Jens Spahn ist wegen doppelter moralischer Buchführung zurückgetreten. Aber ist ein Verbot von „Leihmutterschaft“ richtig oder falsch?
Jens Spahn ist zurückgetreten. Der ehemalige deutsche Gesundheitsminister und intrigante Fraktionschef der CDU/CSU-im Bundestag ist am Ende darüber gestürzt, dass er und sein Partner mithilfe einer Leihmutter ein Baby bekommen haben, den kleinen Georg. Spahn war der Repräsentant des rechten Flügels der Union, enger Buddy von Sebastian Kurz. Er hätte irgendwann wohl mit der AfD Bündnisse angestrebt. Er hat eine Reihe von Skandalen hinter sich, die er allesamt überstanden hat.
Dass er jetzt über die Leihmutter-Affäre gestolpert ist, erklärt sich auch damit, dass man Spahn sowieso zuschreibt, sich an Regeln nicht zu halten und für jede moralische Korrumpierung offen zu sein. Letztlich kostete ihm die Tatsache das Amt, dass er sich immer wieder öffentlich ablehnend gegenüber der Möglichkeit der Leihmutterschaft geäußert hat, dass er noch vor wenigen Monaten bei einem Unionsparteitag offensichtlich für die Aufrechterhaltung des Verbots gestimmt hat. Da war die Leihmutter in den USA schon schwanger. Völlig zerstörte Glaubwürdigkeit wurde ihm mit Recht vorgeworfen. In Deutschland die Möglichkeit verbieten – sich aber in den USA quasi ein Kind kaufen. Wasser predigen, Wein trinken, den normalen Leuten Dinge verbieten – aber als Reicher keine Scheu haben, sie sich anderswo zu kaufen. Das ging nicht mehr.
Christliche Frömmler und Feministinnen vereint
Die Empörung über Spahns Verhalten ging von links bis rechts. Frömmelnde Katholiken und entschiedene Feministinnen waren plötzlich in einer Frage vereint. Und nicht nur Spahns Doppelmoral sorgte für Empörung. Auch die Tatsache selbst, dass ein Politiker den weiblichen Körper ausbeutet, damit er und sein Partner ihre Wünsche erfüllen können – das war Teil dieser Empörungswelle. Ich kann das gut nachvollziehen. Auch ich empfinde sofort und intuitiv, dass diese Ausbeutung und der Quasi-Handel mit Babys eine ethische Grenze überschreitet. Aber ich fragte mich auch sogleich: Warum empfinde ich eigentlich so?
Ich finde, dass sich das nicht von selbst erklärt. Dass es nicht selbstverständlich ist. Also begann ich daran herumzugrübeln.
Schwierige ethische Fragen
Beginnen wir mit der Tatsache, dass es ohne Zweifel eine Ausbeutung des weiblichen Körpers ist und wohl die erdrückende Mehrzahl der Frauen diesen Job nicht machen, weil sie altruistisch dazu beitragen wollen, dass andere ihren Kinderwunsch erfüllen können. Solche Einzelfälle mag es geben, aber die meisten tun es sicherlich einfach deshalb, weil sie das Geld brauchen. Es ist aber bekanntlich die unschöne Eigenart unserer Welt, dass Menschen Dinge tun, die sie nicht täten, würde sie nicht die materielle Not dazu zwingen. Man kann dabei natürlich sofort an die Prostitution denken, die wir bekanntlich ja auch nicht verbieten, aber man kann auch an andere Tätigkeiten denken.
Menschen arbeiten bei Kälte oder furchtbarer Hitze am Bau, turnen an Gerüsten herum. Das ist alles lebensgefährlich. Über 14.000 Arbeitsunfälle in der Bauwirtschaft gab es 2024 in Österreich. Davon waren 18 tödlich. Wir können unzählige andere Beispiele bringen. Die Leute von der Müllabfuhr wuchten Mülltonnen, die schnell mal fünfzig Kilo wiegen, über steile Kellertreppen hoch – oft hunderte am Tag. Andere machen Bullshit-Jobs, die jeden Sinn abtöten, und sogar gesellschaftlich unnötig sind. Fakt ist: Wir leben in einer ungerechten Welt, in der die einen übermäßig reich sind, die Mittelschicht so über die Runden kommt und es sehr viele Menschen gibt, die Dinge tun, die sie nie tun würden, wenn sie nicht auf das Geld angewiesen wären. Warum also sollte man das eine verbieten, das andere nicht?
Nun kann man sagen: Es gibt Tätigkeiten, die gefährlich aber gesellschaftlich notwendig sind und ihre nützlichen Seiten für alle entfalten. In den Wohnungen, die die verunfallten Bauarbeiter bauen, werden später normale Familien einziehen (Ausnahmen: die Wohntürme, die von reichen Investoren gebaut werden, damit sich andere reiche Investoren dann Anlagewohnungen kaufen können). Diese Schaffung von Wohnraum ist gesellschaftlich notwendig. Müll wegbringen auch. Kraftwerke bauen auch. Dass sich reiche Leute mit Kinderwunsch diesen erfüllen können, ist gesellschaftlich egal, wenngleich für die Individuen überhaupt nicht.
Moralisierung und Märkte
Nun ist unsere Gesellschaft eine kapitalistische Marktwirtschaft, aber sie ist es nicht nur. Sie ist immer auch eine moralische Ökonomie. Nicht nur die Marxisten wollen Märkte bändigen, um unmoralische Resultate von Marktbeziehungen auszuschließen. Es gibt genügend Gesetze und Verbote, die mit starken moralischen Empfindungen verbunden sind, und die eigentlich völlig unumstritten sind. Die Kinderarbeit ist verboten und wir würden sie auch als moralisch verwerflich empfinden. Obwohl unsere Gesellschaft den freien Markt und das Spiel von Angebot und Nachfrage so feiert, kann man übrigens nirgendwo in unseren Städten Säuglinge kaufen. Man könnte doch auch argumentieren, gerade wenn man für Neugeborene einen hohen Preis erzielen kann, zeige das doch, welch hohen Wert wir dem menschlichen Leben zuschreiben. Aber trotzdem würden sogar die meisten Deregulierungs-Fanatiker den Vorschlag empört ablehnen, einen Baby-Markt zu etablieren. Senioren will auch niemand die Gesundheitsversorgung entziehen, obwohl die ja nur mehr Kosten verursachen. Organhandel ist verpönt. Sklavenhandel ist abgeschafft. Die Moralisierung von Märkten hat sogar zugenommen, man denke an Fair Trade, Bio-Waren und Vergleichbares.
Was sagt unser moralisches Empfinden?
Gewiss kann man im Sinne einer solchen moralischen Ökonomie auch argumentieren, dass „Leihmutterschaft“ – im Grunde nichts anderes als der Handel mit Babys – untersagt sein soll. Dann müsste man aber wohl nicht bloß die Babyproduktion im eigenen Staatsgebiet untersagen, wie das Deutschland macht, man müsste in letzter Konsequenz auch den Baby-Import aus dem Ausland verbieten. Aber das, was Jens Spahn und sein Partner getan haben, ist ja nicht verboten.
Was aber verstößt gegen unser moralisches Empfinden? Ganz offenbar beginnt es damit, dass wir die Produktion von Leben als etwas anderes ansehen als die Produktion von Wohnungen. Schon von der Seite des „Produktes“ her, aber auch von den Empfindungswelten der „Produzenten“ her. Dass eine Frau ihren Körper vermietet, um den Kinderwunsch anderer zu erfüllen, erscheint uns als eine entfremdetere Tätigkeit als die meisten anderen Tätigkeiten. In der Schwangerschaft baut die Frau womöglich eine Beziehung zu dem Fötus auf und so weiter.
Doch andererseits: Frauen werden in der Regel nur durch die Notwendigkeit des Einkommenserwerbs gezwungen, „Leihmütter“ zu werden, aber sie werden in aller Regel in keinem strengeren Sinne dazu genötigt. Eine Leihmutter kann dafür 35.000 Euro einnehmen. Warum sollte man ihr das verbieten, wenn aus dem Verbot sogleich der Zwang folgt, für weniger Geld Supermarktregale einzuschlichten? Sie sehen also, die Antworten auf diese Fragen ergeben sich nicht so leicht von selbst.
Warum sollte man es Frauen verbieten?
Es wird aber noch komplizierter. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir womöglich die krasse Ungleichheit in unseren Gesellschaften als problematisch ansehen, aber die Spaltung von Märkten in Luxussegmente und Billigware als normal, obwohl diese damit untrennbar verbunden ist. Die einen fahren einen Porsche um 220.000 Euro, die anderen eine klapprigen gebrauchten Fiat, der sie 2000 Euro kostete. Die einen leben in der Villa, die anderen im schimmeligen Billigquartier. Auch in Hinblick auf den Markt für Babys und Leihmütterschaft entstehen Luxus- und Ramschmärkte, aber da es dabei um Geschäfte mit dem Leben, mit dem Intimsten geht, sagt unser moralisches Empfinden, dass das schlimmer ist als auf den Automärkten.
Jens Spahn und sein Partner haben sich eine Leihmutter in Idaho gesucht. Die Autorin Nicola Werdenigg hat darauf hingewiesen, dass sie Idaho als besonders christliche, konservative Gesellschaft kennen gelernt hat, und dass sich das auch in der Branche niederschlägt, die hier neuerdings boomt. Wer ein Baby haben will, muss insgesamt rund 150.000 bis 250.000 Dollar bezahlen, an Agenturen, für medizinische Versorgung. Die Leihmutter erhält 35.000 bis 50.000 Dollar. Ihr Mann muss den Vertrag mitunterschreiben. Die Mutter darf keine Schulden haben und auch nicht von Sozialhilfe leben. Werdenigg hat in vollendetem Sarkasmus darauf hingewiesen, dass Viehzucht in Idaho eine große Tradition hat.
Man kann nun argumentieren, dass es doch grotesk ist, dass gerade jene Frauen, die das Geld am Nötigsten haben, aus dem Business ausgeschlossen sind. Die Befürworter und das Leihmütter-Marketing verwandeln aber gerade diese Tatsache in ein Wohlfühl-Argument: Es werde darauf geachtet, dass es keine Frau aus gellender Geldnot tut. Wie schön! Das gibt der Marke „Idaho-Baby“ eine moralische Gutfühl-Note, mit der man reiche Leute aus aller Welt schon locken kann, vor allem jene, die auf ihre Reputation achten müssen. Das ist dann schon ein bisschen so wie jene Konsumenten im Supermarkt, die darauf achten, nur Hühner zu verspeisen, die bis zu ihrem Frühableben glücklich freilaufend gelebt haben.
Faktische Folge von all dem ist, dass sich ein globaler Markt herausbildet mit teuren Babys, bei denen auf Sicherheit, auf ordentliche Produktionsbedingungen geachtet wird, und mit billigeren Babys, wo das nicht geschieht. Schaut man sich diesen Markt genauer an, dann stößt man auf Sachverhalte, die einen den Atem stocken lassen, etwa auf den Zusammenbruch des ukrainischen Leihmütter-Marktes nach Kriegsbeginn, weil etwa die Familien aus Westeuropa nicht mehr sicher sein konnten, ob sie die Babys aus dem Land herausbekommen.
Wird das Tor zur Hölle geöffnet?
Es gibt das moralische Empfinden, dass der Handel mit Babys etwas anderes ist als der Handel mit Konsumgütern. Damit verbunden ist die eigentlich eher linke Position, dass es in einer „gemischten“ Wirtschaft Dinge geben soll, die der Marktlogik entzogen sind – die Reproduktion des Lebens, die Gesundheitsvorsorge, das Recht auf Wohnraum. Man könnte das ausweiten, sodass die Zonen des kapitalistischen Profitsystems sich immer mehr einschränken.
Man kann mit gutem Recht anmerken, dass die Spaltung in Luxus- und Ramschmärkte gerade in dieser Frage eine unerträgliche Büchse der Pandora aufmachen würde, ein Tor zur Hölle. Und man darf nicht vergessen, dass die biopolitischen Folgen völlig unabsehbar sind, also im Extremfall eine Menschenzucht, bei der manche Firmen mit der Produktion der genetisch besten Babys werben, mit der „richtigen“ Hautfarbe, mit den Leihmüttern mit dem gesündesten Lebenswandel und so weiter. Das Tor zu jeder Art von Grauslichkeit stünde ganz weit offen. Das Argument wäre also: Man muss dieses Tor mit aller Kraft verschlossen halten.
Haben wir nicht schon zu viel zur Ware gemacht?
Die deutsche Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf hat zuletzt aber den Gedanken ins Spiel gebracht, dass eine solche Position von einem Menschenbild geprägt sei, „das nicht dem Grundgesetz entspricht“, da sie den Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung abspricht. Wer das tut, „will einen paternalistischen Staat, der am besten weiß, was für Frauen und auch für potentielle Leihmütter gut ist. Unser Grundgesetz ist aber eine freiheitliche Verfassung, die auf dem Menschenbild des selbstbestimmt und autonom handelnden Individuums beruht. Und das gilt selbstverständlich auch für Frauen.“ Brosius-Gersdorf: „Man darf Frauen und insofern auch Leihmütter nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen.“ Der Staat muss nur Bedingungen schaffen, die diese Freiwilligkeit garantiert und auch die beste medizinische und psychologische Information und Betreuung.
Es ist auch in einem Rechtssystem verdammt fragwürdig, einen Vertrag anzuerkennen, den künftige Eltern mit einer Leihmutter abschließen. Was, wenn die Leihmutter es sich in den Monaten der Schwangerschaft überlegt? Hat sie dann ein Rücktrittsrecht? Oder hat der Staat die Verpflichtung, die Erfüllung des Vertrages durchzusetzen, also im Extremfall die Polizei zu schicken, die der Frau das Kind wegnimmt? Regierungen kommen nicht gerne in diese Lage, was auch ein Grund ist, warum die Sache bei uns verboten ist, man aber zugleich in vollendeter Doppelmoral die Augen zudrückt, wenn jemand in anderen Nationen auf Shoppingtour geht. Aber natürlich kann man alles gesetzlich regeln, etwa dass eine Totalkommodifizierung – also die regelrechte Verwandlung von Babys in Waren – verhindert wird, dass man kommerzielle Agenturen untersagt, aber gemeinnützige Non-Profit-Organisationen als Vermittler lizensiert, und den Leihmüttern ein Rücktrittsrecht vom Vertrag bis zur Übergabe des Babys einräumt. Theoretisch ist das alles möglich. Die Frage ist bloß: Will man überhaupt diesen ersten Schritt in die Kommodifizierung des Lebens, also die Verwandlung von menschlichem Leben in eine Ware setzen?
Die Intuition der meisten von uns wäre wohl, darauf „Nein“ zu sagen. Aber die Sache ist komplizierter, als es die ersten Intuitionen vermuten lassen. Unsere Erfahrung, mit der Kolonisierung aller Lebenswelten durch das Kommerzsystem spricht allerdings dafür, dass diese Intuition nicht ganz falsch ist. Für Jens Spahn erfüllt sich nun eine Art von konservativer Groteske: Kaum hat er eine Familie gegründet, ist er zurück daheim am Herd.
Titelbild: Miriam Moné, APA-Images / AFP / THOMAS KIENZLE

