Mittwoch, Juni 10, 2026

Das Kamel geht nicht durchs Nadelöhr

Im letzten Moment retten die Wiener Festwochen ihre Integrität und verhindern, dass die Thiel-Palaver-Road-Show, die schon in Rom und Innsbruck stattgefunden hat, Teil des Festivals wird.

Üblicherweise stehen Festwochenprogramme Monate zuvor fest. Diese Zeit scheint aber vorbei zu sein. Ein solches Programm ist ja das Werk einer Kulturintendanz, die ihrer Aufgabe verpflichtet ist und diese nicht (schein)demokratisch legitimieren muss. Das ist aber nun doch passiert. Zunächst wurde bekannt, dass der Milliardär Peter Thiel im Rahmen der Festwochen bei einer Diskussionsveranstaltung auftreten soll. Am Samstag wurde dann bekanntgegeben, dass die Veranstaltung nicht stattfindet. Der Standard schreibt unter Nennung der APA als Quelle:

Die Wiener Festwochen sagen den Auftritt des umstrittenen Techmilliardärs Peter Thiel am 7. Juni im Rahmen des Festivals ab. Diese Entscheidung trafen Festwochen-Intendant Milo Rau und Geschäftsführerin Artemis Vakianis am Samstagabend. Thiel hätte Ende nächster Woche im Hotel Intercontinental mit Rau und dem Theologen Wolfgang Palaver unter dem Titel “Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik” diskutieren sollen.

Dazwischen hatte ein schwer definierbares, festwochen-eigenes Gremium, das sich Rat der Republik nennt, der Durchführung offenbar zugestimmt. Der Standard weiter:

Die Entscheidung sei “nach eingehender Reflexion unterschiedlicher Positionen” getroffen worden, wie es in einer Aussendung hieß. Das Stimmungsbild im “Rat der Republik” und bei der gestrigen “Debatte der Republik” habe die Durchführung der Veranstaltung eigentlich nahegelegt, und auch das “einstimmig positive Statement von drei externen Expert:innen sprach dafür, sie abzuhalten”, so die Festwochen in der Aussendung.

Verdrängung Kulturschaffender

Gut, dass es nicht so gekommen ist. Der Überschmäh, etwas für kritisch zu erklären, wo man eigentlich nur am Geld von reichen Menschen mitverdienen und mit ihrer Skandalisierung Aufmerksamkeit erregen will, entlarvt Haltungslosigkeit und Gewissenlosigkeit. Was wir bislang von Medien gewohnt sind, hätte hier unter dem Deckmantel von Kunst und Kultur betrieben werden sollen. Das haben viele andere Festwochengäste erkannt und – wie der SPIEGEL berichtet – ihre Auftritte aus Protest abgesagt:

Festivalkünstler und weitere Beteiligte hatten ihre Auftritte wegen des geplanten Thiel-Auftritts abgesagt. Diese Absagen schwächten die Festwochen »in einem untragbaren Umfang, weshalb sich die Geschäftsführung entschlossen hat, die Debatte mit Peter Thiel abzusagen«, hieß es von den Veranstaltern.

Tatsächlich hätte damit auch ein Kulturfestival die Aufmerksamkeit nach oben umverteilt und der Oligarchie das Wort gegeben, das sie anderswo angeblich nicht hat. Zur Beruhigung teilte man vorab mit, dass Peter Thiel für seinen Auftritt kein Geld bekäme. Das ist nur noch beunruhigender. Stellen wir uns vor, dass Literaturhäuser, Konzertsäle, Opern, Theater, Verlage und Filmfirmen nur mehr die Werke von Milliardären bringen und daher kein Budget für Honorare mehr brauchen! Eine Win-Win-Situation: Auf diese Art verstummten Künstler, die von ihrer Arbeit leben wollen, bei gleichzeitigen Einsparungen in den Kulturbetrieben. Thiels Auftritt wäre nicht Cancel-Culture, sondern Culture-Cancelling der übelsten Art gewesen. Das ist – vermutet der SPIEGEL – auch der Wiener Kulturstadträtin zuviel gewesen:

Auch andere kritische Stimmen hätten zuletzt zugenommen, hieß es von den Festwochen, die von der Stadt Wien finanziert werden. Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler hatte in der Zeitung »Der Standard« wissen lassen: »Die Einladung von Peter Thiel führt durchaus berechtigt zu großem Unmut in der Bevölkerung.«

Das Kamel und das Nadelöhr

Das Kamel geht also nicht durch das Nadelöhr, womit Christus über den Antichrist gesiegt hat. Der Festwochenintendant sieht das offenbar als Niederlage an, wie der Newsletter FALTER.morgen der Wochenzeitung FALTER berichtet:

Milo Rau hat ihn [i.e. Peter Thiel, Anm. von mir] bereits per E-Mail informiert, erzählt er dem Falter. Er spricht von einer „verpassten Chance“, immerhin wäre es die erste kritische Debatte mit Thiel außerhalb seines eigenen Denkkreises gewesen. Aber das Festival und sein Programm gehen für ihn als Intendant vor, „als Kurator ist es eine Niederlage für mich“. Thiel habe verständnisvoll geantwortet.

Man muss hinzufügen, dass die Öffentlichkeit nicht überall korrekt über die Rolle des emeritierten Theologen Wolfgang Palaver informiert, der das Gespräch mit Thiel hätte führen sollen. Thiel war mit seinen pubertären und manchmal kindlichen »Gedanken« über die Apokalypse und den Antichrist schon in einigen Städten zu Gast, unter anderem in Rom und am 19. und 20. August 2025 auch an der katholisch-theologischen Fakultät in Innsbruck. Auch letzteren Besuch hatte Wolfgang Palaver organisiert, der Thiel seit seiner Zeit an der Stanford-Universität Anfang der 1990er-Jahre kennt. Palaver, der sich als kritischer Theologe gibt, ist also Thiels Privatministrant und Teil seiner Show, die eben keine kritische Debatte ist, wie Milo Rau behauptet.

Ein Schwurbler in Argentinien

Peter Thiel braucht die Bühne eines renommierten Festivals nicht. Die ganze Welt kann sein krudes Gefasel nachlesen und nachhören – zum Beispiel auf der Webseite der New York Times. Thiel ist ein Schwurbler – ein Schwurbler, der viel Geld hat. Es hat ihn aber weder zufrieden noch selbstsicher gemacht, noch hat es ihn dazu verleitet, das logische Schließen zu erlernen. In endlosen Interviews labert er vom Antichristen, dem »Heilen der Menschen von der Sterblichkeit« (Theologisch gesehen ein klarer Fall von Gotteslästerung) und behauptet, die jüdisch-christliche Kultur wolle die Natur transzendieren. Thiel arbeitet gezielt gegen unabhängige Information: Er finanziert das Start-up Objection, eine Webseite, auf der man gegen Geld Aufdecker und kritische Journalisten einschüchtern und an den Pranger stellen kann. Sein »Trans-Humanismus« beinhaltet offenbar auch die Anstiftung zum Drogenkonsum: Thiel finanziert die Enhanced Games, bei der Sportlerinnen und Sportler dopen und doch keine Rekorde toppen.

Im Juni 2025 sagte Thiel, der maßgeblich daran beteiligt war, Donald Trump zu einer zweiten Amtszeit im Weißen Haus zu verhelfen, zu Ross Douthat in der New York Times:

[…] das ist ein Gespräch, das ich 2024 mit Elon geführt habe, und wir haben uns oft so unterhalten. Ich habe mit Elon über die „Seasteading“-Variante gesprochen und gesagt: Wenn Trump nicht gewinnt, will ich einfach das Land verlassen. Und dann sagte Elon: Da gibt es keinen Ort, an den man gehen könnte.

Nun scheinen ihm auch die USA unter Trump nicht mehr genehm zu sein. Wie die New York Times am 25. Mai berichtet, ist Thiels Umzug nach Argentinien bereits im Gange:

Seine neuen Wurzeln in Argentinien sind zum Teil durch seine Besorgnis über die Entwicklung in den Vereinigten Staaten motiviert, sagen Personen, die mit seinen Ansichten vertraut sind, insbesondere in Kalifornien, wo eine Volksinitiative, über die im November abgestimmt wird, zu einer erheblichen Steuer für Milliardäre führen könnte. Argentinien, ein Land, das von potenziellen Konflikten auf der Nordhalbkugel relativ abgeschirmt ist, eignet sich zudem als möglicher Fluchtweg vor anderen Risiken, vor denen Thiel öffentlich gewarnt hat – Atomkrieg und außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz.

Ein Schelm wer glaubt, dass es dem angeblich deutsch-neuseeländisch-maltesischen Staatsbürger Thiel um die Vermeidung von Steuerzahlungen in den USA geht. Der rechte, ultraliberale argentinische Präsident Javier Milei scheint jedenfalls ein Landesvater nach seinem Geschmack zu sein:

Doch laut diesen Personen hat Herrn Thiel auch das, was er in Argentinien entdeckt hat, beflügelt: Er sympathisiert mit Mileis libertärer Politik der radikalen Umstrukturierung und war von der Lebendigkeit Buenos Aires’ begeistert. Diese Personen sowie andere, die mit den Aktivitäten des Milliardärs und seinen Äußerungen über das Land vertraut sind, äußerten sich unter der Bedingung der Anonymität, um private Gespräche wiedergeben zu können. Herr Thiel reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.

Thiel will also nichts dazu sagen. Der Antichrist ist ein besseres Thema.


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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