KI-generierte Inhalte und Propaganda beginnen, Medien zu dominieren. Aber können wir es uns so leicht machen, der Maschine Schuld für den Verfall der Informationskultur zu geben?
Auf der äußerst lesenswerten Webseite kobuk.at berichtet Andrea Gutschi in einem erst wenige Tage alten Artikel über Nachrichtenseiten mit KI-generierten Inhalten. Von geklauten und mehr oder weniger sinnlosen Inhalten bis hin zu blankem Unsinn reicht die Palette dieser Artikel. Sie sind der Inbegriff der Umweltverschmutzung. Jeder Prozessortakt kostet Geld und kostet Strom. Der Irrglaube, Datenübertragung, Rechenleistung und Datenspeicherung seien heute kostenlos, der von den einen geglaubt wird und von den anderen nur behauptet wird, um Angestellte zu entlassen, regiert bis heute die Welt.
Inhaltlich mag ich mich mit automatisch generierten Enten nicht auseinandersetzen; schon gar nicht mit künstlich erzeugten Bildern und Videos, da ich Bildern und Videos im Netz ohnehin keinen Glauben schenke. Aber Andrea Gutschi geht zwei Schritte weiter. Sie versucht die Medieninhaber ausfindig zu machen. In einem Fall landet sie bei einer Briefkastenfirma im Zweiten Bezirk in Wien. In einem anderen Fall veröffentlicht ein »Nachrichtenportal« zwar KI-generierte Artikel unter denen die Namen fingierter Autorinnen und Autoren stehen, aber sein Betreiber ist tatsächlich existent und bezeichnet sein Produkt als »KI-Hobbyprojekt-Spielwiese«.
Angst vor dem Menschen, nicht vor der Maschine
Wenn es zur Diskussion über solche Entwicklungen kommt, wird meistens sofort die moralische Frage in den Raum gestellt. Und es wird in den meisten Fällen mit einem Klischee geurteilt, das da lautet: Maschine böse, Mensch gut. Dieses Klischee lehne ich ab. Denn erstens glaube ich nicht an diese simple Dichotomie, mit der Religionen und Propaganda in der Geschichte Unsägliches angerichtet haben. Und zweitens habe ich Angst vor den Menschen und nicht vor den Maschinen.
Mit vier Thesen schließt Andrea Gutschi ihren Artikel auf kobuk.at – vier Punkte, die herausstreichen, wodurch KI-generierte »Nachrichtenportale« der Gesellschaft schaden. Ich stimme mit ihr überein. Vom Relativieren von Fakten, über bewusste Manipulation öffentlicher Debatten, vom propagandistisch intendierten Fluten des Netzes mit Unsinn (»flood the zone with shit«) bis hin zur bewusst betriebenen Schwächung des tatsächlichen Journalismus, der auf Recherche, Quellenkritik und Sorgfaltspflicht basieren sollte, erfüllen KI-»Nachrichtenportale« alle Kriterien politischer Manipulation – auch wenn sie sich als Versuchslabore oder Spaßprojekte tarnen. Ich frage mich nur: Was ist der Unterschied zu den neunzig Prozent der menschlich gemachten politischen Manipulation in Österreichs Medien?
Eine problematische Konstruktion
Ohnehin ist Österreichs Medienlandschaft nach 1945 eine sehr problematische Konstruktion. Sie existierte zunächst als klar zwischen den beiden großen Parteien ÖVP und SPÖ (und der von ihnen mehrheitlich beherrschten Interessensverbänden) aufgeteilter Bereich und gab daher ihren Betreibern wenig Anlass zu Objektivität. Konsens fanden beide Lager aber schnell darin, eine pro-amerikanische Haltung einzunehmen; was vor allem bedeutete, dass expliziter Anti-Kommunismus die Aufarbeitung des Nationalsozialismus verhinderte. Das dauert bis heute an. Im Jahr 2026 schreiben die Salzburger Nachrichten nach der Wahl in Graz, KPÖ sei »der Parteiname, der mit den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte assoziiert wird«. Eine klare Verharmlosung und Relativierung des Nationalsozialismus.
Solche Zeilen sollten nicht nur nicht in einer »Qualitätszeitung« stehen; sie sollten nirgendwo stehen. Doch Österreich bog Ende der Fünfzigerjahre wieder falsch ab: Die Neue Kronen Zeitung wurde gegründet und mit ihr kam der radikale Boulevard ins Land. Boulevard, der auf Feindbilder setzt, und seine »Helden« unkritisch bejubelt. Mit Kurt Waldheim unterstützte die Kronen Zeitung im Jahr 1986 nicht nur einen untragbaren Präsidentschaftskandidaten. Sie unterstützte damit in einer Zeit, als Österreich gerade begonnen hatte, seine Geschichte ernsthaft aufzuarbeiten, radikal und erfolgreich die Leugnung der Mitschuld von Österreicherinnen und Österreichern an den Verbrechen des Nationalsozialismus. Im selben Jahr wurde Jörg Haider zum neuen politischen Liebkind der Kronen Zeitung.
Nur eine weitere Waffe
Seit dem Rücken nach ganz rechts, wie es die FPÖ 1986 vorgenommen hat, sind alle Parteiobmänner der FPÖ Liebkinder des österreichischen Boulevard geworden. Im Schatten der Krone tauchten ihre Generika auf: vor allem heute und Österreich. Als die ÖVP ihren Namen schließlich in Liste Kurz änderte und ihre Farbe von schwarz auf türkis, wurden die rechtsradikalen Inhalte der FPÖ die Inhalte einer früher konservativen Partei. Ihr Frontmann Sebastian Kurz wurde der Held des Boulevards. Und wo es nicht ausreichte, seine Bejubelung mit Druck und Freunderlwirtschaft zu erwirken, da half man mit Geld nach. Es wirkte. Das ganze Land war ab 2017 Opfer einer Gehirnwäsche, die nicht nur den Boulevard betraf, sondern weit in die sogenannten Qualitätsmedien wirkte, wo bis heute Kurz-Jubler sitzen und schon eifrig über sein »Comeback« schreiben.
Und nun möchte ich die Frage stellen: Was ist an diesen menschlich erzeugten Inhalten besser oder weniger verwerflich als an maschinell erzeugten Inhalten? Wie weit sollen es ethische Grundsätze wie Sorgfalt, Objektivität und Skepsis bringen, wenn sie mit dem Geld von Milliardären und Förderungen des Staates gleichzeitig bekämpft werden? Ist nicht die sogenannte KI (eine eigentlich sehr rechenaufwändige Unintelligenz, die sich als nicht sehr akkurater Abschreiber entpuppt) nichts anderes als eine weitere Waffe in der Hand derer, die ohnehin den Markt dominieren?
Zwei Subkulturen
Man muss nicht im Kulturpessimismus versinken. Es gibt natürlich viele Menschen in Österreich, die diese Mechanismen durchschauen. Und wir erleben vielleicht heute eine neue Welle kritischen Denkens, die spät aber doch die Mechanismen sogenannter »sozialer Medien«, aber auch der klassischen Medien und ihrer Besitzverhältnisse analysiert und zwei Subkulturen hervorbringt, die sich gegen die bestehenden Verhältnisse zur Wehr setzen: Erstens eine kritisch-analytische Gegenkultur. Und zweitens eine Gegenkultur des Boykotts. Letztere ist genauso wichtig wie die erste. Denn wer möchte schon sein restliches Leben mit dem Lesen der Kronen Zeitung oder von KI-generierten Artikeln in »Nachrichtenportalen« verbringen?
Der Journalismus hat für diese Gegenbewegungen noch wenig Platz. In Österreich ist es üblich, sich auf Stehsätze zurückzuziehen, deren Urheber je nach Laune immer ein anderer ist. So ist das Zitat »Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst«, das einmal von Karl Kraus und dann wieder von Alfred Polgar ist, für viele die »humorvolle Grundlage«, um sich bei ihrer Schreiberei ins Halbgewitzel zurückzuziehen. Vielleicht aber ist es nur eine strategische Tarnung und die einzige Möglichkeit, mit kritischen Sätzen noch in großen Medien vorzukommen.
Missstände benennen und handeln
Ich halte weder etwas von Enten noch von Halbgewitzel. Es geht darum, Missstände zu benennen und vor allem ein Handeln gegen diese Missstände zu erwirken. Ich lese, dass es nun einen Entwurf für ein Anti-SLAPP-Gesetz in Österreich gibt. Das ist etwas, das wir brauchen und auch auf europäischer Ebene mitbeschlossen haben. Wir werden sehen, ob alle Regierungsparteien zu diesem Beschluss stehen und ihn auch umsetzen.
Es sind nicht KI-Tools, die unsere Gesellschaft bedrohen – es sind Menschen. Dass Technologien zu missbräuchlichen Entwicklungen und missbräuchlichem Einsatz führen, ist vermutlich nicht zu verhindern. Wohl aber kann man es politisch eindämmen. Dazu muss der Staat aber seine Macht wahrnehmen können und Konzerne aber auch Einzelpersonen regulieren, die über unglaubliches Kapital verfügen. Und dazu müssen Schreibende und Lesende auch sich selbst und ihren eigenen ethischen Grundsätzen treu sein. Ohne Bildung und Kultur wird es die nicht geben.
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