Sonntag, Juli 12, 2026

Aussagen zum Pilnacek-Laptop: Warum gegen Takacs nicht ermittelt wurde

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Mehrere Staatsanwaltschaften prüften Ermittlungen gegen Bundespolizeidirektor Michael Takacs rund um seine vermutete Rolle beim Pilnacek-Laptop. Daraus wurde nichts: Mögliche Delikte seien verjährt oder nicht anwendbar, meinte die Justiz.

Mit der Befragung von Michael Takacs rückt der U-Ausschuss am Mittwoch gewissermaßen zum Kern seines Untersuchungsgegenstandes vor. Takacs ist als Bundespolizeidirektor nicht nur einer der einflussreichsten Beamten im Innenministerium, er hat auch einen klaren politischen Hintergrund: Der gebürtige Wiener war in mehreren BMI-Kabinetten seit Johanna Mikl-Leitner tätig, trat 2017 in die ÖVP ein und machte für Sebastian Kurz Wahlkampf. Am Morgen des 20. Oktober 2023 war der Spitzenbeamte dann außergewöhnlich nahe dran an den Geschehnissen.

Welche Handlungen und Aussagen Takacs damals tatsächlich tätigte ist nicht nur seit Langem Gegenstand von ZackZack-Recherchen und Teil der Untersuchung des Parlaments – auch mehrere Staatsanwaltschaften prüften über Monate hinweg mögliche Ermittlungen gegen Takacs, sahen aber davon ab. Michael Takacs hat sämtliche Vorwürfe gegen ihn stets vehement bestritten.

Kontakt mit Anna P.

Die Indizien gegen den Bundespolizeidirektor beruhen auf dessen Kontakt zur langjährigen Sobotka-Mitarbeiterin Anna P., die er aus dem Kabinett des damaligen Innenministers kannte. P. war Mitbewohnerin im angemieteten Haus in Rossatz, in dem Christian Pilnacek in den Monaten vor seinem Tod bei Karin Wurm ein und aus ging. Anna P. holte den suspendierten Sektionschef nach dessen Geisterfahrt in Tulln ab und bemerkte am Morgen sein Verschwinden.

Im Pilnacek-Buchprozess sagte P. aus, dass sie in der Früh nach vergeblichen Versuchen bei zwei örtlichen Polizisten ihren Ex-Arbeitskollegen Takacs anrief, welcher ihr empfahl, Pilnacek sofort zu suchen. Von der Geisterfahrt wusste der Spitzenpolizist bereits – er hatte über ein internes Informationssystem des BMI eine Mitteilung dazu erhalten, sagte er im Prozess aus. Vom Auffindungsort des Leichnams meldete sich P. bei Takacs ein zweites Mal. Der Polizeidirektor gab die Info vom Ableben sofort an seinen direkten Vorgesetzten, den Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, sowie an den – ihm untergebenen – niederösterreichischen Landespolizeidirektor weiter. Beide sind diese Woche ebenfalls in den U-Ausschuss geladen.

Bekannt ist ein drittes Telefonat wenige Stunden später, bei dem Anna P. Takacs gegenüber auch die persönlichen Gegenstände Pilnaceks erwähnte und ihr dieser laut P. sagte, dass die Dinge “der Witwe” gehörten. Auch Takacs bestätigte den Rat, dass Handy und Schlüssel den Angehörigen auszufolgen seien. Die rasche Herausgabe des Smartphones (samt späterer Vernichtung) ist bekanntlich einer der zentralen Kritikpunkte der Causa.

“Wer es weiß, ist der Takacs Michl”

Besonders brisant sind aber die gut dokumentierten Aussagen von Anna P. zu Pilnaceks Laptop. Bei einem Treffen mit dem Journalisten Michael Nikbakhsh sowie Karin Wurm, Christian Mattura und Peter Hochegger erzählte P. Anfang Dezember 2023, dass Takacs gewusst hätte, dass sie und Karin Wurm über das Gerät verfügten. “Wer es weiß, ist der Takacs Michl, weil der hat zu mir gesagt: „Ja nicht hergeben“”, heißt es im Transkript des berüchtigten “Kellertapes” von Nikbakhsh, von dem der Journalist eine Abschrift der WKStA übermittelte. Und: “Hat er gesagt: „Lasst‘s ihn verschwinden.” Später berichtete auch der Krone-Journalist Erich Vogl von ähnlichen Aussagen P.s ihm gegenüber bei einem Treffen im November 2023.

Öffentlich bekannt wurden die Aussagen erstmals durch einen ZackZack-Bericht vom 18. Februar 2025 und das damals präsentierte Pilnacek-Buch. P. geriet danach erheblich unter Druck, weil sie ihre Rolle bezüglich des Laptops vor Ermittlungsbehörden verschwiegen hatte. Sie revidierte einige Aussagen gegenüber der WKStA (die Ermittlungen wegen Falschaussage eingeleitet hatte) und erklärte gleichzeitig auch ihre brisanten Erklärungen zu Takacs und Laptop für falsch.

Etwa zur selben Zeit brachte der Bundespolizeidirektor eine Klage gegen ZackZack ein und beanstandete konkret auch die beschriebene Passage im Pilnacek-Buch. Er bestritt vehement, mit dem Laptop zu tun gehabt zu haben. “Ich habe gar nichts von einem Laptop gewusst”, sagte er im Buchprozess als Zeuge unter Wahrheitspflicht.

Staatsanwaltschaften prüften mehrere Delikte

Was lange nicht bekannt war: die Laptop-Aussagen und Takacs’ mögliche Involvierung hatten auch die Strafjustiz auf den Plan gerufen. Schon wenige Tage nach dem erwähnten ZackZack-Bericht schrieb die fallführende WKStA-Oberstaatsanwältin T. an die Staatsanwaltschaft Krems: “Von der aufgrund des Medienberichts allenfalls ebenfalls indizierten Prüfung eines Verdachtes gegen Anna P. wegen §295 StGB (ev. § 63 DSG) und (…) gegen Michael Takacs, BA MA Msc wird hingegen zur Vermeidung eines positiven Kompetenzkonfliktes abgesehen”. Die WKStA nahm so keine Prüfung von Ermittlungen zu Beweismittelunterdrückung und Datenschutzdelikten vor, weil man diese besser in Krems aufgehoben sah. Dort wurde zum Laptop bereits gegen Karin Wurm, Erich Vogl und Peter Pilz ermittelt, welche von der Grazer Gerichtspräsidentin und Pilnacek-Witwe Caroline List unter anderem wegen Hehlerei angezeigt worden waren.

Im April 2025 ging bei der Justiz dann eine Anzeige einer Privatperson wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs gegen Takacs ein. Die Laptop-Ermittlungen wanderten schließlich von Krems nach St. Pölten. Hinsichtlich der Prüfung von Ermittlungen hatte man dort aber keine große Eile. Erst im November entschied die Staatsanwaltschaft, keine Ermittlungen gegen Takacs einzuleiten – mit durchaus interessanten Begründungen.

Die Behörde prüfte einerseits das Delikt “dauernde Sachentziehung”, welches aufgrund der späten Anzeige als verjährt galt. Eine mögliche Beweismittelunterdrückung sei ebenfalls nicht vorgelegen, weil der Laptop – zumindest zum Zeitpunkt kurz nach Pilnaceks Tod – kein Beweismittel gewesen sei. Auch Datenschutzverstöße wären nicht in Betracht gekommen, weil “Verschwindenlassen” kein missbräuchliches Zugänglichmachen oder Veröffentlichen von Daten umfassen würde. Schließlich wurde auch ein möglicher Amtsmissbrauch von vornherein ausgeschlossen: “So bestehen keinerlei Hinweise, dass die medial kolportierte Aufforderung des Michael Takacs an Anna P. einen Bezug zu dessen Tätigkeit als Bundespolizeidirektor aufwies“, schrieb der zuständige St. Pöltner Staatsanwalt.

Freund oder Bundespolizeidirektor

Dass ein allfälliger Rat von Takacs mit Sicherheit nicht dienstlich gewesen sei, wirft dann doch Fragen auf. Immerhin behandelte der Bundespolizeidirektor den Kontakt mit P. an anderer Stelle sehr wohl beruflich, er leitete die Todesmeldung zu Pilnacek sofort an Vorgesetzte und Untergeordnete weiter. Müsste ein Bundespolizeidirektor bei einer möglichen Kenntnis des brisanten Laptops nicht ebenfalls tätig werden? Eine Empfehlung nicht privat, sondern als Bundespolizeidirektor abgeben? In St. Pölten war das offenbar kein Argument. Überdies betonten sowohl Takacs und P., dass sie privat nicht befreundet gewesen seien. P. sei bloß die “berufliche Telefonnummer” von Takacs bekannt, teilte sie der WKStA mit. Im Buchprozess erklärte Takacs jedenfalls, dass die Kommunikation mit P. kurz nach dem Tod Pilnaceks “freundschaftlich und nicht in meiner Funktion als Bundespolizeidirektor” passiert sei.

Für den Richter im ZackZack-Buchprozess schien die gesamte Laptop-Episode am Ende undurchsichtig: “Es ist auffällig, wie sehr sie mittlerweile früheren getätigten Aussagen entgegensteht”, hielt er hinsichtlich Anna P. fest. Die Wiedergabe ihrer gut dokumentierten Aussagen durch Buchautor Peter Pilz sei deshalb auch zulässig gewesen, “ein überwiegendes Interesse der Öffentlichkeit an der Veröffentlichung” lag vor.


Titelbild: ZackZack

Update 17.6.: Ergänzungen zu Erich Vogl und zum allfälligen Laptop-Rat.

Autor

  • Thomas Hoisl

    Ist seit April 2024 bei ZackZack. Arbeitete zuvor u.a. für "profil". Widmet sich oft Sicherheitsthemen oder Korruptions-Causen.

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