Eine Frau wird mit drei Kopfschüssen exekutiert. Die Schlagzeilen lauten nicht: Kaltblütiger Mörder beendet das Leben einer jungen Frau. Sie lauten: One-Night-Stand. Das klingt anrüchig. Was macht sie auch solche Sachen!
Jede Frau kennt das: Der kurze Blick über die Schulter. Der Standort an die Freundin. Der Schlüssel zwischen den Fingern. Das Lächeln, das keines ist, sondern eine Deeskalationsstrategie. Aber der Schlüssel zwischen den Fingern wird nichts bringen, wenn der Täter der Partner, der nahe Verwandte, der Liebhaber ist. Der, dem man die Tür öffnet. Der, der selbst einen Schlüssel zu der Wohnung hat.
Männer nennen diese Maßnahmen Vorsicht. Oft genug nennen es manche Männer auch übertriebene Vorsicht. Manchmal nennen ein paar Männer das auch „hysterisch“. Frauen nennen das Alltag. Und die Femizidrate gibt ihnen recht. Und trotzdem tut die Gesellschaft jedes Mal überrascht, wenn wieder eine Frau ermordet wird. Das passiert nicht einfach so. Das hat Wurzeln, die weit in blutgetränkte Erde reichen.
Wir haben eine Sprache erfunden, die männliche Gewalt weichzeichnet. Verwischt. Ein Mann „rastet aus“. Er „verliert die Kontrolle“. Er „konnte die Trennung nicht akzeptieren“. Als wäre Wut ein Naturereignis.
Wir haben eine Sprache erfunden, die männliche Gewalt weichzeichnet. Verwischt. Ein Mann „rastet aus“. Er „verliert die Kontrolle“. Er „konnte die Trennung nicht akzeptieren“. Als wäre Wut ein Naturereignis. Wie Hagel. Unglücklich, aber irgendwie unvermeidbar. Männerwut ist eine lebensgefährliche Katastrophe. Und dennoch gilt gleichzeitig: irgendwie war die Auslöserin wohl auch selbst daran schuld. Eine Wetterhexe, die den Hagel auslösen kann.
Die Sprache steht auf Seiten der Täter. Der Boulevard verdient an der Sprache, die auf Seiten der Täter steht. Eine Frau wird mit drei Kopfschüssen exekutiert. Die Schlagzeilen lauten nicht: Kaltblütiger Mörder beendet das Leben einer jungen Frau. Sie lauten: One-Night-Stand. Das klingt anrüchig. Was macht sie auch solche Sachen! Eine Frau muss artig sein! Der Anwalt betont, dass der arme Täter in seiner sexuellen Ehre gekränkt wurde. Abgesehen davon, dass es so etwas wie sexuelle Ehre nicht gibt, diese Aussage eine Verhöhnung des Opfers beinhaltet und eines radikalen Taliban würdig ist: ja, da muss man den Mörder doch gleich viel besser verstehen! Der gedemütigte Kerl konnte doch gar nicht anders, als wiederzukehren und Blutrache zur Ehrenrettung zu begehen! Frauen dagegen sterben grammatikalisch passiv. Sie „werden Opfer“. Sie „verlieren ihr Leben nach Familiendrama“. Nicht: Ein Mann ermordet seine Partnerin. Ein Mann verstümmelt seine Ex. Ein Mann köpft seine Mutter. Ein Mann erschießt seine Tochter.
Niemand schreibt: Ein Mann hat beschlossen, dass sein Schmerz wichtiger ist als ihr Leben. Gewalt gegen Frauen beginnt nicht erst mit Blut. Sie beginnt dort, wo Männer lernen, dass sie Anspruch haben. Auf Aufmerksamkeit. Auf Körper. Auf Vergebung. Auf zweite, dritte, zehnte Chancen. Gekränkte Männer sind gefährlich. Aber noch immer verbringen Gesellschaften mehr Zeit damit, Frauen Verhaltensregeln beizubringen als Männern Grenzen.
Am Ende heult er. Und sie schweigt. Für immer.
Hilfe für Gewaltbetroffene gibt es unter anderem hier:
Jede fünfte Frau in Österreich wird gestalkt, nicht einmal ein Zehntel der Anzeigen führt zu einer Verurteilung. Warum es oft so schwer ist, etwas gegen Stalking zu tun.
Über jede dritte Erwachsene in Österreich hat körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Jeden fünfte Frau sogar schon als Kind im Elternhaus. Die erschreckenden Zahlen einer neuen Studie.
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