Mittwoch, Juni 10, 2026

Musks nützlicher Hooligan

Eine verhältnismäßig kleine Demonstration in London wurde zu einer Weltnachricht. Tommy Robinson, ein gewalttätiger Fußball-Hooligan und Rechtsextremer, hatte zu einem patriotischen Marsch aufgerufen. Sein Unterstützer ist Elon Musk – und die westlichen Medien.

Während am Samstag in Wien das Finale des Eurovision Song Contest in Englischer Sprache moderiert wurde – und das von Moderatorinnen und Moderatoren, die es in der Beherrschung dieser Sprache schon ein Stück weit geschafft haben –, war Großbritannien, das beim ESC mit einem Punkt den letzten Platz belegte, mit einer anderen Nachricht in den Weltschlagzeilen. Eine Menschenmenge, deren Größe weit unter den Erwartungen blieb, forderte in weltanschaulicher Einigkeit offensichtlich sehr verschiedene Dinge. Amy Walker, Nick Johnson und Tom Symonds berichteten für die BBC:

Teilnehmer des „Unite the Kingdom“-Marsches versammelten sich in Kingsway, bevor sie sich auf den Weg nach Whitehall und zu einer Kundgebung auf dem Parliament Square machten. Viele schwenkten britische Flaggen, einige trugen rote Mützen mit der Aufschrift „Make England Great Again (Mega)“. Außerdem waren Sprechchöre wie „Wir wollen Starmer raus“ zu hören.

Die Anwesenden erklärten gegenüber der BBC, dass sie sehr unterschiedliche Ansichten vertraten – darunter einige, die sich das Ende der derzeitigen Regierung wünschten, und andere, die der Meinung waren, dass weiße Menschen, insbesondere Angehörige der weißen Arbeiterklasse, in Großbritannien diskriminiert würden.

Auch die ZiB1 in Österreich berichtete vom Tommy-Robinson-March, einer Demonstration, die aus unerfindlichen Gründen zu einer Weltnachricht wurde. Ähnlich wie bei Charlie Kirk – den fast niemand kannte, bevor die Presse beschloss, ihn zu einer weltbewegenden Figur zu machen – wird hier aus einer Randfigur eine Ikone gemacht; vermutlich, weil ein Milliardär für ihn Werbung macht. Somit wurde die Demonstration ein Weltthema, noch bevor man Tommy Robinson sagen konnte. Für The Times berichteten Hugo Daniel, Dipesh Gadher und Katie Tarrant:

Scotland Yard gab an, dass schätzungsweise 60.000 Menschen an Robinsons „Unite the Kingdom“ (UTK)-Demonstration teilnahmen – ein Rückgang gegenüber den rund 100.000 Menschen, die im vergangenen September auf die Straße gegangen waren. An der konkurrierenden pro-palästinensischen Demonstration nahmen nach Angaben des Sicherheitsdienstes zwischen 15.000 und 20.000 Menschen teil.

Elon Musk, der bei der Demonstration im vergangenen September per Videokonferenz zugeschaltet war, teilte ein von Robinson auf X gepostetes Video, in dem dieser fälschlicherweise behauptete, „Millionen“ Menschen hätten an dem Marsch teilgenommen. Ohne weiteren Kontext zu liefern, sagte Musk: „Die Tausenden von Briten, die nur wegen Social-Media-Beiträgen oder weil sie ihre Meinung geäußert haben, inhaftiert wurden, müssen freigelassen werden!“

Wenn Elon Musk das Geld, das er angeblich besitzt, auch selbst gezählt hat, ist er also vielleicht gar nicht der reichste Mann der Welt. Jedenfalls aber ist er gerne auf der Seite von Straftätern, vor allem dann, wenn sie westeuropäische Staaten politisch aufmischen wollen.

Wer ist Tommy Robinson? Sein richtiger Name ist Stephen Yaxley-Lennon. Er ist ein Fußball-Hooligan, der im Jahr 2010 Ausschreitungen zwischen den Fans der Clubs Luton Town und Newport County anführte. Der Grund für diese Schlägereien kann also nur Inländerfeindlichkeit gewesen sein. Eine Splittergruppe von Luton-Town-Fans gründete 2009 die rechtsextreme English Defence League (EDL). Robinson wurde mehrfach verurteilt, unter anderem wegen Körperverletzung, Attackieren von Polizisten und Dokumentenfälschung.

Sky News befragte Paul Jackson, den Autor des Buchs Pride in Prejudice: Understanding Britain’s Extreme Right, was es mit Robinson auf sich hat:

„Ich finde es interessant, dass jemand, der den Namen Tommy Robinson trägt – ein Name, der natürlich aus der Fußball-Hooligan-Kultur von Luton Town stammt –, dieses Profil nutzt, um ein Gefühl von Nationalstolz zu vermitteln“, sagte Professor Jackson. Obwohl die Kundgebung unter dem Motto „Unite The Kingdom“ stand, wies er darauf hin, dass es etwas „nicht ganz Einigendes“ an „jemandem, der sich so stark mit der Fußball-Hooligan-Kultur identifiziert“, gebe.

„Was wir hier sehen, ist jede Menge spaltende Rhetorik, die als einig dargeboten wird.“ Zuvor hatte Sky-Korrespondent Tom Cheshire berichtet, er habe mit Menschen auf der Demonstration gesprochen, die sich von der traditionellen Politik ausgeschlossen fühlten und auf die Straße gegangen seien, um gehört zu werden. „Sie machen sich Sorgen um die Richtung, in die sich das Land entwickelt. Sie sind vor allem wegen der Einwanderung besorgt“, sagte er.

Immigration ist in Großbritannien durch Jahrhunderte seiner Kolonialherrschaft ein sehr komplexes Thema. Schon zurzeit des Kolonialismus war das gesellschaftliche Verhältnis dazu bigott: Zum einen lebte man in den Kolonien Apartheid und Rassentrennung. Andererseits ließ man Angehörige der von den Briten unterdrückten Völker zum Teil an englischen Universitäten zu, wie zum Beispiel Mohandas Karamchand Gandhi und Jawaharlal Nehru. Dort lehrte man sie, humanistische und christliche Werte zu achten, was sie schließlich auch taten und sich gegen die Kolonialherrschaft auflehnten. Die rechtsextremen Demonstranten von heute, die England „great again“ machen wollen, sind also wieder einmal eine Bewegung, die zurück in eine gloriose Geschichte will, von dieser Geschichte aber keine Ahnung hat. Für die New York Times berichten Megan Specia und Michael D. Shear:

Demonstranten mit Fahnen und Transparenten trafen schon am frühen Morgen ein und machten sich auf den Weg durch die Straßen Londons zu den Treffpunkten der konkurrierenden Demonstrationszüge.

Die rechtsextreme Demonstration wurde von Tommy Robinson, einem antiislamischen Agitator, dessen richtiger Name Stephen Yaxley-Lennon lautet, unter dem Motto „Unite the Kingdom“ organisiert. Robinson, der mehrfach vorbestraft ist und bereits mehrere Haftstrafen verbüßt hat, erklärte, es handele sich um eine Demonstration für „nationale Einheit, Meinungsfreiheit und christliche Werte“.

Die christlichen Werte, von denen Tommy Robsinon spricht, scheinen Schlägereien und Islamophobie zu sein. Ohne konkretere Angaben wendet er sich pauschal gegen Zuwanderer, also die einzigen Menschen, die leistbares und vor allem essbares Essen nach Großbritannien gebracht haben.

Was lernen wir aus der Berichterstattung über diese Demonstration? Wir wissen nun, wofür Elon Musk sein Geld ausgibt. Und wir wissen, dass eine Demonstration von 300.000 Demokratie-Befürwortern in Belgrad nicht fünf Mal so viel Medienaufmerksamkeit bekommt wie eine Demonstration von 60.000 Rechtsradikalen in London, sondern nur ein Fünftel davon.


Anmerkung: Die Zitate wurden aus dem Englischen übersetzt.

Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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