Mittwoch, Juni 10, 2026

Macht Babys, aber dalli!

Haltet den jungen Leuten keine Moralpredigten. Gebt ihnen Sicherheit. Dann bekommen sie auch mehr Kinder.

Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron verschickt dieser Tage Briefe an alle jungen Leute, in denen er sie dazu auffordert, entschlossen Liebe zu machen. „Es ist Zeit, sich zu überlegen, ob Sie ein Kind haben wollen oder nicht“, heißt es in dem Schreiben. Die Französinnen und Franzosen sollen mehr Kinder bekommen. Nörgler merkten an, dass Macron selbst kinderlos ist.

Nicht nur die Geburtenrate in Frankreich ist abgestürzt, von rund zwei Kindern pro Frau auf rund 1,5. In ganz Europa bricht jetzt eine Debatte über die Bevölkerungsentwicklung und die Entwicklung der Geburten aus, weil sie praktisch in allen Ländern von ohnehin niedrigem Niveau noch einmal abgestürzt ist. In Deutschland liegt die sogenannte Fertilitätsrate bei 1,38 Kindern pro Frau, in Österreich sank sie auf 1,29, in Italien gar auf 1,14. Das heißt, etwas salopp formuliert: Wir sterben nicht nur aus, wir sterben verdammt schnell aus. Wenn das so weiter geht, kommen irgendwann auf 100 Rentner nur zwei Enkelkinder (gut, das ist jetzt etwas übertrieben, aber in diese Richtung geht es).

Soziologen sprechen von der Fertilitätsrate je Frau, im Deutschen ist der Begriff Geburtenrate gebräuchlicher, aber unpräziser. Damit eine Bevölkerung stabil bleibt, braucht es eine Fertilitätsrate von 2,1 Kindern pro Frau. Warum? Damit ist nicht nur die Frau „reproduziert“, sondern auch der an der Fortpflanzung, auf welche Weise auch immer, beteiligte Partner. Die „,1“ nach dem Komma trägt der Tatsache Rechnung, dass manche Frauen keine Kinder bekommen können. Zudem sterben ein paar wenige Unglückliche, bevor sie das Alter erreichen, in dem man üblicherweise Kinder bekommt. Kurzum, die „,1“ bezieht ein, dass es nicht ganz ausreicht, wenn zwei Menschen zwei Nachkommen zeugen, um die Bevölkerung stabil zu halten. Aber das ist das soziologisch-demografische Kleingedruckte gewissermaßen.

Spart Euch Mutterkreuzblödsinn!

Sobald die Geburtenentwicklung politisch diskutiert wird, bekommt das Thema einen strengen Beigeschmack. Man verbindet damit moralischen Druck oder konservative Werte, die der heteronormativen Kleinfamilie den Vorrang geben. Es schwingt sogar eine frömmelnde Gestrigkeit mit, welche die Mutter einer Schar von Kleinkindern zur Norm erheben mag. Mutterkreuzblödsinn also. Aber man kann über die Geburtenentwicklung zugleich nicht nicht diskutieren, da sie erhebliche politische Auswirkungen hat. Oft werden aus verschiedensten Richtungen die Augen vor diesen zugedrückt.

Niedrige Geburtenraten führen zu einem sinkenden Arbeitskräftepool und damit zum berühmten „Fachkräftemangel“. Natürlich kann man die Frage stellen, ob das künftig so schlimm sein muss – wegen Automatisierung, Robotern und KI. Höchstwahrscheinlich wird es aber trotz aller Technik und wachsender Produktivität schwer, das Wohlstandsniveau zu halten, wenn einfach weniger Leute da sind, die zur materiellen Produktion und immateriellen Dienstleistungen beitragen. In einem Pensionssystem, das auf dem Umlageverfahren beruht – simpel gesagt: in dem die Beschäftigten einer Generation für die ehemaligen Beschäftigten der früheren Generation durch Sozialbeiträge die Renten bezahlen –, hat eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung aber direkte sozialpolitische Auswirkungen.

Dann gibt es im Grunde drei Möglichkeiten: Entweder man kürzt die Renten (ganz schlecht), oder man erhöht das Pensionsantrittsalter (nicht unbedingt schlecht), oder man behilft sich, indem der Staat aus den Budgets immer mehr zu den Pensionszahlungen zuschießt, wofür man dann neue Steuern braucht, wie etwa Vermögenssteuern oder Erbschaftssteuern. Letzteres ist gar nicht schlecht, aber erstens in der notwendigen Höhe unrealistisch.

Und zweitens stellt sich natürlich immer die Frage, ob man das Geld nicht besser verwenden könnte. Wenn man ganz tolle, hohe Gerechtigkeitssteuern von den Reichen kassiert, muss man ja immer noch die Frage stellen: Will man die drei, vier zusätzlichen Milliarden für Renten ausgeben, oder eher für die Bildung der Kinder und jungen Leute? Oder für die Klimapolitik? Für Forschung und Entwicklung und neue Technologien? Das Thema ist komplex, wenn man die verschiedenen Sektoren der Wirtschaft – also Angestellte, Arbeiter, Selbständige, Beamte, Bauern, betrachten würde – aber wenn man die Details einmal beiseitelässt, dann gilt: Der Beitrag aus Budgetmitteln zu den Pensionen wächst, und zwar nicht um irgendwelche Minibeträge, sondern um fette Milliarden.

Rentenkürzungen und Altersarmut sind keine Lösung

Zuwanderung alleine wird das nicht lösen können: Um das Verhältnis von Erwerbsbevölkerung zu Rentnern stabil zu halten, bräuchte es in Deutschland rund 400.000 Zuwanderer jährlich, in Österreich wird die Zahl um den Faktor 10 geringer sein, also um die 40.000. Zuwanderung aus dem ost- und mitteleuropäischen Raum wird bald versiegen, diese „Zuwanderermärkte“ sind leer gefegt, sie kämpfen mit ähnlichen Problemen und das unterschiedliche Wohlstandsniveau ist auch nicht mehr ein so starker Magnet. Integration funktioniert für niemanden gut – weder für die Zuwanderer, noch für die Einheimischen – ab einer gewissen Quantität von Zuwanderung, abgesehen von der Infrastruktur, die natürlich auch irgendwann überfordert ist (von den Schulen bis zum Wohnungsbau).

Kommt es schlimm, dann beißt sich die Katze in den Schwanz: Um die Renten stabil zu halten, müssen junge Erwerbstätige immer mehr Sozialabgaben und Steuern bezahlen, und wenn dann auch noch Wirtschaftskrisen dazu kommen, verdunkeln sich ihre ökonomischen Aussichten. Wenn das Krisenbewusstsein wächst, bekommen sie noch weniger Kinder. Dann ist man in einer Problemspirale.

Leider sind Debatten ums Kinderkriegen und die Bevölkerungsentwicklung so ideologisiert, dass sie leicht ins Fahrwasser von Kulturkriegen kommen. Die Ideologisierung hat viele Spielarten: So kommt bei jeder Debatte über die Inflationsanpassung der Renten das Argument, diejenigen, die nun in Pension gehen hätten „ein Leben lang einbezahlt und ihren Beitrag zum Generationenvertrag geleistet“. Aber haben wir das wirklich? Zum Generationenvertrag gehört ja eben auch, ausreichend Kinder zu bekommen, um die künftige Erwerbsbevölkerung stabil zu halten. Und das hat die „Boomer“-Generation nicht getan. Fast niemand von „uns“ – also der zwischen 1950 und 1970 geborenen Generation – hat das getan. Man muss diese Tatsache nicht ideologisieren, aber es ist nun einmal ein Faktum.

Wirtschaftliche Unsicherheit heißt: Weniger Babys

Oft ist wiederum auch zu hören, dass Individualismus und eine Erlebnisorientierung des Hedonismus dazu führen, dass Menschen weniger Kinder bekommen. Natürlich spielen Lebensziele und Lebensentwürfe eine große Rolle. Gibt es mehr Singles, gibt es weniger Babys. In traditionellen Gesellschaften bekommen Frauen sieben oder acht Kinder, aber sobald sich Gesellschaften modernisieren, bekommen sie nur mehr zwei. Das ist klar. Der Arbeitsmarkt spielt eine große Rolle und die ökonomischen Aussichten von jungen Familien. Wer bis Ende zwanzig in einer Ausbildung steckt, dann mehrere Jahre braucht, um sein Berufsleben zu konsolidieren, bekommt mit 35 das erste Kind – und dann läuft oft die Zeit für das zweite davon.

Erstaunlich ist aber Folgendes: Fast überall laufen Kinderwunsch und Fertilitätsrate in den vergangenen Jahrzehnten auseinander. Studien zeigen, dass der in Umfragen geäußerte Kinderwunsch und die tatsächliche Nachkommenschaft auseinanderklaffen. Simpel gesagt: Die Menschen bekommen weniger Kinder als sie eigentlich wollen. Wirtschaftliche Unsicherheit ist dafür der entscheidende Grund. In den letzten Jahren mag auch noch die Aussicht auf die Klimakatastrophe hinzukommen. 2050 können unsere Gegenden weitgehend unwirtlich sein.

So sind zwei Dinge in jedem Fall klar, trotz aller Kompliziertheiten: Für einen ordentlichen Sozialstaat und eine gute Wohlstandsentwicklung wäre es besser, wenn die Menschen mehr Kinder bekämen. Und wenn man ihnen weniger ökonomische Sicherheit gäbe, dann würden sie auch mehr Kinder bekommen. Eine Kultur des „jeder kämpft gegen jeden um seinen kleinen Vorteil“ und wachsende Prekarität, die Teuerungskrise, die Unbezahlbarkeit des täglichen Lebens, steigende Mieten, eine „Nach-uns-die-Sintflut“-Mentalität – all das führt direkt zu weniger Babys.

Haltet den jungen Leuten keine Moralpredigten. Gebt ihnen Sicherheit. Dann bekommen sie auch mehr Kinder.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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