15. Aug. 2026

Kulturkrieger

Christopher Nolans ‚Odyssee‘ ist trotz tobsüchtiger Attacken erwachsener Männer sehr erfolgreich gestartet. Kunst ist größer als Trollerei.

Wenn Elon Musks Kulturkampf sich an etwas orientieren will, dann an episch dargestellten Schlachten. Man denke an den Herrn der Ringe, man denke an den Film Troja. Offensichtlich nimmt er sich als den wackeren Kämpfer für die untergehende westliche Kultur wahr, die er auch noch weiß framen möchte, als ob sie nicht von Beginn an ein Flickwerk verschiedener Identitäten und Ethnien gewesen wäre. Ich denke, JRR Tolkien würde ihm ins Gesicht lachen, wenn er ihn bei seinen Bemühungen sehen würde, Tolkiens Werk nach seinen Zwangsvorstellungen umzuinterpretieren. Und apropos Interpretation eines epischen Werkes: Christopher Nolan hat Homers Odyssee verfilmt. Und er hat mehrere Castingentscheidungen getroffen, die Herrn Musk in seiner Reinheitslehre weißer Suprematisten nicht geschmeckt haben.

Mehr hat es nicht gebraucht. Musk trat eine unglaubliche Lawine los, in der sich echte Dummheit und künstliche Intelligenz artig das Pfötchen reichten. Diskussionen mit Vertretern beider Gruppen spart man sich besser gleich, einerseits zur Schonung des humanen Nervenkostüms, man ist ja weder Halbgott noch Elb, andererseits, weil man ihnen damit  nur hilft, die Lawine weiter am Rollen zu halten. Um bei Tolkiens Bildsprache zu bleiben: eine herantosende Orkarmee aus Trollen und Bots, und man möchte hier Gandalf zitieren. Gandalf, derzeit von verunsicherten Rassisten und diversen MAGA_Proud Boys in Geiselhaft genommen, sagt wortwörtlich: „Kampf-Trolle! Zieht euch zurück!“

Nirgendwo zeigt sich die white-supremacist-Bledheit deutlicher als beim Auszucken über die Tatsache, dass Helena von Troja von Lupita Nyong’o gespielt wird

Aber um bei der Odyssee zu bleiben, und bei Nolan: nirgendwo zeigt sich die white-supremacist-Bledheit deutlicher als beim Auszucken über die Tatsache, dass Helena von Troja von Lupita Nyong’o gespielt wird. Wie tobsüchtige Dreijährige drehen ausgewachsene Männer wild am Rad und wollen dabei dennoch ernst genommen werden. Der Film sei deswegen schlecht! Und auch deswegen, weil Elliott Page Achilles spielen würde, schrien die virtuellen Dreijährigen in mittlerer Orkanstärke. Page spielt zwar Sinon, aber geschenkt. Und: Es seien gar keine Griechen dabei! Erstens wäre es wohl das erste Mal in der Geschichte der Rechtsdrehenden, dass sie sich für Quoten bei Besetzungen stark machen würden, zweitens pappten sie als Bestärkung der Odyssee-Kritik Fotos von Brad Pitt als Achilles in Troja dazu, und der ist zwar vieles, aber eher kein Grieche. Nolan did not give a shit. Und recht hatte er. Die Odyssee ist trotz dieser wilden Attacken bei Kritikern und Publikum sehr erfolgreich gestartet. Kunst ist größer als Trollerei. Und abgesehen davon: Die Gruppe der anonymen virtuell Dreijährigen im Geiste ist zwar laut, aber vernachlässigbar klein.


Titelbild: Miriam Moné / ZackZack

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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