16. Juli 2026

Die schwarze Stunde

Google
ZackZack auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle festlegen
?
Ein Klick auf „Aktivieren" öffnet eine Google-Seite, auf der du ZackZack als bevorzugte Nachrichtenquelle speichern kannst. Das beeinflusst, welche Artikel dir in Google News und im Discover-Feed vorgeschlagen werden. Google erhält dabei keine Daten von uns – du änderst lediglich eine Einstellung in deinem eigenen Google-Konto.
Aktivieren

Das Ende der Medienfreiheit in Österreich wird nicht das Ende des Widerstands gegen die Oligarchie und ihre Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit sein. Der passive Widerstand wird auch in Zukunft viele vereinen, die zur Entwicklung unserer Gesellschaft nur eines denken: »Nein!«

Fast täglich wache ich irgendwann zwischen zwei Uhr und vier Uhr in der Früh auf. Ich habe lange in der IT gearbeitet und war dabei über ein Jahrzehnt an zehn Tagen im Monat in Rufbereitschaft. Die Angst, das Telefon nicht zu hören, einen Anruf zu verschlafen, verschlechterte die Schlafqualität. Ob es daran liegt oder nicht: Ich wache jede Nacht auf. Und in dieser Zeit überfallen mich die düstersten Gedanken. Ich nenne es: die schwarze Stunde.

In der schwarzen Stunde erscheinen mir alle Probleme noch unlösbarer, als sie sich im Tageslicht darstellen, die vor mir liegenden Dinge noch unbewältigbarer und aussichtsloser und die Weltlage noch trister.

Schieflage

In den letzten zwei Wochen kam noch eine ganze Reihe schlechter Nachrichten dazu: berufliche Nachrichten und Nachrichten aus dieser Welt, die nicht mehr die meine ist. Österreich spielt bei einer Fußballweltmeisterschaft gegen Argentinien und der Österreichische Rundfunk überträgt das Match nicht. Hätte man mir diese Nachricht vor dreißig Jahren mitgeteilt, ich hätte schallend gelacht und/oder es für kompletten Unfug gehalten. Es ist aber heute bittere Wahrheit: Der Staat hat aufgegeben, sich zu organisieren. Und der Staat, das sind wir alle. Wir haben uns aufgegeben. Wir können natürlich Politikern die Schuld daran geben. Aber wer wählt sie mehrheitlich?

Besonders dramatisch trifft die Aufgabe des Staates den Informationssektor, der ohnehin in den letzten zehn Jahren mehr und mehr in eine Schieflage geraten ist. Heute ist er ganz nach rechts geneigt. Eine schiefe Ebene, auf der die Freiheit keinen Halt mehr hat. Die einzigen Parteien der Mitte, die es in Österreich gibt, sind die SPÖ und die Grünen. (Denn linke Parteien – egal was die rechte Propaganda Ihnen auch erzählt – gibt es in Österreich seit 1934 nicht mehr.)

Doch sowohl die Grünen als auch die SPÖ spielen das Spiel der Rechten mit: 1) Medien zerstören – wie die Wiener Zeitung und ORF.at. Auch die SPÖ hat nichts dazu getan, die Wiener Zeitung wieder zu gründen wie 1945 oder ORF.at vor der politischen Zerstörung zu bewahren. 2) Rechte Medien fördern. 3) Die Öffentlich-rechtlichen Medien aushungern und kaputtsparen. 4) Kleine unabhängige und kritische Medien den juristischen und wirtschaftlichen Attacken rechter Parteien zu überlassen – was ihr todsicheres Ende ist.

Eine wichtige Rolle

Letzteres trifft unter anderem ZackZack. Man könnte politisch ganz anders darauf reagieren, dass es uns gibt. Man könnte sagen, dass die Reichweite von ZackZack sich ja bei weitem nicht mit anderen Medien messen kann. Offensichtlich aber spielen unsere Artikel oder einige von ihnen doch eine wichtige Rolle im politischen Diskurs. Sie tun weh – und das ist gut so.

Man könnte in der Existenz kleiner unabhängiger Medien einen Beweis für die Existenz der Pressefreiheit in diesem Land sehen. Doch den Regierenden ist es in Österreich egal, wenn das Land in allen Rankings weiter sinkt und sinkt. Die Anti-Korruptions-Maßnahmen der EU werden ja nicht einmal in ihren Mindestanforderungen umgesetzt.

Alles kaputtmachen

Heute Morgen kurz vor vier Uhr in der schwarzen Stunde, dachte ich: »Gut, lass sie halt alles kaputtmachen!« Literatur wird es bald ohnehin nicht mehr geben, die Buchhandlungen sterben wie die Fliegen, Rezensenten in Medien werden gekündigt, öffentliche Debatten über Literatur werden höchstens auf Boulevard-Niveau in Society-Formaten geführt. Meine Lebensgrundlage ist zerstört. Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt und es gibt keinen Arbeitgeber, der mich noch anstellt, obwohl andauernd nach einer Erhöhung des Pensionsantrittsalter gerufen wird. Egal, es geht nicht um mich. Lass sie alles kaputtmachen, die Kultur, die Bildung, die Presse – so dachte ich heute Morgen.

Dann aber fiel mir dieser Satz ein – und darum ist die schwarze Stunde ja so schwarz: »Und was ist, wenn sie uns umbringen?« In den USA hat man ja schon wehrlose und unbescholtene Staatsbürgerinnen und Staatsbürger auf offener Straße erschossen. Und wir eifern ja den USA immer nach. Mit den digitalen Waffen und Verfolgungsinstrumenten, ob sie Palantir heißen oder anders, wird diese Verfolgung von staatlicher Seite gekauft und gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Der Innenminister, der mit Terroristen der Taliban verhandelt, erklärt nun Antifaschisten, die in Kärnten ein Zelt aufstellen, zu Terroristen. Er handelt im Sinne und im Auftrag einer kleinen Oberschicht.

Sehr wenige reiche Menschen wollen Einfluss auf alle Regierungen nehmen – nicht nur auf die des Staates, in dem sie leben. Und sie haben nur eine Angst: Dass eine große Mehrheit feststellt, dass sie von diesen Reichen täglich, ja minütlich bestohlen wird und sich dagegen zu wehren beginnt. Also braucht man Feindbilder: Aktivisten, Umweltschützer, Antifaschisten, Investigativjournalisten, kritische Medien und alle, die sich nicht vom Smartphone-Online-Konsum-Opium einlullen lassen wollen.

Gesellschaft ohne Kritik

Schlimmer als die Reichen sind nur mehr die Kinder der Reichen. Freilich gibt es ein paar Ausnahmen: Menschen, denen klar wird, dass es nicht das Ziel eines kurzen Lebens sein kann, Reichtum zu vermehren. Es ist im Grunde ein zutiefst lächerliches Ziel, die Haltung dahinter kurzsichtig und dumm. Aber es lebt sich eben gut auf dem Rücken anderer. Wie aber verhindert man, dass diese anderen aufmucken?

Unsere Gesellschaft hat seit 1989 eine fatale Wendung durchgemacht: Sie hat jahrzehntelang einem anderen politischen System vorgeworfen, dass es die Meinungsfreiheit und Pressefreiheit unterdrücke, dass es keine freie Wirtschaft zulasse und keine persönliche Freiheit dulde. Dieses feindliche politische System gibt es heute nicht mehr. Heute sind wir so geworden. Und wir vertragen keine Kritik, keine Diskussion und schon gar keinen Widerstand.

Nein

Es gibt einen sehr schönen Text von Bertolt Brecht in den Geschichten von Herrn Keuner. Darin erzählt Herr Keuner folgende Geschichte:

In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hat, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle, jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.

Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: »Wirst du mir dienen?«

Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was er immer für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: »Nein.«

Wenn es ZackZack nicht mehr gibt, wie es möglicherweise bald der Fall ist, wenn es so vieles nicht mehr geben wird, das wir einmal für selbstverständlich hielten, bleibt uns noch, uns das Wort Nein aufzusparen. Ob ich hier Artikel schreibe oder nicht, ob ich überhaupt schreibe oder nicht, das ist mein Problem, das sind Fragen, die mich vor allem in der schwarzen Stunde quälen. Wichtig aber ist, dass viele, sehr viele, dass eine große Mehrheit wie Herr Egge auch über Jahre nicht vergisst, was die wahre Situation unserer Gesellschaft ist. Und hoffentlich erleben sie den Tag, an dem sie aufatmen und erleichtert sagen können: »Nein!«


Titelbild: ZackZack/Miriam Mone

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

webseitenewsletter banner (8)
LESEN SIE AUCH

Liebe Forumsteilnehmer,

Bitte bleiben Sie anderen Teilnehmern gegenüber höflich und posten Sie nur Relevantes zum Thema.

Ihre Kommentare können sonst entfernt werden.

103 Kommentare

103 Kommentare
Neueste
Älteste Meisten Bewertungen
×