Mittwoch, Juni 10, 2026

Das Ende des Westens

Der „Westen“ war einst ein imperialistischer Kampfslogan. Aber sein Zerfall macht die Welt nicht besser.

Bei dem großen „Glaubenstribunal“, das ich am vergangenen Wochenende im Rahmen der Wiener Festwochen co-kuratierte, sagte der wunderbar-originelle Andreas Kemper, dass die Wahl von Begriffen immer schon auch Teil des politischen Kampfes ist, sogar dann, wenn uns das gar nicht auf den ersten Blick auffällt. Er bezog sich dabei auf unser Thema im engeren Sinne, also etwa auf die Frage, ob man für einen Sachverhalt einen eher religiös oder einen eher weltlich konnotierten Begriff verwendet. Er brachte das Beispiel der deutschen CDU aus der Adenauer-Zeit, die ganz vorsätzlich begann, den in konservativen Kreisen bis dahin durchaus gängigen Begriff des „Abendlandes“ durch den Begriff des „Westens“ zu ersetzen. Das war dann doch ein sehr schöner, erhellender Hinweis – gerade in einer Zeit des Endes des Westens.

Der „Westen“, verstanden als politische, wirtschaftliche und kulturelle Gemeinschaft liberaler Demokratien, befindet sich in einer tiefen Krise. Die zweite Präsidentschaft Donald Trumps markiert dabei nicht nur eine amerikanische Entwicklung, sondern einen Einschnitt für das gesamte westliche Projekt. Die gemeinsamen Werte, auf die sich eine – ohnehin immer dünne – Allianz jahrzehntelang berief, verlieren ihre bindende Kraft und erscheinen zunehmend als leere Formel.

Der Westen: Verfault von innen

Historisch betrachtet endet damit eine Epoche: Nach dem Kalten Krieg schien der Westen unter Führung der USA als globaler Sieger hervorzugehen. Doch auf die kurze Phase amerikanischer Hegemonie folgte eine multipolare Weltordnung, die nun selbst in Chaos, Konflikte und Instabilität übergeht. Zugleich breiten sich autoritäre Tendenzen auch innerhalb westlicher Gesellschaften aus. Liberale Demokratie ist nicht länger selbstverständlich, sondern nur noch eine Möglichkeit unter mehreren. Der „Westen“, verstanden nicht als Geografie, sondern als Idee von Aufklärung, Rationalität, Menschenrechten und Liberalität – er verrottet von innen.

Als „der Westen“ am stärksten war, war er nur ein kleiner Fleck am Globus, aber ökonomisch dominant. Er umfasste kaum mehr als Westeuropa bis zur Zonengrenze BRD-DDR und Nordamerika.

Vor allem: Viele im Westen wollten gar nicht „zum Westen“ gehören. Für die Linken war „der Westen“ ein prokapitalistischer Kampfbegriff. Mögen sie selber auch extrem westlich in einem kulturellen Sinn sein, in einem politischen Sinne wollten sie es keineswegs sein. Dennoch, es galt, wie das der Autor Sherko Fatah einmal in der „Zeit“ formulierte: „Der Westen war einfach schick.“ Die Bin Ladens trugen ihre Schlaghosen aus San Francisco, in Moskau hörten sie heimlich Westradio, die Brasch-Brüder in Ostberlin sahen aus wie der junge James Dean und Kabul wollte aussehen wie Paris.

Westlicher Selbsthass

Westlicher Selbsthass begleitete „den Westen“ stets wie Laurel seinen Freund Hardy. Der deutschsprachige und romantische Kulturkonservatismus hat nicht nur im Ersten Weltkrieg, sondern schon in den Jahrzehnten davor, den Begriff des „Westens“ mit oberflächlicher französischer Zivilisiertheit und mit britisch-amerikanischem Krämergeist identifiziert und ein tiefes Ressentiment gepflegt. Dem Begriff der Zivilisation setzten sie den Begriff der „Kultur“ entgegen. Im Sinne von: Kultur, das ist irgendwie tief, etwas, was fest in der Seele sitzt (National-Romantik hätte sogar gesagt: im Blut), eine existentialistische Innerlichkeit, Zivilisation dagegen eine ganz oberflächliche Lebensart. Kultur zu haben, war super, Zivilisation war schon der erste Schritt in die Dekadenz.

Für die Linken war wiederum „der Westen“ nichts anderes als ein betrügerisches Wort für Kapitalismus und US-Imperialismus. Wortgeklingel über Menschen- und Freiheitsrechte, während man genau diese Rechte mit Füßen tritt. Der Begriff des „Westens“ war mit Doppelstandards und Doppelmoral vergiftet. Aber mit dem „westlichen Selbsthass“ handelte man sich immer auch ein paar Aspekte Gegenaufklärung ein, und wenn sich Linke und Rechtsextreme an einer Schnittstelle überlappten, dann war das immer in dieser Zone.

Dann siegte der Westen und Francis Fukuyama verkündete das „Ende der Geschichte“, eine Formel für die schlichte Tatsache, dass der westliche Kapitalismus nun als unbestrittenes, konkurrenzloses System übrig geblieben schien. Aber gerade wegen dieser unbestrittenen Dominanz war es mit der globalen, kulturellen Hegemonie allmählich vorbei. Das System, das gewonnen hatte, wirkte stark und schwach zugleich. Weil es stark ist und dominiert, zog es Ressentiments auf sich, weil es zu schwach ist, um tatsächlich imperial zu dominieren, entstand Chaos. Erst an der Peripherie, dann überall.

Der Westen: Schon lange nicht mehr cool

In einigen Weltgegenden und Milieus ist antiwestlich seit längerem schon das neue Cool. Für junge Muslime, die irgendwie “anti” sind, sind Salafismus und ISIS hip. Prowestlich dagegen ist nirgendwo cool. Heute wissen wir nicht so recht:

Westliche Werte – was ist das? Waterboarding? Xenophobie? Vernichtungskriege? Oder doch universalistische Menschenrechte, Demokratie, im Zweifel Friede und Verhandeln statt Krieg?

Alte Bündnisse werden brüchig, neue entstehen situativ und oft widersprüchlich. Staaten orientieren sich nicht mehr an einer gemeinsamen westlichen Identität, sondern an wechselnden Interessen und politischen Konstellationen. Das „Ende des Westens“ bedeutet daher nicht den Untergang einzelner Staaten, sondern das Verschwinden jener historischen Ordnung, die seit 1945 und besonders seit 1989 die internationale Politik geprägt hat. Das eigentliche Thema ist der Zerfall des Westens als politischer und moralischer Zusammenhang. Die USA entfernen sich unter Trump von den Prinzipien liberaler Demokratie, während selbst das minimalste Set an gemeinsamen Werten und Gewissheiten seine Integrationskraft verliert. Der Westen bleibt nur mehr als geografische Realität bestehen, verschwindet aber als historische Idee und als handlungsfähiges politisches Projekt, und ich zweifle stark daran, dass das die Welt besser macht.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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