07. Aug. 2026

Ein Autor der sein Buch nicht kennt

Die oligarchische Gesellschaft lebt davon, dass wir unsere Wünsche, unser Handeln und unseren politischen Willen delegieren. Wir müssen dem Kapitalismus widersprechen, um zu zeigen, dass wir noch am Leben sind.

Von den sogenannten Flamingo-Protesten und den Protesten in Kronstorf, wo heute eine Kundgebung gegen das geplante Google-Rechenzentrum stattfindet, wurde hier berichtet. An beiden Schauplätzen wird die prototypische Frage unserer Zeit beantwortet: ob Staaten – und damit die Menschen in diesem Staat und damit die Demokratie – sich noch erfolgreich gegen oligarchisches Kapital zur Wehr setzen können. Ob Gesetze überhaupt noch zählen, wenn jemand mit viel Geld daherkommt. Mit den SLAPP-Klagen wird ja schon klar, dass man mit viel Kapital auch Recht kaufen kann. Gar nicht, indem man jeden Prozess gewinnt – das ist ja dem Reichen völlig egal. Sondern, indem man mit vielen Prozessen einen unliebsamen Gegner mundtot macht, in den Bankrott treibt und verstummen lässt.

Viele Menschen, auch wenn sie sich für Kultur zu interessieren glauben, vergessen, dass es eine Frage der Kultur ist, die hier entschieden wird. Die oligarchische Welt hält für alles Surrogate bereit. Im Zeitalter des Konsumismus ersetzt sie jene Dinge, die uns verloren gehen, durch ein reichhaltiges Angebot an Prothesen, Krücken, Hilfsmitteln, Implantaten. Mit diesen Konsumartikeln wird der Schein einer kultivierten Welt aufrechterhalten.

Was macht es aus?

Ich bin es in der Literatur gewohnt, dass Rezensenten ein Buch, das sie besprechen, nicht gelesen haben. Es gibt sogar Moderatoren, die mit einem Autor für ein Gespräch eine Bühne betreten, und ihm auf dem Weg zum Sofa ins Ohr flüstern, sie hätten sein Buch nicht gelesen. Es ist mir tatsächlich schon passiert. Vielleicht hätte man sich darüber vor zwanzig Jahren noch mokiert.

Heute sind andere Situationen Realität: Menschen schreiben Bücher, die sie nicht kennen. Oder wissenschaftliche Arbeiten. Oder was auch immer. Es reicht ein kurzes Gespräch mit ihnen, um festzustellen, dass sie nicht die geringste Ahnung von dem haben, womit sie sich angeblich beschäftigen. Was macht es in diesem Fall aus, wenn ein Verlag ein Manuskript, das der Autor von KI hat erzeugen lassen, mit einem KI-generierten Absageschreiben ablehnt? Was macht es aus, wenn ein KI-generiertes ungelesenes Buch in einer KI-generierten Rezension besprochen wird, die nicht gelesen wird, sondern höchstens in KI-manipulierten Suchmaschinenzusammenfassungen erwähnt wird?

Befreit

Was macht es überhaupt aus, wenn wir Kompetenz, Einstellungen, Meinungen und sogar unsere Neigungen delegieren? In Robert Pfallers Buch Ästhetik der Interpassivität, das nun schon fast zwanzig Jahre alt ist, antizipiert der Autor bereits dieses Zeitalter: das Zeitalter, in dem der Autor vom Schreiben und der Leser vom Lesen befreit wird:

Offenkundig ist der Begriff der Interpassivität dem der Interaktivität entgegengesetzt. […] Das interaktive Kunstwerk ist eines, das noch nicht zur Gänze vollendet ist, sondern eine Zugabe an kreativer Arbeit erwartet, die von den Betrachtern beigesteuert werden muss. Was könnte das Gegenteil davon sein? […] Das Kunstwerk müsste bereits mehr als vollendet sein. Nicht nur dürfte keine Aktivität mehr fehlen, sondern selbst sämtliche Passivität müsste bereits in ihm enthalten sein. Die Betrachter würden sowohl vom aktiven Beitragen als auch vom passiven Betrachten befreit.

Wir sind die Politik

Legen wir diese Analyse auf die Demokratie um, die gesellschaftliche Partizipation in unserer Staatsform, so sehen wir den Grund für den politischen Zustand der Gegenwart. In der Interpassivität, sagt Pfaller, delegieren wir den eigenen Genuss und die eigene Konsumtion.

Schon drei Mal in kurzer Folge habe ich Auswertungen von Umfragen unter jungen Menschen gelesen. Sie wurde mit der Frage konfrontiert, ob ihnen Ökologie ein Anliegen sei und welche Maßnahmen nötig wären, damit für sie effiziente Umweltpolitik betrieben werde. In nur leicht anderslautenden Sätzen, ist die häufigste Antwort: Darum muss sich die Politik kümmern. Auch das ist Interpassivität. Es wird nicht mehr verstanden, dass wir die Politik sind, das Ich selbst ein Teil der Politik bin.

Ein hoher Preis

Die Oligarchie hat es sich in der zeitgenössischen Interpassivität gut eingerichtet. Sie liefert Konsumprodukte, an die man das Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten, journalistischen Texten oder Literatur, das Machen von Fotos und Videos delegieren kann. Sie liefert Konsumprodukte, an die man das Lesen und Betrachten delegieren kann. Der innere Antrieb, etwas tun zu wollen, etwas denken zu wollen, etwas schreiben zu wollen, etwas durchzusetzen zu wollen, ist damit lahm gelegt. Es geht nur noch darum Literatur zu spielen, Journalismus zu spielen, Kunst zu spielen.

Für die Maschinen, die als ein Haufen von Krücken, Prothesen und Implantaten statt uns tun, was wir nur mehr delegieren, bezahlen wir gesellschaftlich einen hohen Preis. Die Maschinen brauchen Unmengen von Strom. Das heißt sie brauchen unser Wasser, unseren Boden, unsere Luft, unsere Rohstoffe. Und sie verschmutzen unseren Lebensraum auch dementsprechend.

Es fehlt der Wille

Ich habe an vielen Diskussionen zu KI und zu Demokratie und zu Politik und zu Kultur teilgenommen. Die Veranstalter haben es immer gut gemeint und wollten dem Publikum tatsächlich neue Einblicke und verschiedene Positionen bieten. Ich muss aber auch sagen, dass viele Diskussionen schon deshalb ins Leere gehen, weil sie die gesellschaftliche Implikation gegenwärtiger Phänomene nach alten Maßstäben messen und nicht nach zeitgenössischen.

Es ist völlig egal, ob ein Satz oder Absatz in einem Text von einem KI-Tool geschrieben wurde oder von einem Menschen. Ein Autor kann durchaus finden, dass ein KI-generierter Satz gut ist oder besser als sein eigener und ihn zu seinem erklären, wenn er kein moralisches Problem damit hat. Entscheidend ist aber, dass Generationen heranwachsen, die ihr gesamtes professionelles Handeln delegieren und nicht einmal mehr selbst Herr darüber sind. Das ist nicht nur beim Schreiben von Texten oder Erzeugen von Bildern oder Videos so, sondern auch in der Politik. Was Friedrich Merz oder Katharina Reiche oder Karl Nehammer oder Christian Stocker u.v.a. zur Energiepolitik sagen, wird ihnen von Lobbys vorgeschrieben. Es gibt für sie keinen Spielraum mehr, idiosynkratisch zu handeln. Und es fehlt auch der Wille dazu. Das ist das Schlimmste.

Tod der Partizipation

Die De-Individualisierung, die man bis 1989 den Kommunisten vorgeworfen hat, egal ob sie in Biene Maja als Ameisen oder in Star Trek – Next Generation als Borg auftauchen, wird in höchstem Maß von der oligarchischen Gesellschaft betrieben. Und man sieht, wie weit sie bereits gediehen ist, wenn man Autoren, die einen Text erzeugen lassen, den sie selbst nicht kennen, fragt, warum sie denn eigentlich Autoren werden wollen, wenn sie das Schreiben offensichtlich nicht interessiert, wenn sie gar keinen individuellen Stil finden wollen, der sie von anderen unterscheidet – und darauf keine Antwort bekommt.

Die Leere des Wollens ist auch der Tod der Partizipation. Die Politik kann nicht vorwärts ohne einen Willen. Niemand mag sich mehr plagen, Dinge verwerfen, an sich selbst verzweifeln, leere Kilometer machen, sich irren, Irrtümer einsehen – Gefühle sind nicht mehr unsere Sache. Wir lesen auf unserer Smartwatch, ob wir uns gegenüber gestern verbessert haben. Für das Absterben der Demokratie ist diese Unkultur wesentlich verantwortlich, denn sie versteht gar nicht, dass die politischen Scheingeplänkel und Scheindiskussionen längst nur mehr Surrogat für öffentliche Debatten sind.

Wir sind noch am Leben

Als Autor auf ZackZack kann man nicht viel bewegen und in der österreichischen Zeitungslandschaft bestimmt nirgendwo anders schreiben. Das hat mit der Klüngelpolitik zu tun, die die Medien hier seit vielen Jahrzehnten bestimmt und die strenge Kastenzugehörigkeit fordert. Ich beklage mich darüber nicht. Wir tragen hier seit Jahren mit unfassbar geringen Mitteln zumindest zu einer Vitalisierung der Presselandschaft bei, die sich mehrheitlich durch Polit-Groupietum und der Gier nach staatlichen Förderungen selbst lähmt. (Auch hier fehlen Verleger, die etwas anderes wollen als Geld. Es gab sie einmal – sogar in diesem Land.)

Es wird aber nicht ohne diese Presselandschaft und nicht ohne Vertreterinnen und Vertreter in zumindest manchen Parteien möglich sein, den Gedanken, dass politische Partizipation vom oligarchischen Kapitalismus schon im Keim erstickt wird, einer breiten Öffentlichkeit bewusst zu machen. Und den Widerstand dagegen zu organisieren. In Österreich gilt Widersprechen als etwas Schlechtes. Etwas, das man vermeiden muss. Am Stammtisch ist man beleidigt, wenn einem jemand widerspricht. Gerade der Widerspruch wird aber gebraucht, wenn es um die Demokratie geht. Wenn wir das Google-Rechenzentrum in Kronstorf verhindern, ist das ein kleiner, ein winziger Schritt, denen zu widersprechen, die die Aufgabe unseres Staates und unserer Demokratie als längst vollzogen ansehen. Aber dieser winzige Schritt würde uns immerhin zeigen, dass wir noch am Leben sind.


Titelbild: Miriam Mone / ZackZack

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

webseitenewsletter banner (8)
LESEN SIE AUCH

Liebe Forumsteilnehmer,

Bitte bleiben Sie anderen Teilnehmern gegenüber höflich und posten Sie nur Relevantes zum Thema.

Ihre Kommentare können sonst entfernt werden.

54 Kommentare

54 Kommentare
Neueste
Älteste Meisten Bewertungen
×