16. Juli 2026

Herrn Schuberths Gespür für Mut

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Kaum ein Thema wird derzeit so leidenschaftlich diskutiert wie die Frage, wo legitime Israelkritik endet und wo antisemitische Denkmuster beginnen. Das Buch von Richard Schuberth beleuchtet antisemitische Argumentationsmuster in linken Kreisen.

Gleich vorweg: Richard Schuberth ist mutig. In vielerlei Hinsicht. Sein Buch Vom Antisemitismus, der keiner sein will ist ein Wagnis und Rüttelei am Watschenbaum gekränkter Seelen. Sein Buch ist wichtig. Sein Buch ist schmerzhaft. Kaum ein Thema wird derzeit so leidenschaftlich diskutiert wie die Frage, wo legitime Israelkritik endet und wo antisemitische Denkmuster beginnen. Und kaum ein Thema spaltet Menschen, die sich als links wahrnehmen, mehr. Dass Richard Schuberths Buch Vom Antisemitismus, der keiner sein will also auch auf Widerspruch stößt, überrascht wenig. Eher wäre das Gegenteil bemerkenswert gewesen.

Schuberth bewegt sich auf einem Terrain, das viele lieber meiden würden. Er wandert auf sehr dünnem Eis. Er kritisiert nicht nur rechtsextreme Erscheinungsformen des Antisemitismus, sondern richtet seinen Blick auch auf linke und antiimperialistische Milieus. Dort erkennt er Denkfiguren und Argumentationsmuster, die seiner Ansicht nach zu selten hinterfragt werden. Gerade dieser Ansatz sorgt für Reibung. Und er ist unverzichtbar. Es ist leicht, im Rechtsextremen einen gemeinsamen Feind zu finden, und diese Gemeinsamkeit eint viele linke Positionen. Wesentlich schmerzlicher ist es, Antisemitismus, der sich lange maskiert hat, sich klein machte, plötzlich in voller Pracht in linken Kreisen zu begegnen. Für alle, die in der UdSSR lebten, ist das ja keine neue Erfahrung. Für viele, die Nachkommen der Menschen sind, die den Nationalsozialismus überlebten, aber schon.

Plötzlich ist der gemeinsame Garten Eden ein Minenfeld, das sich quer durch Arbeitsumfeld, Verwandte und Freundschaften zieht. Schuberth bohrt mitten hinein, auch auf die Gefahr hin, dass ihm alles Betroffene um die Ohren fliegt. Er bestreitet nicht das Recht auf Kritik an der Politik Israels. Er stellt jedoch die Frage, ob manche Formen dieser Kritik Maßstäbe anlegen, die für keinen anderen Staat gelten.

Hinzu kommt sein Widerspruch gegen eine Sichtweise, die gesellschaftliche Konflikte ausschließlich durch die Kategorien von Unterdrückern und Unterdrückten erklärt. Schuberth hält diese Perspektive für unzureichend, um Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen zu verstehen. Auch damit berührt er einen empfindlichen Nerv aktueller Debatten, die oft einseitig platt besetzt werden.

Dass seine Argumente Aufmerksamkeit finden, hat nicht zuletzt mit seiner eigenen politischen Herkunft zu tun. Schuberth spricht nicht von außen über linke Milieus, sondern aus einer Tradition heraus, der er selbst entstammt. Seine Kritik erhält dadurch eine völlig andere Glaubwürdigkeit, als wenn sie aus einem konservativen oder rechten Umfeld käme. Dieses Umfeld hätte kein Problem damit, alles Linke sofort zu vorverurteilen, es wäre einfache Feindbildpflege, eine wohlfeile Abgrenzung zum Festigen des Markenkerns. Schuberth hingegen schneidet bewusst ins eigene Fleisch, weil er es für notwendig erachtet. Dafür kann man ihm gar nicht genug danken. Viele, die ähnlich empfinden wie er, bleiben lieber still.

Schuberth schreibt essayistisch, zugespitzt, ja spitzzüngig und mitunter polemisch. Ja, nicht nur für ihn ist der Schnitt, den er setzt, weil er ihn setzen muss, schmerzhaft. Die einen sehen darin intellektuelle Schärfe, die anderen vielleicht Provokation. Ich gehöre zu den ersteren. Denn gerade Essays leben davon, Position zu beziehen und Widerspruch herauszufordern.

Man ist in jeder Hinsicht froh, wenn es denn eine Diskussion und kein Derschlagen des Themas wird. Und tatsächlich scheint das Buch eine Diskussion anzustoßen, die viele für notwendig halten, selbst wenn sie den Schlussfolgerungen des Autors nicht folgen. Davon lebt die freie Gesellschaft, die mehr und mehr in diskursive Ecken gedrängt wird.

In einer Zeit, in der politische Lager oft nur noch übereinander sprechen, zwingt Schuberths Buch dazu, miteinander zu streiten. Das ist mutig. Und notwendig.

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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