Sonntag, Juli 12, 2026

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Aus der scheinbar weiten Welt des Web 2.0 ist eine Ware geworden, mithilfe derer die Oligarchie Monetarisierung und Kriminalisierung betreibt. Durch Gerichtsurteile wird die unverhältnismäßige Kriminalisierung des Users nun zu einem Wendepunkt in der Netzkultur.

Das sogenannte Web 2.0 – einst als eine Revolution gefeiert, deren kulturelle Auswirkungen der Erfindung des Buchdrucks gleichkommen – hat Ähnlichkeiten mit der Geschichte der Pop-Musik: Wenn darin einmal Manager und Anwälte die Hauptrolle spielen, ist die scheinbar revolutionäre, neue Domäne inhaltlich und innovativ tot. Sie ist eine Ware geworden wie je andere.

Wenn sich der Kapitalismus einmal auf eine Branche gestürzt hat, dann zerstört er sie nachhaltig. Der Verkauf von Twitter an Elon Musk war einer der Wendepunkte der jüngsten Geschichte, der zeigte, wie Oligarchie funktioniert. Und dass auf dem Boden, den sie erobert, nichts mehr wächst, nichts mehr wachsen darf. Zu Zeiten des sogenannten Arabischen Frühlings hat man das Web 2.0 noch als revolutionäres Instrument mit politischer Wirksamkeit gefeiert. Aus beiden wurde nichts – weder aus dem Arabischen Frühling noch aus der Freiheit politischer Diskussion und Partizipation im Web 2.0, aus dem Gefühl von Welt, den es anfangs vermittelte.

Krieg nach innen

Freilich muss es bei einem Kauf auch einen Verkäufer geben. Und wenn dieser Verkäufer bereit ist, sein Werk für eine bestimmte Summe herzugeben und damit zu zerstören, wie es im Fall von Twitter gelungen ist, dann wissen wir, was es geschlagen hat: Es ist nicht weit her mit der Moral und den guten Absichten der meisten Startups. Sie sind – wie die sogenannten Influencer – nur auf das Geld von Konzernen aus. Welche Rolle spielt dabei der User?

Zunächst ist der User jemand, der Firmen kostenlos Daten liefert. Bereitwillig haben wir diese Aufgabe übernommen und so der Industrie geholfen, Waffen für ihre Kriege zu schmieden, vor allem ihre Kriege nach innen, wie sie Trump mit der ICE führt: Demonstranten, engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie unliebsame Journalisten sind ihre wichtigsten Ziele.

Klassenjustiz

Zudem hat nun eine Entwicklung begonnen, die kapitalstarke Institutionen aber auch Einzelpersonen unverhältnismäßig gegen Userinnen und User vorgehen lässt. Florian Klenk hat die Sache kenntnisreich in einem Artikel in FALTER 21/2026 dargestellt. Mit ihren Anwälten gehen nun Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, nicht nur gegen Postings vor, durch die sich die oder der Klagende »in seiner Ehre gekränkt fühlt«, sondern auch gegen jene Personen, die durch ein LIKE, GEFÄLLT MIR, DAUMEN HOCH oder was auch immer, ihre Zustimmung zu einem Kommentar oder Posting zum Ausdruck bringen.

Wie alle Rechten, die heute »Free Speech« und anderen Begriffe zum scheinbaren Motor ihrer menschenfeindlichen Vorgehensweisen machen, verstecken sich die Klagenden hier hinter dem unseligen Begriff des Kampfes gegen »Hass im Netz«. Und sie haben Erfolg. Denn die gute alte österreichische Klassenjustiz hat gerade mit dem kleinsten Glied in dieser Kette kein Erbarmen: Einer Userin oder einem User, der einmal auf den Daumen geklickt hat.

Ein User mit drei Followern ist ein Massenmedium

Verurteilungen gibt es bereits. Und das lässt erwarten, dass das Beklagen von Likes bald ein großes Geschäft wird. Verurteilt wurde – wie Klenk berichtet – eine einkommenslose Frau, die nun für Entschädigung, Gerichts- und Anwaltskosten über 20.000 Euro zu bezahlen hat. Man kann damit also auch Existenzen ruinieren. Das ist aber egal, solange sich die Kläger zufrieden die Hände reiben – und vor allem ihre Anwälte.

Interessant ist auch die Begründung (ebenfalls nach Klenk zitiert): »Das Gesetz ist eindeutig: Ein Social-Media-Account ist ein Medium im Sinn des Mediengesetzes, also nicht anders zu behandeln als Krone, Kurier, Standard oder der ORF.« Hier wäre schon einzuwenden, dass das Like einer Userin wohl nicht dieselbe Reichweite hat wie Krone, Kurier oder Standard. Wenn das aber so ist, dann sollte die betroffene Person umgehend Medienförderung (für Qualitätsjournalismus!) beantragen und die Gerichtskosten daraus bezahlen.

Kriminalisierung der User

Es muss jeder und jedem in der Oligarchie klar sein, was der entfesselte Kapitalismus für ein System ist: In jeder Krise wendet er sich gegen die Unterschicht- und Mittelschicht, lässt sie für die Misswirtschaft der Großkonzerne bezahlen, und geht letztlich wie in den USA auch militärisch oder para-militärisch gegen sie vor. Und auch vor Gericht werden diese Schichten die Verlierer sein.

Noch vor 20 Jahren musste man die Menschen mobilisieren und ins World Wide Web locken, sie dazu bringen, sich Geräte anzuschaffen, die rund um die Uhr mit dem Netz verbunden sein müssen, um von diesen Verbindungen abhängig zu werden. Längst lassen sich viele Dinge im Alltag ohne Smartphone, Apps und Internetzugang nicht mehr erledigen. Nun hat man die meisten dort, wo man sie haben will. Und nun wird monetarisiert und inzwischen auch überbordend kriminalisiert.

Das Web 2.1

Es wäre Zeit für das Web 2.1. Im Web 2.1 gelten folgende Regeln. Regel Eins: Schreiben Sie keine Kommentare zu anderen Postings. Regel Zwei: Liken Sie keine anderen Postings und keine Kommentare unter Postings. Regel Drei: Posten Sie nur Inhalte, von denen Sie sicher sind, dass Sie diese – wenn eine KI Sie Ihnen ausgeben würde – für unbrauchbar hielten. Zum Beispiel: »Dä Trämalla vint gra urfrrrrsch, an zuo farwutnähtten romisgol anznetter: Brohamelin zrünedda.«

Gerade habe ich gelesen, dass die Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in einem Interview gesagt habe, dass sie zum Schreiben ihrer neuen Romane KI verwende. Ich habe zum Schreiben des obigen Satzes die Tastatur verwendet. Das Wort »Trämalla« kennt Google nicht. Mein Text ist also bewusstseinserweiternd und mehrdeutig. Wenn Hunderttausende Menschen solche Sätze posteten oder Romane aus solchen Sätze verfassten und online stellten, würde in der Entwicklung von KI einiges weitergehen.

Raus aus dem Netz!

Wem die obigen Regeln zu kompliziert sind, der kann es sich einfacher machen: Raus aus dem Netz! Und wenn nicht heute, dann gestern. Im oligarchischen Terror der Gegenwart können Userinnen und User des Web 2.0 nur verlieren.

Wer noch glaubt, dass er im Netz Diskussionen führen und die Welt verbessern kann, ist zu beneiden. Oder es treffen die letzten zwei Sätze aus George Orwells Roman Nineteen Eighty-Four auf ihn zu: »He had won the victory over himself. He loved Big Brother.«


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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