Das offizielle Amerika hat sich von allen guten Geistern verabschiedet. Es beschwört in einer horrorhaft unkontrollierbaren Seance die alten bösen Geister.
Eine junge schwarze Frau sitzt im Waggon der Washingtoner Metro und blickt starr geradeaus. Der Waggon ist angefüllt mit Männern, die ganz nah um sie herumstehen. Es sind viele Männer. Verdammt viele. Vermummte Männer mit Masken oder Tüchern vor dem Gesicht, in uniformartigen khakifarbenen Hosen, mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen. Im Bildausschnitt sieht man nichts außer diesen verhüllten Männern und dieser einen Frau. Sie blickt starr geradeaus, ihre Schultern sind ganz leicht nach vorne gezogen, wohl auch, um keinen der Männer zu berühren. Sie sieht sie nicht an. Sie sitzt einfach an einem Feiertag im Zug, allein, umgeben von diesen Männern, und fährt ihrem Ziel entgegen. Die Männer sitzen in den Reihen vor und hinter ihr, sie stehen ganz nah im Gang des Zuges. Sie sind allesamt Mitglieder der „Patriot Front“. Uniformiert unterwegs zu einem Marsch in der Hauptstadt. Aufgehalten wurden sie nicht. Dieses Reuters-Bild entstand am 4. Juli 2026. An Amerikas 250. Geburtstag.
Ich stelle mir vor, wie ich mich fühlen würde, an Stelle der Frau. Und ich weiß, dass ich mir das nie ganz werde vorstellen können. Ich sehe nicht so aus, dass mich der Hass dieser Männer sofort als Zielscheibe suchen wird. Ich sehe aus wie die. Meine Haut sieht aus wie ihre. Solange ich keine eindeutigen Dinge von mir gebe, werden sie eher nicht auf mich aufmerksam. Ich kann entscheiden, ob ich ihnen auffallen werde. Sie können natürlich gleichzeitig entscheiden, ob sie jemanden auch völlig ohne äußere Trigger attackieren möchten. Aber ich sitze nicht da als dieser Trigger. Die junge Frau schon. Und sie weiß es. Ihr Blick geht sehr konzentriert ins Leere. Sie ist der Ritter mit dem offenen Visier. Die anderen sind verhüllt. Die anderen verstecken sich. Die anderen sind feige. Sie nicht. Ihr Gefasstheit strahlt Würde aus, Würde, die sie sich nimmt. Aber auch ihre Gefasstheit wird sie im Falle des Falles nicht schützen. Sie ist ihnen auf eine Art ausgeliefert.
Und dann denke ich noch, welcher Wahnsinn das ist, dass die WM unter anderem genau dort stattfindet, wo diese junge Frau von Vermummten umgeben sitzt. Als wäre alles normal. Als wäre nichts geschehen. Jede Teilnahme, jede Anreise ist eine weitere Anerkennung des Regimes.
Ich denke oft an sie zurück. Ob sie gut an ihr Ziel gekommen ist. Ob diese Fahrt einen Bruch erzeugt hat, einen Bruch zwischen ihr und diesem etwas, das sich Demokratie nennt. Aber vielleicht hat sie den Glauben daran schon früher verloren. Gelegenheiten gab es seit Jahren genug. Und ich denke daran, dass sie da sitzt, ungeschützt, allein, während die Feiglinge verborgen und verhüllt in diese unwürdige weiße Fetzen, die an die Ku-Klux-Klan- Ausrüstung gemahnen (und gemahnen sollen) mit ihrem paramilitärischen Gehabe, ihren versteckten Gesichtern, ihrem entspannenden Aufgehen in einer Gruppe, die ihnen Macht verleiht, und Anonymität, Raum nehmen in diesem Waggon. Sie fühlen sich sicher. Sie glauben, das zu dürfen.
Die Begnadigungen diverser Insurrectionists des 6.1. sprechen eine klare Sprache. Das offizielle Amerika will das so. Es hat sich von allen guten Geistern verabschiedet. Im Gegenteil: Es beschwört in einer horrorhaft unkontrollierbaren Seance die alten bösen Geister. Ich hoffe sehr, dass sie gut nach Hause gekommen ist. Und ich schäme mich gleichzeitig, obwohl ich nicht einmal amerikanische Staatsbürgerin bin. Und dann denke ich noch, welcher Wahnsinn das ist, dass die WM unter anderem genau dort stattfindet, wo diese junge Frau von Vermummten umgeben sitzt. Als wäre alles normal. Als wäre nichts geschehen. Jede Teilnahme, jede Anreise ist eine weitere Anerkennung des Regimes.
Titelbild: ZackZack/Miriam Mone

