07. Aug. 2026

Sieg des digitalen Gehorsams

Das geplante Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf wird mehr Strom brauchen als alle oberösterreichischen Haushalte. Es gibt dafür weder Umweltprüfungen noch ausreichende Genehmigungen. Das von den Boulevardzeitungen bejubelte Projekt bringt 100 Arbeitsplätze. Protest gibt es nur wenig.

In Kronstorf in Oberösterreich soll das erste Google-Rechenzentrum gebaut werden. ORF.at berichtet vom enormen Ressourcenverbrauch, dieser gigantischen Rechenanlage.

Noch ist das Gelände eine Baustelle. Auf einem rund 50 Hektar großen Areal in der knapp 3.500 Einwohner und Einwohnerinnen zählenden Gemeinde Kronstorf wird Googles erstes Rechenzentrum in Österreich errichtet. Gestern wurde bekannt, dass Google bereits weitere Ausbaustufen zur Genehmigung beim Land Oberösterreich eingereicht hat. Damit soll am gesamten Campus Infrastruktur für digitale Dienste entstehen – etwa für Suchmaschinen, Cloud-Anwendungen und künstliche Intelligenz (KI).

Bis heute fehlt eine Offenlegung von Strom- und Wasserverbrauch der tatsächlich geplanten Gesamtanlage. Die Landesregierung und der Google-Konzern schweigen dazu. Unmengen Strom braucht man nicht nur für den Betrieb, sondern auch die Kühlung der Rechner.

Höherer Stromverbrauch als alle oberösterreichischen Haushalte

Zum Stromverbrauch konsultierte ORF.at den Netzbetreiber und fragte nach der dortigen Einschätzung:

Laut Google liegt die elektrische Leistung des Rechenzentrums in Kronstorf in der derzeitigen Ausbaustufe bei bis zu 150 Megawatt. Bei einem möglichen späteren Vollausbau des Standorts wären nach Unternehmensangaben maximal 500 Megawatt Leistung vorgesehen. Nach Einschätzung des Übertragungsnetzbetreibers Austrian Power Grid könnte der jährliche Strombedarf des Google-Rechenzentrums im Vollausbau dem Verbrauch von bis zu 900.000 Haushalten entsprechen. Oberösterreich hat zum Vergleich rund 676.000 Privathaushalte.

Man erinnere sich an die Proteste gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf, das die ÖVP-Alleinregierung unter Kanzler Josef Klaus 1968 beschlossen hatte. Oder an den geplanten Bau des Wasserkraftwerks Hainburg. Damals 1984 sagten Umweltschützer, Österreich habe genug Strom und brauche daher kein weiteres Kraftwerk.

1978 siegte angeblich der »zivile Ungehorsam«. Heute siegt der digitale Gehorsam. Endlich sollten Öko-Aktivisten und Umweltschützer in diesem Land einsehen, dass ihre Pakte mit der ÖVP und den Boulevardmedien sie nicht weiterbringen, sondern ihnen nur schaden. Die Parole »der Feind meines Feindes ist mein Freund« war immer schon falsch.

Damals (1978 und 1984) haben sich die Boulevardmedien und die ÖVP auf die Seite der Aktivisten und Umweltschützer gestellt. Allerdings war der Grund dafür nicht der Umweltschutz sondern parteipolitische Taktik, denn die ÖVP befand sich damals in der Opposition. Heute ist aus den ÖVP-nahen Medien keine Kritik zu hören. Die Schlagzeilen klingen eher nach Werbung:

Werbung in Österreichs Boulevardmedien

Kronen Zeitung:

Googles Milliarden-Invest beflügelt das ganze Land

Ich sehe schon, wie uns Flügel wachsen, wenn die Strompreise für die Konsumenten steigen, während ein Großkonzern den Strom, den die Menschen brauchen, verbilligt bekommt. Es sind rostige Flügel.

Kurier:

Wirbel um Mega-Rechenzentrum von Google in Oberösterreich

»Wirbel um …« – so begannen zu Zeiten von Kanzler Sebastian Kurz viele Schlagzeilen, die damit zwei Dinge sagen wollten: Erstens, dass die Opposition zu einer geplanten Maßnahme nicht eine politische Äußerung, sondern nichts als Stänkern und Quertreiben sei. Zweitens wurden damit die Ausmaße von geplanten Projekten kleingeredet. Das »Wirbel um« ist also wieder zurück.

Heute:

Google-Rechenzentrum soll 100 neue Jobs in OÖ bringen

Google baut in OÖ ein neues Rechenzentrum – und bringt Jobs in die Region. Beim Spatenstich am Donnerstag gab es passend dazu einen »Googlhupf«.

Viel Jubel also, besonders wenn es Hans Dichands Lieblingsnachspeise Guglhupf gibt. Der Benefit: Läppische 100 Arbeitsplätze. Dafür: Keine Kontrolle durch die österreichische Regierung oder die oberösterreichische Landesregierung. Es wird dieses angebliche Rechenzentrum eine Freedom City, wie Peter Thiel sie sich immer schon erträumt.

Boulevardpresse begeistert, Google wortkarg

Der Standard und Die Presse bringen dazu den Text der APA. Nachfragen beim Konzern Google scheinen keine Informationen eingebracht zu haben. Die Presse berichtet mit Hinweis auf die APA:

Ein etwaiger Endausbau hätte eine Maximalkapazität von maximal 500 Megawatt, hieß es bei Google. Darüber hinausgehende Fragen zu den Eckdaten des Projektes, Jahresstromverbrauch, zu erwartenden Arbeitsplätzen oder Investitionssumme wurden nicht beantwortet. „Die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen steigt, daher muss auch die Infrastruktur ausgebaut werden. Aktuell haben wir keinen Zeitplan für weitere Neuigkeiten“, hieß es dazu lediglich seitens des Tech-Konzerns auf APA-Anfrage.

Per Presseaussendung informieren die Grünen Oberösterreich darüber, dass es keine offiziellen Informationen zum geplanten Projekt und keine Umweltverträglichkeitsprüfung gibt. Dazu der Grüne Umwelt- und Klima-Landesrat Stefan Kaineder:

Kaineder bringt auch möglichen rechtlichen Änderungsbedarf ins Spiel: „Projekte dieser Größenordnung sollten vor einer etwaigen Genehmigung einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden, das ist hier jedoch nicht der Fall, weil Rechenzentren gesetzlich nicht in den Anwendungsbereich des UVP-G fallen. Das halte ich für problematisch. Es liegen der UVP-Behörde auch keine offiziellen Informationen zum Projekt vor. Ich fordere und halte es für zwingend notwendig, dass die Umweltauswirkungen dieses Projektes ganz genau geprüft werden. Und ich fordere mit Nachdruck, dass sowohl das Unternehmen als auch der für die Genehmigung zuständige Landesrat Achleitner die Bevölkerung endlich transparent informiert, und nicht nur jubelt.“

Österreich steht zum Verkauf bereit

Vor kurzem haben wir hier über die Flamingo-Proteste in Albanien informiert, wo Trump-Schwiegersohn Kushner ohne Genehmigung ein Naturschutzgebiet bebauen darf, nur weil er dafür vier Milliarden Euro locker macht. Nun steht auch Österreich zum Verkauf. Aber auch der Protest formiert sich. Der Standard mit Hinweis auf die APA:

Eine regionale Bürgerinitiative hat zu einer Kundgebung für den 17. Juli um 15 Uhr an der Baustelle aufgerufen. Sie fordert u. a. die “bedingungslose Offenlegung aller Verträge und Deals zwischen Politik und Tech-Konzernen ab dem ersten Tag sowie ehrliche Gesamtprüfungen zu Lärm, Verkehr und Netzsicherheit”, zudem Schutz vor Lärm und negativen Auswirkungen auf das Mikroklima durch die Abwärme.

Es gibt auch erste Petitionen, die Transparenz und Prüfungen fordern. Insgesamt ist die Informationslage aber im Informationszeitalter und der Welt der sogenannten KI äußerst dürftig. Wer unterschreiben will, kann das hier tun:

https://mein.aufstehn.at/petitions/stopp-der-einzelgenehmigungen-wir-fordern-eine-transparente-gesamtprufung-aller-risiken


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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