16. Juli 2026

Die Welt – ausgeladen von Freunden

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Nimmt an der Fußball-Weltmeisterschaft die ganze Welt teil? Nein. Manche Menschen gehören nicht zu dieser Welt. So zumindest sieht es ein rechtsextremes Land, das diese Weltmeisterschaft ausrichtet. Der Fußball hat der Politik zu folgen.

Das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 sollte lauten: »Die Welt – ausgeladen von Freunden«. In Zeiten des regierenden Rechtsradikalismus und Fremdenhasses wird eine Weltmeisterschaft zur neuen Chance: Man könnte Weltmeister werden, indem man alle gefährlichen Gegner einfach nicht in das Land lässt, wo das Turnier ausgetragen wird. Das wäre auch für Österreich eine Möglichkeit, endlich die WM zu gewinnen. Ob es dann noch eine Weltmeisterschaft ist, ist allerdings eine andere Frage. Es wäre aber nur logisch, wenn nicht nur China ein eigenes World-Wide-Web, sondern auch die USA eine eigene Fußballweltmeisterschaft hätte.

Was die FIFA eigentlich ist, wird dieser Tage wieder sichtbar: eine angeblich dem Sport dienende Vereinigung, die in Wahrheit nur der Speichellecker von Großkonzernen und Diktatoren von Unrechtsstaaten ist. Der von der FIFA nominierte Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia, kann jedenfalls keine Spiele leiten. Die USA haben ihm trotz gültigen Visums die Einreise verweigert. Der Fußball hat also der Politik zu folgen.

Die Remigranten

Das ist nur logisch. Und es stellt sich die Frage, wozu man Schiedsrichter überhaupt braucht. Die Rechten wettern täglich gegen die »Verbotsgesellschaft«. Und der Schiedsrichter steht für Verbote. Dabei machen all die Fouls und Regelverstöße, die Tore, die unter Zuhilfenahme der Hände erzielt wurden, die Fußtritte von Tormännern in die Gesichter von Stürmern doch den Fußball erst aus. Nicht erst jetzt, sondern schon längst haben sich Staaten über die FIFA gestellt und somit über den Sport. Die Lehre, die wir in der Geschichte aus der Olympiade 1936 ziehen konnten, können wir auch aus der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ziehen: Gib dem Unrecht und dem Verbrechen keine Chance, sich als völkerverbindende Kraft zu zeigen! Die Konsequenzen aus dieser Lehre werden aber nicht gezogen.

Wenn es ernst wird mit der »Remigration«, die immer von rechts angepriesen wird, dann werden allerdings auch in den USA, aber auch in Mexiko und Kanada bald Abermillionen nichts mehr zu lachen haben. Sie müssen dann dorthin zurück, wo sie herkommen. Vor allem aber wird es eng für Großbritannien, Irland, Deutschland, Frankreich und Spanien: Sie müssen alle ihre Geflohenen und Ausgewanderten zurücknehmen. Ob die Remigranten den Rechten dann recht sein werden?

Sechs Millionen Hungernde in Somalia

Es ist längst ungemütlich geworden auf dieser Welt. Und in dieser Welt, die immer noch in der nationalstaatlichen Manier des 19. Jahrhunderts organisiert ist, fungiert der Sport als Ersatzkrieg, während gleichzeitig die wirklichen Kriege stattfinden.

Mit Waffenexporten nach Somalia verdienen die USA Milliarden und heizen damit den Bürgerkrieg dort an. Dabei brauchte Somalia Frieden und andere Hilfe: Erst am 8. Mai dieses Jahres kolportierte die Nachrichtenagentur Reuters, dass das Leben von sechs Millionen Menschen dort von Hunger und akuter Unterernährung bedroht sind. Was WFP (World Food Program), das zurzeit in über 80 Ländern der Welt tätig ist, listet 17 davon als »Emergency« auf. Zu diesen Notfällen gehört auch Somalia. »Große Nationen führen keine endlose Kriege«, sagte Donald Trump bei seinem zweiten Amtsantritt. Drei Wochen später ordnete er die Bombardierung Somalias an. Seither wurden dort über 100 US-Angriffe geflogen.

In die entgegengesetzte Richtung

Es wäre schön, wenn die Berieselung mit Fußball eine Variante des Eskapismus wäre, der man sich eine zeitlang hingeben kann. Dann nämlich, wenn man davor und danach nicht vergisst, wie es auf der Welt aussieht und dass Fragen von Asyl, Migration, Fanatismus und Terrorismus nicht Probleme sui generis sind, sondern einen Auslöser haben, der nicht bekämpft wird: dass sich reiche Staaten an armen Ländern wie Somalia bedienen und an ihnen Geld verdienen. Menschenleben ist dort billig, ja wird millionenfach als wertlos angesehen. Ein Land mit der Geschichte der USA, die viele Jahrzehnte lang zwanghaft und mit Gewalt Remigration aus Afrika zugunsten der Sklaverei, also kostenloser Arbeitskraft betrieben hat, kann erst von Menschlichkeit sprechen, wenn es seine Geschichte aufarbeitet und einen anderen Weg einschlägt.

Doch die Reise geht in die entgegengesetzte Richtung: Der Kolonialismus, der in Wahrheit nie zu Ende gegangen ist, wird heute wieder offen und grausam gelebt. Unlängst wurde mir vorgeworfen, meine Kommentare hier wären zu düster und pessimistisch. Es tut mir leid, dass ich anscheinend nichts anderes bieten kann als Hinweise, die man als »negativ« erachtet. Ich sehe sie, ohne sie zu werten, als Darstellungen von Gegebenem an. Ich versuche Berichte zu lesen, die vertrauenswürdig klingen und mir so halbwegs ein Bild zu machen über das, was in der Welt vorgeht. Es sind ja die Nachrichten bei uns längst so beschaffen, dass sechs Millionen Hungernde und ein Bürgerkrieg mit fast einer Million Todesopfern darin praktisch nicht vorkommen. Da hat es ein Fußballschiedsrichter, der nicht in die USA einreisen darf, deutlich leichter.

Traurige Verhältnisse

Kampfsport war immer eine gefährliche Domäne. Wir wissen das aus Österreich, einem Land, in dem es niemals wirklichen Sportjournalismus gab, sondern die »Berichterstattung« nur aus Fahnenschwenken, Jubeln und der kritiklosen Anhängerschaft »unserer« Sportler und »unseres« Teams bestand. Nach dem Ausscheiden der Österreicher in der ersten Runde, musste man dann ersatzhalber in guter ostmärkischer Manier den Deutschen zujubeln.

Dass in einer solchen Domäne rechtsextreme Politiker wie Trump einen angeblichen Weltverband wie einen dressierten Affen vorführen, zeigt nur, wie traurig die Verhältnisse auf einer Welt sind, die sich nicht entschließen kann, solche Übeltäter nicht an die Regierung zu wählen. Und natürlich ist es auch schlecht für den Sport und sein Publikum, dass man feststellen muss, dass es dabei um etwas anderes geht.

Der Fußball und alle Sportevents können sich ihre weltverbindenden und völkerverbindenden Mottos sparen, zumindest solange sie mit Staaten gemeinsame Sachen machen, deren Herrscher knietief im Blut von Millionen Menschen stehen, deren Leben sie als wertlos erachten.


Titelbild: Miriam Mone / ZackZack

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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