Sonntag, Juli 12, 2026

Hoffnung in einer Ära der Dunkelheit

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„Sozialismus oder Barbarei“, sagte Rosa Luxemburg. Das heißt auch: Es gibt immer zwei Möglichkeiten.

In Rosa Luxemburgs berühmten Diktum „Sozialismus oder Barbarei“ steckte ja eine Menge drin, eine Fülle an Parolenhaftigkeit, an Subtext, an doppeltem Boden, natürlich auch an manichäischem Schwarz-Weiß, Gut-Böse-Denken. Drei Worte, die man so oder auch anders lesen kann, versimpelt, geradezu blöde – und auch klug und geistreich. Wie immer, wenn man beginnt, über Texte nachzudenken, eröffnet sich ein ganzer Kontinent der Möglichkeiten. Die Übung der Exegese, der talmudischen Schriftauslegung oder der späteren Begriffsscholastik findet darin seit jeher ein weites Betätigungsfeld.

„Sozialismus oder Barbarei“, was heißt denn das, auf unsere heutigen Probleme übertragen? Dass die modernen Gesellschaften nur zwei Auswege haben: Einerseits, eine Gesellschaft der Freien, der Gleichen, eines Wirtschaftens, das die Bedürfnisse aller in Rechnung stellt, nicht die Profitgier der Wenigen – und zweitens den katastrophischen Untergang, das Zerbrechen jeder Ordnung, die Eskalation des Egoismus, des Kriegs aller gegen alle. Himmelreich oder Armageddon, Befreiung oder Apokalypse.

Befreiung oder Apokalypse

In der apodiktischen Formulierung „Sozialismus oder Barbarei“ steckt natürlich die Vorstellung einer ganz existentialistischen, extremen Spannung, einer geradezu überspannten Anspannung. Im Sinne von: Zwei extreme Alternativen, und nichts dazwischen. Das Dazwischen, das Durchwursteln etwa, wird gleichsam rhetorisch ausradiert.

Konzentration auf eine Art von Endkampf, Steigerung der Intensität der Spannung zu einer eminenten Dichotomie, also Schwarz-Weiß-Polarität. Es ist schon beinahe „literarisch“, in dem Sinn, dass die Komplexität der Welt auf einen maximal vereinfachten Dualismus reduziert wird, so wie in der Bibel auf den Kampf von Messias und Antichrist oder Jahrtausende später bei Karl Marx auf den Endkampf von Proletariat und Bourgeoisie. Rosa Luxemburg schrieb den Text übrigens 1915, mitten im Weltkrieg, als Europa im Massensterben versank, also, wenn man das so nennen mag, in einer spezifischen „Situation“, die unerfreulich genug war.

Und damit sind wir bei der zweiten, nicht weniger wichtigen Bedeutung der Formulierung: Dass jede „Situation“ einen Möglichkeitsraum eröffnet. Also: Mehrere Möglichkeiten. Geht alles den Bach runter, ist es gut möglich, dass einfach alles den Bach runter geht – aber ebenso, dass um die Ecke eine bessere Möglichkeit hockt, die nur darauf wartet, uns überraschen zu können. Es ist tatsächlich so etwas wie ein Modus des Denkens, der sich in diesen drei Worten auch findet: Nämlich, dass jede Situation nicht nur eine Möglichkeit eröffnet, sondern mehrere. Und dass diese – nennen wir sie ‚Potentialität‘ – in der Situation selbst aufzufinden ist, in den verworrenen Kraftfeldern einer Situation. Wenn etwas schlecht ist, gibt es immer die Möglichkeit, dass die Menschen sich dagegen auflehnen – und dieses Auflehnen ist mit dem Schlechten eng verbunden. Weil es schlecht ist, lehnen sich die Menschen dagegen auf und finden einen Ausweg.

„Da es so ist, bleibt es nicht so.“

Wie Bertolt Brecht in seinem Galilei-Stück schrieb: „Da es so ist, bleibt es nicht so.“ Ich finde diese Formel seit jeher packend, weil sie eben einen ganz starken Ursache-Wirkung-Zusammenhang verdeutlicht.

Im Schlechten steckt die Potentialität, die Möglichkeit des Besseren immer auch drin – das ist ein Denken, das stets Quelle von Hoffnung war, aber auch Motivation zum Handeln: Es ist eben nicht ausgemacht, dass die Dinge schlecht ausgehen, auch wenn es in der gegebenen „Situation“ so erscheinen mag.

Ich langweile Sie mit all dem so genau, ausführlich und langatmig, weil es, so scheint es mir, heute genau an diesem Denken fehlt. Blicken wir doch nur einen Augenblick in die Vergangenheit zurück: Konformismus und Konvention erdrückten Talente und Kreativität, autoritäre Herrschaft erstickte die Freiheit, Ungleichheit und Ausbeutung verdammten die Mehrheit der Menschen zum Elend – und dennoch sahen viele Menschen in dieser Situation Möglichkeiten.

Die Industrialisierung und der technische Fortschritt eröffneten die Möglichkeit, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, der Zorn über die Verhältnisse eröffnete sogleich auch die Möglichkeit, dass die Menschen ihr Recht auf Selbstregierung durchsetzen. Dass die Wenigen sich ihre Privilegien auf die aufreizendste Weise sicherten, eröffnete die Möglichkeit, dass die Vielen aufstehen und durchsetzen: dass das künftig anders läuft. Und die Möglichkeiten zum guten Leben für alle, sie sind keine Phantasie aus dem Wolkenkuckucksheim, sondern eben schon in den aktuellen, vorhandenen Verhältnissen verankert, etwa im unglaublichen technologischen, produktiven Fortschritt der Menschheit, genauso wie in der universalistischen Idee, dass wir Menschen frei und gleich geboren sind und „mit Vernunft und Gewissen begabt“, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt.

Aussicht auf unendliche Reichtümer

Nehmen wir nur die Möglichkeiten von Digitalisierung, Automatisierung und künstlicher Intelligenz, die zu unglaublichen neuen Höhen der Produktivität führen, uns von schwerer Arbeit und auch vom repetitiven Trott blödsinniger Bullshit-Jobs befreien könnten. Warum sind wir eigentlich nur gelähmt und gebannt vor der Aussicht, dass sie uns die Arbeit wegnimmt, Jobs und Einkommen – obwohl der technologische Fortschritt uns auch ein reicheres Leben ermöglichen könnte. Wo steht denn geschrieben, dass wir ärmer und stressgeplagter werden, wenn wir reicher werden? Eigentlich ist es ja geradezu absurd. Oder: Wir nehmen mit Recht eine zunehmende Stärke faschistischen Denkens wahr, und angesichts empfundener Aussichtslosigkeit wählen überall auf der Welt die Bürger und Bürgerinnen autoritäre Populisten und Extremisten, die aber das Chaos nur verschlimmern. Es ist eine Art von Revolte, wie Pierre Bourdieu das einmal nannte, aber „in perversen Formen“. Aber die Motive hinter dieser Revolte, die Entfremdungsgefühle und der Groll, sie speisen sich aus berechtigter Unzufriedenheit.

Und ja, wir haben auch ein paar knifflige Probleme, aber die allermeisten, wie die Zusammenhänge von Demografie, Alterung und Finanzierungsprobleme des Pensionssystems könnten wir schon lösen. Das Gesundheitssystem ist teuer, gewiss, aber vor allem deshalb, weil es so unglaubliche neue Möglichkeiten bietet, Therapien, Medizin und Gerätschaft, die es uns erlaubt, noch in einem Alter gesund und fit zu sein, das unsere Großeltern gar nicht erreicht haben. Es ist dieses Wunder, das für ein paar Probleme sorgt.

Wir empfinden, dass das internationale Recht immer schamloser mit Füßen getreten wird, aber was wir übersehen, ist, dass die Verrechtlichung internationaler Beziehungen unglaubliche Fortschritte machte, dass Institutionen geschaffen wurden, die dazu führen, dass die Gewalttäter, Menschheitsverbrecher und Folterknechte heute viel unsicherer sitzen als vor vierzig Jahren. Ja, wir haben Kriegsverbrechen erschütternden Ausmaßes erlebt, aber nicht wenige derer, die sie befahlen, sind heute mit internationalem Haftbefehl gesucht, was ihr Leben deutlich unbequemer macht. Gewiss, die Klimakatastrophe, die auf uns zurollt, wird Ausmaße erreichen, die wir – selbst wenn wir jetzt handeln – ohne größere Kalamitäten nicht mehr meistern können, aber wir haben die Möglichkeiten, auch ihr zu begegnen; mit Verzicht auf ein paar Dinge, die uns kaum fehlen werden, mit technologischer Transformation, etwa der Energie- und Mobilitätssysteme, mit der Umstellung von Heizen, Strombedarf und Energie für die Industrie auf erneuerbare Energien, Geothermie, mit Kühlung der Städte und Wohnungen, mit Recycling und modernen Formen des effizienten Umgangs mit Wasser. Man muss die Klospülung nicht mit Trinkwasser füllen, es kann auch Abwasser aus der Dusche sein. Kurzum: Wir haben so viele Möglichkeiten zur Hand.

„Hoffnung für die Welt“

All das sind keine utopischen Hoffnungen und keine Kopfgeburten phantastischer Spinner. Es sind Möglichkeiten, die in der aktuellen, unbefriedigenden Situation schon angelegt sind. Nicht nur die Katastrophe ist eine Möglichkeit, sondern auch ihre Abwendung und die Veränderung unseres gesellschaftlichen Entwicklungspfades.

Dass es gerecht zugeht, fair zugeht, dass wir die Kampfesstimmung aus unserer Gesellschaft verbannen und durch Solidarität ersetzen, das ist machbar. Gerade die Hoffnungslosigkeit, die in jede Ritze gekrochen ist, lässt auch die Sehnsucht nach Hoffnung wachsen.

Kommt es fix so, dass wir die positiven Möglichkeiten verwirklichen? Nein, natürlich nicht. Nur, wenn wir – Sie, Sie und Sie – sich dafür einsetzen und wir unser liebstes Hobby, nämlich den unnötigen Streit unter den Gutwilligen, in den Ruhestand schicken und auch die pessimistische Miesepeterei durch ein wenig Optimismus ersetzen. „Solange noch jemand Schwung hat, gibt es Hoffnung für die Welt“, sagte einst Paul Auster.  


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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