Heute im Untersuchungsausschuss stellte der Berliner Gerichtsmediziner Michael Tsokos den Pilnacek-Ermittlern ein verheerendes Zeugnis aus. Ein Aktenvermerk führt auf eine neue Spur: Kommt die Suizid-Behauptung aus dem Innenministerium selbst?
Bis heute ist im Fall „Pilnacek“ eine zentrale Frage offen: Wie kamen Beamte der niederösterreichischen Polizei schon wenige Stunden nach Pilnaceks Tod zum Schluss, der Sektionschef habe sich das Leben genommen? Wie kam es Tage vor der Obduktion und Wochen vor dem ersten gerichtsmedizinischen Gutachten zum Suizid-Kurzschluss, der die Rechtfertigung, dass das Beweismittel „Handy“ an die Witwe und nicht an die Staatsanwältin weitergegeben wurde, lieferte?
Einziges Suizid-Dokument
Ein Amtsvermerk der Landesverkehrsabteilung Niederösterreich, der kurz nach Pilnaceks Tod am 20. Oktober 2023 erstellt wurde, liefert einen neuen, überraschenden Hinweis auf mögliche Suizid-Urheber im Innenministerium. Er ist das einzige Dokument aus den Erstermittlungen, in dem der Begriff „Suizid“ vorkommt.
Der Beamte, der die Geisterfahrt dokumentierte, berichtete, „dass die Beamten, welche die Geisterfahrt beendet haben, eine sehr gute Leistung erbracht haben.“ Dann kommt der entscheidende Satz: „Weiters stehe er im Kontakt mit dem Lagezentrum des BMI – wobei von dort aus die Info ergeht, dass Mag. Pilnacek vermutlich – Info nicht bestätigt – in suizidaler Absicht, als Geisterfahrer unterwegs war und diese gefährdende Fahrt durch das ausgezeichnete Handeln der Beamten beendet werden konnte. Somit konnte Schlimmeres verhindert werden.“
Im Lagezentrum
Das Lagezentrum ist die operative Schaltzentrale des BMI, die rund um die Uhr den Informationsfluss zwischen Einsatzkräften, Behörden und Ministeriumsführung sicherstellt. Alles, was wichtig scheint, kommt ins Lagezentrum und wird von dort an die Führungskräfte des BMI weitergeleitet.
ÖVP-Bundespolizeidirektor Michael Takacs erklärte dem Richter im Buchverbots-Prozess rund um den Tod des Sektionschefs, wie er von Pilnaceks Tod erfuhr:
Richter: Sie haben es schon von Anna P. erfahren, bevor Sie davon überhaupt in der
klassischen Polizeiinformationskette erfahren haben?
Takacs: Korrekt, weil das ist immer verzögert, denn, wenn das in den Landespolizeidirektionen passiert und bis es dann in das Innenministerium, in das sogenannte Lagezentrum kommt, dauert das seine Zeit.
Polizeichef an GD
Takacs schilderte, wie er die Information weitergab: „Nachdem ich das von Anna P. erfahren habe, habe ich meine hierarchische Struktur verständigt, in dem Fall war das der Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit und den Kabinettschef des Innenministers. Man ruft sehr selten direkt den Innenminister an.“
Das Lagezentrum untersteht Franz Ruf, dem ÖVP-Generaldirektor für öffentliche Sicherheit.
Der Richter fragte nach: „Sie haben nur den Kabinettschef und den Generaldirektor für Öffentliche Sicherheit verständigt?“
Takacs antwortete: „Ich habe auch den hierarchisch Untergeordneten, den Landespolizeidirektor Franz Popp angerufen und ihn verständigt, dass ich das gerade erfahren habe, denn auch für ihn dauert die Informationskette länger und das ist in seiner Verantwortung und dann war das für mich erledigt.“
Richter: Aber die Information war, dass Christian Pilnacek tot ist und nicht mehr?
Zeuge: Korrekt. Nein, es gab überhaupt keine Spekulation.
Tomaselli widerlegt Takacs
ÖVP-Polizeichef Takacs wurde im Untersuchungsausschuss von der grünen Abgeordneten Nina Tomaselli zur suizidalen Geisterfahrt befragt, wie der ZackZack-Liveticker belegt.

Michael Tsokos wunderte sich im Ausschuss über die Behauptung einer „suizidalen Geisterfahrt“: „Wer einen Suizid vorhat, entscheidet sich nicht für eine Amokfahrt.“
Auch heute blieb die Frage, welche Rolle das BMI-Lagezentrum bei der Suizid-Legende spielte, offen.
Titelbild: HELMUT FOHRINGER / APA/ Apa Images, ZackZack

