Mittwoch, Juni 10, 2026

Die drei Tyrannen. Eine Inszenierung

Es gibt Menschen, die sprechen über die Weltpolitik so, als würden sie eine sehr sorgfältig kuratierte Ausstellung eröffnen: hier ein bisschen Feuer, dort ein bisschen Blut, da drüben ein sehr schlecht beleuchteter Tyrann.

Javier Bardem ist gerne Kurator. Mit ernster Stimme, gut gesetztem Blick, und dieser Gravitas, die sofort signalisiert: Hier spricht jemand, der nicht einfach Meinung hat, sondern Haltung. Edle Haltung.

Und dann fallen die großen Namen. Donald Trump, Vladimir Putin, Benjamin Netanyahu. Die üblichen Verdächtigen. Sehr zuverlässig, sehr zitierfähig, sehr gut beleuchtet. Und natürlich: jeder einzelne tatsächlich ein Tyrann. So weit, so nachvollziehbar.

Man kann sich das fast als Bühnenstück vorstellen: drei Namen, drei dramatische Pausen, ein zustimmendes Nicken aus dem Off. Das Publikum fühlt sich informiert, moralisch sortiert und vor allem: auf der richtigen Seite der Geschichte. So weit, so verständlich.

Und dann passiert das, was in solchen Szenen immer passiert: Das Licht bleibt an einer Stelle etwas zu lange stehen. Der Rest des Raumes wird höflich ignoriert. Komplizierte Machtstrukturen, weniger medienfreundliche Regime, schwer aussprechbare Kontexte – bleibt irgendwo hinter dem Vorhang. Man hört es vielleicht rascheln, aber man schaut nicht hin.

Eine sehr moderne Kunstform hat sich etabliert, nämlich die globale Kritik mit eingebautem Fokus-Filter. Sehr effizient. Sehr teilbar. Sehr anschlussfähig an jede Talkshow, die noch fünf Minuten Sendezeit füllen muss.

Diese Mischung aus moralischer Klarheit und geografischer Auslassung, die sich nie wie ein Widerspruch anfühlt, sondern eher wie ein dramaturgisches Stilmittel. Als hätte jemand entschieden: Diese Teile der Welt sind Hauptrollen, der Rest Statisterie. Und jetzt spricht Bardem über Femizide. Er spricht über toxische Männlichkeit. Er verortet diese bei den drei genannten Tyrannen. Es ist übrigens nachvollziehbar, warum Trump und Putin für Frauenfeindlichkeit stehen. Bei Netanyahu, dem man wirklich genug anderes und ebenfalls Fürchterliches zu Recht vorwerfen kann, ist diese wenig greifbar.

Und dann stockt etwas im Flow der Erzählung. Der Vorhang fällt, und bevor man sich wundern kann, wird klar, dass diese drei Tyrannen bei Bardem unter sich bleiben werden. Um die herbe und berechtigte Kritik abzuholen. Kriegstreiberisch, toxisch, frauenfeindlich, Femizid und so weiter. Das Licht im Saal geht an, das Publikum darf den Raum verlassen.

Nicht genannt wurde das Regime der Mullahs, das seit Jahren hunderttausende iranische Frauen unterdrückt, vergewaltigt und tötet. Nicht genannt wurden Taliban, die das Leben afghanischer Frauen zur Hölle auf Erden gemacht haben, eingekerkert hinter Stoff und vorsintflutlichen Einstellungen der Machthaber, Folterer, Mörder, Unterdrücker. Aber leider: Javier Bardem schweigt dazu. Er hat andere Feindbilder zu beackern, solche, die ihm mehr Applaus sichern. Solche, die sein Portfolio bereichern. Eine hübsche Imagepolitur.

Am Ende wirkt es fast beruhigend. Nicht, weil die Welt klarer geworden wäre, sondern weil sie so angenehm vereinfacht wurde. Und Vereinfachung ist ja bekanntlich die eleganteste Form von Überblick. „Und cut!“ ruft der inszenierende Regisseur.

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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