18. Aug. 2026

Inferno

Europa brennt. Aus Spanien und Frankreich fliehen Touristen wie Einheimische. In Frankreich sind die Brände nur mehr 25 bis 30 km von der Großstadt Bordeaux entfernt.

Verlässliche Informationsquellen. Richtiges Handeln. Vernunft und Zusammenhalt. Diese Grundsätze, die uns nach und nach abhanden zu kommen scheinen, weil wir die Politik mehr und mehr dem Kabarett und den Clowns überlassen, werden wieder wichtig, wenn Katastrophen auf uns zukommen. Aber nur wenn es um den eigenen Urlaub, das eigene Haus, das eigene Leben geht, werden Katastrophen auch wahrgenommen. So ist es leider diesen Sommer in Spanien und Frankreich, wo Brände die Menschen inzwischen zur Flucht zwingen. Niklas Záboji in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Auf der Flucht vor Waldbränden haben sich in Südwestfrankreich aufwühlende Szenen abgespielt. Seit ihrem Ausbruch am Mittwoch sind inzwischen rund 44.000 Bewohner und Urlauber von der Nordseite des Beckens von Arcachon in Sicherheit gebracht worden. Es liegt nahe der Atlantikküste knapp 50 Kilometer westlich von Bordeaux. Lokale Medien berichten von langen Staus in der Nacht, während in der Ferne der Himmel glutrot leuchtet. Der Großbrand im Département Gironde hat schon mehr als 12.500 Hektar verwüstet und breitet sich mit hoher Geschwindigkeit weiter aus.

Die Umstände machten die Evakuierung von Dörfern notwendig. Niklas Záboji weiter:

Die Evakuierung erfolgte Dorf für Dorf, von Claouey bis zur Spitze des Cap-Ferret. Einwohner und Touristen in den Dörfern wurden aufgefordert, die Halbinsel unverzüglich über die Département-Straße D 106 in Richtung Bordeaux zu verlassen. Menschen ohne eigenes Fahrzeug sollten sich zu den angegebenen Bushaltestellen oder an ausgewiesene Anlegeplätze begeben. Dort wurden Fährverbindungen eingerichtet. Der Ortskern der Gemeinde Lège sowie die Gemeinde Le Porge wurden ebenfalls evakuiert, in Arès und Andernos-les-Bains wurde die Evakuierung am Freitagvormittag gestartet.

Die nächste Hitzewelle kommt

Bedrohlich ist die Lage in Bordeaux, wo die Feuer etwa 25 bis 30 Kilometer an die Großstadt herangerückt sind. Es ist unmöglich, die ganze Stadt zu evakuieren. Und eine weitere Hitzewelle ist für nächste Woche angesagt. Nils Minkmar in der Süddeutschen Zeitung:

In den Schaufenstern der Makler von Bordeaux hängen noch die Exposés der teuren Häuser am Cap Ferret. Die vielen Millionen, die dort noch für schicke Anwesen aus Holz und Glas verlangt werden, dürfte in diesen Tagen jedenfalls niemand mehr dafür ausgeben. So wird auch ein gesellschaftliches Wertesystem umgeschrieben. So ein eigenes Ferienhaus am Atlantik galt bis vergangene Woche noch als ideale Geldanlage und Lohn aller irdischen Mühen, eine ganze Reihe von Stars, Sportlern und sonstigen Reichen aus ganz Frankreich haben hier ihren Zweitwohnsitz. Nun ist das alles egal, einzig der Wind und das Feuer zählen.

Der Trotz, mit dem man heute in den westlichen Gesellschaften auf veralteten Formen der Energiegewinnung beharrt, und die Weigerung, sich Bedrohungen zu stellen, vor denen seit Jahrzehnten gewarnt wird, sind heute politisch leicht zu verkaufen. Populisten brauchen weder Überzeugungen noch politische Programme noch irgendwelche Fähigkeiten. Sie brauchen sich nur über andere lustig zu machen. Weitergebracht haben sie die Gesellschaft aber nicht. Im Gegenteil. Minkmar weiter:

Für die kommende Woche ist eine weitere Hitzewelle vorhergesagt. Viele Forst- und Feuerprofis sind sich einig darin, dass Temperaturen und Trockenheit eine Folge des menschengemachten Klimawandels sind und Katastrophen in dieser Dimension überhaupt erst möglich machen. Weggeworfene Zigaretten, unachtsame Menschen und Funken schlagende Handwerksarbeiten in Waldesnähe gab es ja schon immer, aber dieses Feuer ist völlig neuartig. Die Mittel zur Brandbekämpfung werden in Zukunft gewiss modernisiert und angepasst werden, Drohnen werden entwickelt und angeschafft – aber die Erwärmung der Erde durch den Verbrauch fossiler Energie muss konsequent vermindert werden. Davon nährt sich das Godzilla-Feuer – und so kann es nicht weitergehen.

Unlöschbar

Auch in Spanien führen Brände zu Evakuierungen, wie Angelique Chrisafis, Jennifer Rankin und Sam Jones in The Guardian berichten:

Während der Brand in der Nähe von Madrid unter Kontrolle gebracht wurde, kämpften Rettungskräfte darum, einen neuen Brand in der Nähe der Mittelmeer-Hafenstadt València zu löschen, wo mindestens 15.000 Menschen evakuiert wurden. „Der Brand übersteigt unsere Löschkapazitäten, er hat einen Umfang von etwa 21 km“, sagte der Präsident der Region València, Juanfran Pérez Llorca, am späten Samstagabend.

Fast 120.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Im Großraum Madrid und in Ávila musste der Notstand ausgerufen werden. The Guardian weiter:

Das spanische Innenministerium teilte am Samstagabend mit, dass ein Mann bei einem Brand in der valencianischen Stadt Manises ums Leben gekommen sei. Er sei in einem Auto in einer Schlucht gefunden worden, so die Behörden. Sánchez sollte am Montag nach Valencia reisen. Die Behörden ordneten am Samstag zudem die Evakuierung von acht weiteren Gemeinden in der Nähe von Toledo südlich von Madrid an, wodurch sich die Zahl der Menschen, die in den letzten Tagen durch Waldbrände in Spanien aus ihren Häusern fliehen mussten, auf 116.000 erhöhte, wie die Associated Press berichtete.

In mehreren österreichischen Zeitungen habe ich keinen einzigen Artikel über die verheerenden Brände in Südeuropa gefunden. Und das sagt schließlich auch etwas aus. Es sind übrigens Zeitungen, die vom Staat für Qualitätsjournalismus subventioniert werden. In Spanien funktioniert das Wegschauen hingegen nicht mehr:

Die spanische Umweltministerin Sara Aagesen bezeichnete den Waldbrand, der in der zentralspanischen Provinz Ávila 50.000 Hektar Land verwüstet hatte, als „den größten Waldbrand in der jüngeren Geschichte unseres Landes“. Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska erklärte am Sonntagabend, die Brände würden sich zwar ausbreiten, jedoch nur langsam. Die Brände sind die jüngste Episode in einem Sommer voller Waldbrände, die eine noch nie dagewesene Fläche zu verwüsten drohen. Europa hat seit dem Frühjahr eine Reihe von Hitzewellen erlebt, die durch die Klimakrise angeheizt wurden, darunter den heißesten Juni aller Zeiten, wodurch die Vegetation knochentrocken wurde.


Titelbild: Manon Véret

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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