlichung der Chats im FALTER zerstört:

Man weiß nicht, ob das den Kollegen des „Falter“ überhaupt bewusst ist: Sie haben einen Beitrag geleistet zur Zerstörung der bürgerlichen Existenz eines Menschen. Als sie die Chats und Telefonprotokolle von Roland Weißmann im Wortlaut veröffentlichten, war er nämlich längst nicht mehr Generaldirektor des ORF. Er war nur noch Privatmann. Gekündigt auch als Abteilungsleiter.

Im Fall Weißmann und ebenso in der Causa Wöginger wäre vor allem eines nötig: Einsicht zu zeigen und sich zu entschuldigen. Sowohl die ÖVP als auch die sogenannte bürgerliche Presse müssen ihre bigotte Haltung aufgeben und damit aufhören, sich in rein parteipolitischer Haltung im Verteidigen untragbarer Vertreter zu verzetteln.

Die »bürgerliche Existenz« eines Menschen – wenn sich die türkise ÖVP überhaupt noch für das Bürgertum interessiert – hat auch eine ethische Komponente. Und diese Ethik sieht auch vor, das Unrecht, das man begangen hat, einzusehen und falsche Standpunkte zu revidieren.


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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