07. Aug. 2026

Der letzte Ruck

Wann geht Ruck? Das fragen sich alle. Warum nach Mahrer auch Ruck – und nicht Sobotka oder Karner? Das ist auch eine gute Frage.

Wann tritt Walter Ruck endlich zurück? Die Reporterin der ZiB wirkte gestern ratlos, weil sie es selbst nicht mehr verstand. Da sitzt einer, lässt alles schweigend über sich ergehen – und bleibt einfach sitzen.

Es ist nicht nur die Schwere der Vorwürfe gegen den Wiener Wirtschaftskammerchef, die den Nicht-Rücktritt unverständlich erscheinen lässt. Es kommt etwas Anderes dazu: Die Chefin der Bundeswirtschaftskammer und der Bundeskanzler gemeinsam fordern von Ruck den letzten Ruck. Aber der sitzt.

Um das zu verstehen, hilft der Vergleich. Als im Frühjahr 2022 die BMI-Chats auf ZackZack eine bis dahin unbekannte Mischung aus Parteibuchwirtschaft und politischer Verwahrlosung im Innenministerium dokumentierten, war der Rücktritt des verantwortlichen Ministers alles andere als selbstverständlich. Auch er saß es aus. Hinter Wolfgang Sobotka saß damals seine gesamte Partei mit Kanzler, Kammer und dem Rest. Damit war der sitzende Sobotka ein Steher und schnell aus der Schusslinie. Ruck sitzt allein, und von ZiB bis Krone wissen alle, dass es von dort nicht mehr weit bis zum Boden ist.

Fallengelassen

Medial gilt in Österreich ein Rücktritt erst dann selbstverständlich, wenn man bereits fallengelassen worden ist. Karl-Heinz Grasser hat das in seinen letzten Jahren ebenso erlebt wie August Wöginger in seinen letzten Tagen.

Manchmal, wie bei Wöginger, lässt einen die Partei fallen, weil man zu sehr belastet und nach unten zieht. Manchmal, wie bei Grasser oder Kurz, hat sie einfach genug. Bei Ruck ist das anders. Der Wiener Kammerchef ist in jeder Hinsicht ein Altpolitiker. Er denkt, lebt und handelt wie ein Großkoalitionär aus der Zeit, wo SPÖ und ÖVP überall große Koalitionen bilden konnten. Heute geht das nur noch in Wien. Dort sitzt Michael Ludwig und erfüllt sich seinen politischen Lebenstraum: dass alles bleibt, wie es ist.

Es gibt einen Hinweis, dass mehr dahintersteckt. Der Hinweis heißt Harald Mahrer. Der Chef der Bundeswirtschaftskammer hat genau dasselbe erlebt wie Ruck. Die Vorwürfe gegen ihn hatten Gewicht, aber verglichen mit dem, was sich schwarze und türkise Parteifreunde anderswo geleistet hatten, blieben es Bagatellen. Mahrer musste weg, weil er wie Ruck zur politischen Welt gehörte, die die ÖVP gerade verließ.

Letztlich blieb Mahrer über, weil er nicht Richtung FPÖ mitmarschierte. Er wollte lieber nahe bei ÖGB-Chef Wolfgang Katzian bleiben, so wie Ruck Ludwig nicht verlassen will.

Die alte Welt

Ludwig und Ruck wollen eines nicht wahrhaben: Ihre alte Welt gibt es nicht mehr. Das ist gut, weil es auch eine Welt der klassen Burschen, die sich alles ausschnapsten und keine Frau dabei duldeten, war. Schlecht ist es nur, weil eine heruntergekommene Welt der Sozialpartner durch eine aufstrebende Welt der neuen Rechten abgelöst wird. Heute ist die Alternative zu Ruck und Ludwig weder neurot noch grün, sondern Nepp, der FPÖ-Chef, der mit seinem Namen das verspricht, was seine Partei mit Wien vorhat.

Wer ist der Nächste? Der Minister, der aus der Polizei einen Sicherheitsbund der ÖVP macht? Die Ministerin, deren Luftzeug-Beschaffungen schon jetzt strenger riechen als Eurofighter? Oder der Nächste, den die ÖVP fallen lässt?

Inzwischen ist ein neuer schwerer Vorwurf gegen Ruck aufgetaucht. Der ORF berichtet: „Nachdem sich Ruck laut kolportierten Aussagen auch verächtlich über Industrievertreter und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) geäußert haben soll, wuchs am Dienstag der Druck auf Ruck weiter.“ Die Aussagen werden über profil kolportiert: „Der Hattmannsdorfer ist so ein Typ, der ist Sachbearbeiter und Vorstandsassistent.“ Und in Richtung Industriellenvereinigung: „Diese ganzen degenerierten Oberösterreicher – die sind dort gesessen und haben gescheit dahergeredet, vom Kaviar-Frühstück kommend“. Das allerdings kann sich Österreich nicht bieten lassen. Hattmannsdorfer muss Kanzlerhoffnung bleiben – und Ruck muss weg.


Titelbild: APA-Images / APA / HANS KLAUS TECHT, APA-Images / APA / HARALD SCHNEIDER, APA-Images APA EVA MANHART, Montage ZackZack

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