Kaum jemand kennt die kleine oberösterreichische Gemeinde Kronstorf. Das wird sich ändern. Kronstorf kann für die Künstliche Intelligenz KI das werden, was Zwentendorf für AKW war.
Derzeit warnt die Marktgemeinde Kronstorf vor einer anderen Bedrohung: „Rehbrunft – Gefahr im Straßenverkehr“. Das Kronstorfer Bürgerservice kennt das Problem: „Während die Böcke ganz im Liebesrausch sind, ist für Autofahrer besondere Aufmerksamkeit gefragt. Denn während der Brunft steigt die Gefahr von Wildunfällen deutlich an. Im Eifer des Paarungsgeschehens nehmen die Tiere Straßen und Fahrzeuge oft kaum wahr und queren Fahrbahnen unvermittelt.“
Die Gefahr, die im Eifer des Baugeschehens vom geplanten Google-Rechenzentrum ausgeht, sieht Bürgermeister Christian Kolarik von der ÖVP nicht: „Google hat vor mittlerweile 18 Jahren das Grundstück für die etappenweise Entwicklung erworben, und genau das wird jetzt auch umgesetzt.“
Stromfresser
Google frisst Strom. Die zweite Stufe mit 500 MW Spitzenleistung wird in Kronstorf 4,4 Terawattstunden TWh Strom verbrauchen. Ganz Oberösterreich verbrauchte 2024 14 TWh.
Stuart Russell lehrt Informatik an der Universität im kalifornischen Berkeley. Im Gegensatz zum Kronstorfer Bürgermeister kennt er das Problem hinter dem Google-Zentrum. In seinem Buch „Human Compatible – AI and the Problem of Control“ verglich er Summit, den schnellsten Computer des Jahres 2019 mit dem ungefähr leistungsgleichen menschlichen Gehirn: „Der größte Unterschied liegt im Stromverbrauch: Summit verbraucht etwa eine Million Mal mehr Strom.“
Global verbrauchen Rechenzentren derzeit rund 415 Terawattstunden Strom pro Jahr – das entspricht etwa 1,5 Prozent des globalen Strombedarfs. Bis 2030 dürfte dieser Wert laut IEA auf 945 Terawattstunden und damit auf den gesamten Stromverbrauch Japans steigen. In Städten wie Frankfurt fließen jetzt schon 40 Prozent des Stroms in Rechenzentren. Das ist die Zukunft, in der immer mehr Chatbots und KI-Agenten unser Leben bestimmen.
Die Stromerzeugung kann nicht Schritt halten. Damit kommt es zur Energiekonkurrenz zwischen herkömmlicher Wirtschaft, privaten Haushalten und KI. Wer entscheidet, ob der knappe Strom in neue Klimaanlagen oder in KI-Datenzentren fließt?
Die Politik? Jede kleine Windkraftanlage muss in Österreich durch eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Für Datenzentren gibt es keine UVP. Unter ÖVP-Führung sieht die Politik einfach weg.
Verlust der Kontrolle
Die Entscheidungen sind längst auf einem anderen Weg. Im Juni 2026 warnte der führende KI-Konzern vor sich selbst. Die deutsche Tagesschau meldete: „Das Tech-Unternehmen Anthropic warnt davor, dass der Mensch die Kontrolle über Künstliche Intelligenz verliert. Es sei sinnvoll, die Entwicklung von KI-Software vorerst zu unterbrechen.“
Was war passiert? Die Führung von Anthropic hatte festgestellt, dass sich seine KI überraschend schnell dem Punkt näherte, wo alle Entscheidungen, die bisher Menschen vorbehalten waren, von der Maschine übernommen werden konnten.
Wohin soll es gehen? Was sind die nächsten Ziele? Und vor allem: Was wird dafür gebraucht? Derzeit entscheiden noch Menschen, wieviel Energie und wie viele Menschen mit KI noch benötigt werden. Mit Claude, Mythos und den neuen KI-Agenten kann das die Maschine übernehmen. Sie entwickelt sich selbst und ihre Maschinenwelt weiter. Das ist das Wesen der neuen „rekursiven“ Intelligenz.
„Es ist schwer vorherzusagen, wie die Wirtschaft aussehen wird, wenn menschliche Arbeitskraft nicht mehr wettbewerbsfähig ist.“ Das ist der Schlüsselsatz im Blogpost „When AI builds itself“, mit dem Anthropic erstmals öffentlich erklärte, was uns droht, wenn rekursive KI feststellt, dass wir nicht mehr gebraucht werden.
Superintelligenz
Wer wissen will, wie es ungebremst weitergeht, sollte sich ein Unternehmen ansehen. Das Manager-Magazin wunderte sich: „Recursive Superintelligence ist vier Monate alt, hat weniger als 30 Mitarbeiter, hat kein Produkt veröffentlicht – und ist mit 4,65 Milliarden Dollar bewertet.“
Einer ihrer Gründer erklärt, wohin es geht: „Unser Hauptziel ist es, wirklich rekursive, selbstverbessernde Superintelligenz in großem Maßstab zu entwickeln, was bedeutet, dass der gesamte Prozess der Ideenfindung, Implementierung und Validierung von Forschungsideen automatisch wäre”.
Von Zwentendorf nach Kronstorf
Anthropic zögert, Recursive Superintelligence übernimmt, Kronstorf erteilt die Baugenehmigung und die Politik sieht zu. Wien bewirbt sich für „AI-Gigafactorys“ und bietet sich Google als Standort an. Microsoft errichtet Cloud-Standorte in Niederösterreich und beantwortet keine Fragen zu Energieverbrauch und Datensicherheit vor US-Geheimdiensten. Die Schwechater Bürgermeisterin Karin Baier brachte es auf den Punkt: „Man weiß ja, dass Datencenter von verschiedensten Anbietern mittlerweile aus dem Boden schießen. Ich glaube, es wäre vermessen, sich dieser Entwicklung entgegenzusetzen.“ An dem Punkt stehen wir.
Wenn die Politik dazu nicht rechtzeitig in der Lage ist, wird die KI Stück für Stück selbst die Entscheidungen übernehmen, auch im Streit, wer den knappen Strom bekommt und wer nicht.
Am Freitag demonstrierten rund 200 Menschen in Kronstorf. Sie wollen nicht, dass täglich bis zu 5,8 Millionen Liter erwärmtes Kühlwasser in die Enns abgeleitet werden dürfen. Sie wehren sich gegen die Bedrohung ihrer Umwelt. Sie sind nicht bereit, für 100 Arbeitsplätze Google das Kommando zu überlassen. So hat es auch in Zwentendorf begonnen.

