11. Aug. 2026

20.000 Hitzetote in Europa: “Klimakrise keine zukünftige Bedrohung”

Seit der historischen Hitzewelle Ende Juni zählen Statistikbehörden in ganz Europa tausende zusätzliche Todesfälle. Auch Österreich ist betroffen. Am gefährdetsten sind ärmere und ältere Menschen.

Mitte Juni kippte in weiten Teilen Europas das Wetter in einen Extremzustand: zwei aufeinanderfolgende Hochdruckgebiete ließen tagelang keine kühlere Atlantikluft nach Mitteleuropa vordringen. Das Resultat war eine der schwersten Hitzewellen, die je in der Region gemessen wurden. Mehr als 150 Millionen Menschen waren betroffen, Temperaturrekorde fielen von Portugal bis Ungarn. Erste Daten der zuständigen nationalen Behörden zeigen, dass mehr als 20.000 Menschen in Europa an den Folgen gestorben sein könnten.

Über 10.000 zusätzliche Tote in nur einer Woche

Die französische Gesundheitsbehörde „santé publique France“ listet 1.140 zusätzliche Todesfälle in den letzten Junitagen 2026, dem Beginn der ersten Hitzewelle. Die Gesundheitsministerin Stéphanie Rist meldete sogar 2.025 zusätzliche Todesfälle in der Woche von 22. Bis 28. Juni. Anfang Juli gab es noch eine Hitzewelle in Frankreich, die mehr als eine Woche andauerte und zu Wasserknappheit vor allem im Süden des Landes führte. Daten der hitzeinduzierten Übersterblichkeit für diesen Zeitraum liegen noch nicht vor. Insgesamt könnte die Zahl der statistisch hitzebedingten Toten in Frankreich deshalb weitaus höher liegen.

Erschreckend hohe Zahlen meldet auch das für Deutschland zuständige Robert Koch Institut (RKI). Die Daten der letzten zwei Wochen sind noch nicht mit einberechnet. Selbst ohne die Daten der jüngsten Hitzetage meldet das RKI 6.830 Hitzetote seit April 2026, die meisten davon stammen vom Juni.

Einen statistisch signifikanten Anstieg gab es auch in Belgien. Ein Blick auf die Grafiken von EuroMOMO, das Sterblichkeitsraten in der EU analysiert, zeigt eine massive Zunahme der Übersterblichkeit in Belgien, vor allem in der letzten Juniwoche (Kalenderwoche 26). Zwischen 18. Juni und 1. Juli starben 1.747 Menschen mehr als üblich. Besonders viele davon im französischsprachigen Wallonien, das als strukturschwächer gilt als Flandern.

„Es ist sehr plausibel, dass diese Zahlen in erster Linie mit der Hitze zusammenhängen“, sagte Lasse Skafte Vestergaard, Chefarzt am dänischen Statens Serum Institut, das EuroMOMO beherbergt, gegenüber POLITICO. „Es gibt keine anderen naheliegenden Erklärungen oder öffentliche Bedrohungen der Gesundheit, die das erklären könnten.“

Auch in Großbritannien waren laut Angaben der Behörden über 2.000 Hitzetote zu vermelden. Der britische Energie- und Klimaminister Ed Miliband betonte: „Diese Hitzewellen, die alle bisherigen Rekorde brechen, zeigen einmal mehr, dass die Klimakrise keine zukünftige Bedrohung ist”, forderte der Brite zu raschem Handeln auf.

Kaum Daten in Österreich

Unzählige Nachrichten über Kreislaufversagen beim Baden aufgrund der hohen Hitze zeigen, dass auch Österreich viele Hitzetote zu vermelden hat. Über die genaue Zahl kann derzeit jedoch nur gemutmaßt werden. Die dafür zuständige Behörde AGES präsentiert die Zahl der hitzebedingten Todesfälle erst im Herbst. Im Vorjahr meldete die AGES 449 Hitzetote, im Jahr 2024 – dem heißesten der Messgeschichte –  waren es 989.

Zur Methodik der Bestimmung der Hitzetoten heißt es bei der AGES: „Für die Modellierung werden tägliche Sterbedaten sowie hochaufgelöste Wetterdaten verwendet. Die Sterbedaten stammen von Statistik Austria und umfassen alle Todesursachen. Die Wetterdaten werden von GeoSphere Austria bereitgestellt und beinhalten 10-minütliche Messwerte von insgesamt 181 Stationen in ganz Österreich.“ Die Jahre der Covid-Zeit werden aufgrund unklarer Verschränkungen nicht berücksichtigt.

Wie werden Hitzetote gemessen?

Die Anzahl der Hitzetoten lässt sich nur statistisch bestimmen. Wenn keine weiteren offensichtlichen, gesundheitsgefährdenden Faktoren vorherrschend sind, ergibt sich die Anzahl der Hitzetoten aus der Übersterblichkeit im verglichenen Zeitraum. Die Übersterblichkeit kann grob als die Differenz zwischen der tatsächlichen und der erwarteten Anzahl an Todesfällen bezeichnet werden.

Das Wasser wird knapp

Neben der Hitze hat Österreich auch mit massiver Trockenheit zu kämpfen. Von Vorarlberg bis zum Burgenland liegen die Niederschlagsdefizite im Jahr 2026 oft zwischen 30 und 50 Prozent, warnt die GeoSphere Austria. Das könnte massive Folgen für Landwirtschaft und Natur haben. Die Grundwasserpegel sind auf einem alarmierend niedrigen Niveau, warnt der Hydrologe Günter Blöschl im Standard und spricht von einem Zustand „am Rande einer Ausnahmesituation.“

Zu dieser ist es in anderen europäischen Ländern längst gekommen. Besonders betroffen ist auch dort Frankreich, wo der Gebrauch von Trinkwasserquellen stark eingeschränkt wurde. Ähnliche Maßnahmen gibt es auch in Teilen Italiens und Deutschlands im Raum München, wo es verboten ist, Trinkwasser aus Seen und Flüssen zu entnehmen, private Pools zu befüllen oder Rasen zu sprenkeln.

Der Münchner Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) fordert von den Bewohnern der Stadt ein, sich an die verschärften Regeln zu halten:

Wer am stärksten betroffen ist

Die Statistiken zeigen, dass besonders ältere und vorerkrankte Menschen am öftesten in Folge der Hitze zusammenbrechen. Eine Rolle spielen dabei natürlich auch die eigenen finanziellen Mittel. Wer seine städtische Wohnung gut kühlen kann, ist klar im Vorteil. Wer von der heißen Stadt aufs Wochenendhaus am Land ausweichen kann, ebenso. Diese soziale Schlagseite – Alter, Pflegebedürftigkeit, Wohnsituation und Einkommen – wird von Fachleuten seit einigen Jahren unter dem Begriff „Umweltgerechtigkeit“ diskutiert.

Klar ist schon jetzt: Das eigentliche Risiko liegt dort, wo ohnehin am wenigsten Ressourcen vorhanden sind: in schlecht sanierten Wohnungen, überlasteten Pflegeheimen und überfüllten Wohngemeinschaften.


Titelbild: canva

Autor

  • Daniel Pilz

    Redakteur. Studierte Philosophie an der Uni Wien. Schwerpunkte liegen in der Innen- und Europapolitik, sowie im Konsumentenschutz.

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