Barbara Buchegger ist seit über 20 Jahren bei Safer Internet, jetzt gibt es jedoch eine Änderung in der Finanzierung. Seit April 2026 gibt es keine EU-Förderung mehr, die Hälfte der vergleichbaren Zentren in Europa steht vor dem Aus. Im Gespräch mit ZackZack erklärt Buchegger, warum ChatGPT Jugendliche zu Beratungsstellen schickt, wieso der Meta-Konzern beim Thema Kinderschutz versagt und wie die Initiative Safer Internet in Zukunft weitermacht.
Safer Internet ist eine EU-Initiative, die Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrende beim sicheren Umgang mit digitalen Medien unterstützt. Finanziert wurde sie bisher aus dem EU-Programm Digital Europe und Mitteln der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft.
Mehr als die Hälfte der EU-Zentren ohne Finanzierung
ZackZack: Safer Internet wird ja aus öffentlichen Geldern finanziert: Wer bezahlt zu welchem Anteil? Und gab es schon mal die Befürchtung, dass Sie Opfer des Sparkurses werden könnten?
Barbara Buchegger: Ja, da weiß ich jetzt nicht, was ich sinnvoll antworten soll. Im Moment sind wir nämlich gar nicht finanziert. Und wir sind auf der Suche nach Finanzierung. Es schaut ganz gut aus, dass wir eine Zwischenfinanzierung finden, bis wir eine nächste EU-Förderung bekommen. Es ist immer sehr unterschiedlich, was die Fördertöpfe hergeben. Da gibt es keinen fixen Betrag, weil sich das leider dauernd ändert.
Im Moment sind wir in der Situation, dass wir die EU-Förderung nicht bekommen haben. So wie mehr als die Hälfte aller Safer-Internet-Zentren in den EU-Staaten. Da gab es ein Problem in der EU-Kommission. Das versuchen sie jetzt wettzumachen, indem sie eine neue Förderung ab nächstem Jahr ausgeschrieben haben für eben so Zentren wie uns, die keine Förderung erhalten haben. Für heuer müssen wir schauen, dass wir eine Überbrückungsfinanzierung aufstellen. Und da sind wir jetzt dabei.
ZackZack: Und kein Ministerium fühlt sich in Österreich zuständig?
Barbara Buchegger: Durchaus fühlen sich welche zuständig, zum Glück. Aber es ist noch nicht am Konto, daher kann ich noch nichts sagen.
ZackZack: Also könnte Safer Internet dem Sparzwang zum Opfer fallen?
Barbara Buchegger: Also ich hoffe, dass es nicht so ist. Aber das kann ich nicht so direkt sagen.
Redaktionelle Anmerkung:
Wir haben bei Frau Buchegger und Safer Internet nach dem Interview zur Finanzierungssituation nachgefragt.
Dort zeigt man sich optimistisch, bis Ende des Jahres eine Unterstützung auf nationaler Ebene zu erhalten und zwar von drei Ministerien. Welche Ministerien der Initiative konkret zur Hilfe eilen könnten, will man aber noch nicht bekannt geben, da die Gespräche aktuell laufen.
Das Bildungsministerium sowie das Bundeskanzleramt sind grundsätzlich Förderer von Safer Internet, eine verbindliche Zusage für die aktuelle Krise gibt es aber offenbar noch nicht.
Ab Anfang 2027 wird damit gerechnet, wieder eine Förderung durch die EU zu erhalten.
Die Gründe für die fehlende EU-Finanzierung seien laut Frau Buchegger unklar; es gebe widersprüchliche Aussagen. Fakt ist: Es war zu wenig Geld da. Rund die Hälfte aller vergleichbaren Institutionen in der EU bekam keine Förderung.
Kurios ist, dass der Digital Services Act der EU vorschreibt, dass es Einrichtungen wie Safer Internet braucht.
ChatGPT als Vermittler?
ZackZack: Frau Buchegger, wann kommen Kinder und Jugendliche oder deren Bezugspersonen mit Safer Internet zum ersten Mal in Kontakt?
Barbara Buchegger: Das ist unterschiedlich, ich nehme an, oder ich hoffe, in der Schule, wenn wir zu einem Workshop kommen.
ZackZack: Und kommt es vor, dass Sie von den Jugendlichen direkt kontaktiert werden?
Barbara Buchegger: Also ein Safer-Internet-Center hat immer drei Teile in ganz Europa. Wir sind sozusagen der “Bewusstseinsbildungsteil”. Dann gibt es immer eine Helpline, in Österreich ist das Rat auf Draht, und das ist auch der Ort, wo Jugendliche oder Kinder direkt an uns herantreten können. Das sind dann Dinge wie Liebeskummer, wie meine Eltern verstehen mich nicht oder auch Cybermobbing. Sextortion, also Erpressung im Zusammenhang mit Nacktfotos, ist auch ein Thema, das bei Rat auf Draht sehr häufig vorkommt. Rat auf Draht ist auch ein sogenannter Trusted Flagger. Das heißt, eine Einrichtung, deren Meldungen von den Plattformen ernster genommen werden müssen als sonstige Meldungen. Rat auf Draht hat auch zum Beispiel beim Melden von Profilen wegen Sextortion, tatsächlich Erfolge und kann da wirklich etwas bewegen.
ZackZack: Haben Sie das Gefühl, dass in letzter Zeit die Hilfeansuchen zugenommen haben?
Barbara Buchegger: Wenn ich die Statistiken sehe, ist das eigentlich nicht so, es scheint sich jedoch etwas geändert zu haben, nämlich dass Jugendliche von ChatGPT zu Rat auf Draht geschickt werden. Also dass sie in ihrer ersten Beratung ChatGPT aufsuchen und ChatGPT ab einem gewissen Punkt sagt, “wende dich an eine Einrichtung, zum Beispiel Rat auf Draht“, und sie dann den Kontakt aufnehmen.
ZackZack: Sagen die Betroffenen dann, dass sie von ChatGPT geschickt wurden?
Barbara Buchegger: Ganz genau.
ZackZack: Und was raten Sie Jugendlichen, die Opfer von KI-Missbrauch werden?
Barbara Buchegger: Bleib nicht alleine. Such dir Hilfe. Schließ dich mit anderen zusammen. Wende dich an Einrichtungen, die dir helfen können, das zu verarbeiten. Melde in den Plattformen. Nutze, dass die Plattformen solche Sachen auch runternehmen müssen. Es gibt ein Angebot einer amerikanischen Kinderschutzeinrichtung, die heißt Take It Down. Ich kann hier Aufnahmen hochladen und dieses Tool verhindert, dass sie dann in Pornoplattformen oder in den Kurzvideoplattformen hochgeladen werden.
Meta von KI überrollt
ZackZack: Haben Sie das Gefühl, dass von Meta und Co. genug Initiative kommt, um das KI-Problem mit Deepfake, für Kinder- und Jugendschutz, anzugehen?
Barbara Buchegger: Nein, definitiv nicht. Also ich glaube, das hat sie genauso überrollt. Bei Meta hat man ja bemerkt, dass die nicht mal kapiert haben, dass KI daherkommt. Der Schutz von Personen ist keiner der Plattformen irgendwie wichtig. Das ist auch ganz klar, weil das Geschäftsmodell ein anderes ist. Sie wollen ja, dass möglichst viele Personen die Inhalte anschauen, und da sind hochemotionalisierende Inhalte, die Aufreger sind, die wirklich viele betreffen, wo viele nachschauen wollen, was da zu sehen ist, natürlich sehr guter Content. Und KI-generierter Content gehört da dazu.
Das Social-Media-Verbot
ZackZack: Wo wir schon bei Social Media sind, es kommt ein Social-Media-Verbot. Die Altersgrenze für die künftige Nutzung sozialer Medien liegt bei 14 Jahren –
Barbara Buchegger: Die Altersgrenze ist bereits bei 14 Jahren, weil die Datenschutz-Grundverordnung auch für Social Media gilt. Also wir haben eigentlich bereits ein Gesetz. Es wird nur ignoriert, es wird nicht umgesetzt, es wird nicht kontrolliert.
ZackZack: Wieso wird das ignoriert?
Barbara Buchegger: Da sind wir bei der Altersfeststellung. Und das ist ja der Punkt, der kommt dann im Zusammenhang mit Social-Media-Verbotsgesetzen. Die funktionieren ja nur dann, wenn es eine Altersfeststellung gibt, die am Handy in irgendeiner Art und Weise funktioniert. Und das ist auch der Grund, warum es bis jetzt nicht funktioniert. Es gibt diese Altersfeststellung nicht.
ZackZack: Wie sehen Sie die Begrenzung auf 14 Jahre?
Barbara Buchegger: Ich glaube, das ist in Österreich das richtige Alter. Es hat sich 14 als so ein wichtiges Alter bei uns eingebürgert. Wir haben ein Wahlalter mit 16, das ist in kaum einem anderen europäischen Land der Fall. Und daher braucht es eine Hinführung der Jugendlichen, um überhaupt dann in der Lage zu sein, hier an der Demokratie teilnehmen zu können.
ZackZack: Kommt von der Politik momentan genug Initiative und Regulierung, was KI angeht?
Barbara Buchegger: Bei KI ist es noch so ein bisschen am Rande. Manchmal kann man den Eindruck bekommen, dass wir jetzt versuchen, die Fehler, die bei Social Media in der Vergangenheit durch Nichtstun passiert sind, also wo man einfach die Konzerne hat machen lassen, jetzt bei KI schon früher mit Regulierung zu beginnen. Aber die Mühlen mahlen manchmal langsam.
ZackZack: Large-Language-Modelle sind frei zugänglich und existieren jetzt schon seit ein paar Jahren. Hätte da von der Politik früher schon eine Handlungsinitiative kommen müssen?
Barbara Buchegger: Wenn ich ins Ausland schaue, waren wir früh dran. Die Bildungspolitik hat schnell mit KI-Pilotschulen reagiert, hat mit Möglichkeiten reagiert, dass Schulen das auch ausprobieren können. Ich habe das Gefühl, in Österreich sind wir immer sehr gut darin, einfach Dinge sehr schnell auszuprobieren. Es dann in die Breite zu bringen, ist manchmal so die Schwierigkeit. Und das hätte ich jetzt in diesem Fall auch gesehen.
Ein Ausblick
ZackZack: Gibt es von der Politik etwas, was Sie sich konkret wünschen würden, was noch passieren sollte?
Barbara Buchegger: Ich glaube, es braucht viel mehr Elternbildung. Es braucht mehr Aufmerksamkeit bei Eltern dafür, dass sie ihre Rolle in der Medienerziehung wahrnehmen müssen. Hier nicht wegzuschauen, das nicht zu ignorieren. Gerade die ganz kleinen Kinder drohen hier wirklich Schaden zu nehmen. Da braucht es einfach viel mehr Kampagnen, viel mehr Aufklärung, viel mehr Bewusstseinsbildung. Und das ist halt in Zeiten von Sparzwängen ziemlich kompliziert.
ZackZack: Was wird Ihrer Meinung nach in der Debatte um KI oft übersehen?
Barbara Buchegger: KI ist ein Tool, das uns hilft. Es hilft uns nicht, Angst davor zu haben. Es hilft uns nicht, Panik zu schieben. Was wir übersehen, ist, dass wir im Austausch miteinander sein müssen. Und das ist jetzt nicht nur etwas, was KI-typisch ist. Aber hier ist es so besonders wichtig, weil sich so viel weiterentwickelt.
ZackZack: Blicken Sie optimistisch auf Österreichs Zukunft, was das Thema KI und Kinderschutz angeht oder eher nicht?
Barbara Buchegger: Ich habe den Eindruck, dass wir im Moment Menschen in der Regierung haben, die da sehr wohl Notwendigkeit sehen, also die den Druck, den es da gibt, sehen. Und ich sehe auch, dass wir auf der EU-Ebene, und ich glaube, die ist zu diesen Fragen fast noch wichtiger als die nationale Ebene, auch diese Dringlichkeiten sehen. Und wenn wir national Druck machen auf die EU, wie zum Beispiel mit all diesen Diskussionen, die wir im Moment führen, dann gibt denen das auch mehr Stärke, sich in Richtung über den großen Teich weg zu den Technokonzernen auch stark zu zeigen. Und das ist letztendlich das, was auch unsere Kinder besser schützen wird. Und nicht nur unsere Kinder, sondern alle, weil die Dinge, von denen wir da so reden, da sind ja alle betroffen, nicht nur die Kinder und Jugendlichen.
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