18. Aug. 2026

Der neue Antisemitismus

Ein Versuch, in all dem üblen Propagandagetrommel klaren Kopf zu behalten.

Die Hamas hat am 7. Oktober 2023 einen fürchterlichen Terroranschlag gegen Israel ausgeführt, ein bestialisches Massaker. Israel startete daraufhin bald einen Krieg, der umgehend in einen völlig überzogenen Feldzug ausartete, mit Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen, sodass selbst Israels Ex-Premier Ehud Olmert von einem „Vernichtungskrieg“ sprach. Abfolgen von Blutbädern, und auf allen Seiten kamen nicht nur die Menschen unter die Räder, sondern auch die Empathie mit Leidenden, mit unschuldigen Opfern eines Konfliktes, der von den Radikalen mit angeheizt wurde. Es wurde mit den Emotionen Schindluder getrieben, mit den Gefühlen, um die menschliche Reaktion des Mitleids mit Getöteten, mit Massakrierten auszuschalten und, wo das nicht möglich war, zu diskreditieren und zu diffamieren.

Die radikale Pro-Palästina-Bewegung ignorierte und leugnete das Ausmaß der Verbrechen des 7. Oktober. Teile davon stilisierten das Massaker zu einem legitimen Widerstand gegen koloniale Besetzung. Die Netanjahu-Regierung und ihre PR-Leute wiederum trieben entsetzlichen Schindluder, etwa mit dem Begriff des Antisemitismus, indem man selbst das leiseste Erschrecken über den Blutzoll und die Vernichtungsmaschine, die über Gaza rollte, als Antisemitismus diffamierte. Damit wurde nicht zuletzt der Antisemitismus-Begriff im Dienste der Propaganda einer radikalen Rechtsregierung missbraucht. Er wurde damit auch entleert und selbst desavouiert. Radikale auf der ganzen Welt sammelten sich in den Fan-Kurven und feuerten die an, auf deren Seite sie sich geschlagen hatten. Alle Begrifflichkeiten wurden in leere Phrasen verwandelt, nicht nur die des Antisemitismus, auch das Vokabularium des Anti-Kolonialismus, Antiimperialismus und Postkolonialismus. All diese Worte wurden krank, so dass man sie nur mehr mit spitzen Fingern anfassen mag.

Die große Mehrheit der vernünftigen Leute wurde zum Schweigen gebracht, indem man ihr Mitleid mit dem geschundenen palästinensischen Volk als auch die Solidarität mit dem jüdischen Volk in Israel diskreditierte, sei es als „Antisemitismus“ von der einen Seite, sei es als „Komplizenschaft mit kolonialer Besatzung“ von der anderen Seite. Jede Vernunft kam unter die Räder, und je mehr die Vernünftigen verstummten, umso mehr entstand die Empfindung, dass die Verrückten den Ton angeben und die Welt in den Wahnsinn verfallen sei.

Allerdings sollte man auch nicht übersehen, dass es durchaus verständlich ist, wenn Menschen emotional – und damit auch überschießend – reagieren, wenn furchtbare Verbrechen geschehen.

Juden haben Angst

Aber die eine Dummheit provozierte die andere, die Vergiftung der Debatten durch übelste Propaganda und deren Lügen wiederum führen zum Misstrauen gegenüber allen Aussagen, das Geschrei der einen zum Schweigen der anderen, alles wirkt aufeinander ein, zeitigt Folgewirkungen, gewissermaßen pathologische Zweitrundeneffekte. Wenn der Begriff des Antisemitismus als Propagandavokabel missbraucht wird, kann das paradoxerweise zu der von niemandem intendierten Nebenfolge führen, dass nicht nur der Antisemitismus ansteigt, sondern auch noch ignoriert wird. Und das ist genauso verrückt wie die anderen Verrücktheiten.

Wir müssen auch über den Antisemitismus reden, der sich leider immer stärker zeigt, auch über antisemitische Gewalttaten, auch über die Bedrohungen, denen Juden bei uns ausgesetzt sind. Nur weil die Netanjahu-Leute den Antisemitismus-Vorwurf auf so skrupellose Weise missbrauchten, darf das nicht dazu führen, dass man den wachsenden Antisemitismus ignoriert, leugnet, die Augen davor schließt, ihn irgendwie kleinredet usw.

Die Kollegin Anne-Cathrin Simon hat in der „Presse“ ein Interview mit Nora Bussigny, einer franko-marokkanischen Journalistin, geführt, die in ihrem Buch „Die neuen Antisemiten“ das Milieu von Pro-Palästina-Aktivisten, überspannten Linksradikalen, Parteigängern der Partei LFI („Das widerständige Frankreich“) von Jean-Luc Mélenchon, akademischen Anti-Rassismus- und Identitätspolitik-Kreisen durchleuchtet, genauso wie die Grauzonen, in denen sich Islamismus und antikoloniale Milieus kreuzen. Sie bringt Beispiele von Gewalt gegen Juden, von Mordversuchen. „Wer bisher keine Angst um die Juden in Europa hatte, der lernt sie hier“, titelte Anne-Cathrin Simon.

Die Dummheiten des linken Antizionismus

Und es ist ja unabweisbar: Antikoloniale Intuitionen werden mehr und mehr ins Verrückte übersteigert. Sogar ein linker Zionismus, der für einen Nahost-Friedensprozess und eine Zwei-Staaten-Lösung eintritt, wird als eine kolonialistische Gewaltideologie niedergemacht. In einem nächsten Schritt wird jede Verteidigung Israels als Fürsprache für „zionistischen Faschismus“ diffamiert und am Ende überhaupt kein Unterschied mehr zwischen Zionismus und Juden gemacht. Spätestens dann schlägt es vollends um in regelrechten Judenhass.

Wer als Jude erkennbar ist, muss Angst haben, niedergeschlagen zu werden. Er oder sie wird in seinen Kreisen plötzlich wieder misstrauisch beäugt, spürt eine subtile Ausgrenzung, weil ihn oder sie der Verdacht umgibt, womöglich doch auf Seiten von Menschenrechtsverletzern und Kriegsverbrechern zu stehen. In junglinken Studierendenmilieus, wo die meisten von der realen Geschichte genauso wenig Ahnung haben wie von der antikolonialen Theorie, sondern nur ein paar Halbsätze und Kraftmeier-Vokabel aufgeschnappt haben, wird zwischen Zionismus und kolonialen Gräueltaten dann irgendwann kein Unterschied mehr gemacht, man muss ja nicht so genau sein.

Die Genauigkeit ist bekanntlich der Feind der großen Gefühle. Es wird recherchiert, wer jüdisch sein könnte, und die Person wird dann gemobbt, es sei denn, die Person distanziert sich pathetisch vom „zionistischen Siedlerkolonialismus“. Man glaubt, gegen Menschenrechtsverletzungen zu protestieren, tut das aber mit den Gegnern von Menschenrechten. Und Juden fühlen sich ausgegrenzt oder plötzlich wieder fremd im eigenen Land, ein Gefühl, das sie fast schon vergessen hatten und das jetzt mächtig wieder zurückkehrt.

Die Zumutungen der Wirklichkeit  

All das ist natürlich genauso wahr, wie sein Gegenteil wahr ist: die Ausgrenzung und Diffamierung jedes Erschreckens über die Zerstörung palästinensischen Lebens. Man kann nicht nur eine Seite sehen und blind für die andere sein.

Unterschiede werden kaum mehr gemacht, dabei ist doch sonnenklar: Eine jüdische Person bei uns hat zunächst einmal gar nichts mit Israel zu tun, also auch keine Verantwortung für die Verbrechen der Netanjahu-Regierung. Eine jüdische Person, die eine besondere emotionale Verbindung mit Israel verspürt, aber die Kriegsverbrechen der Regierung nicht unterstützt, hat für diese keine Verantwortung. Eine jüdische Person aber wiederum, die als Sprachrohr der israelischen Regierung agiert, muss sich Kritik sehr wohl gefallen lassen, aber die hat nichts mit ihrem Jude-sein zu tun, sondern mit den Positionen, die sie vertritt. Unterscheidungsfähigkeit muss man sich schon bewahren, und auch das Gespür für die Grauzonen. Für die Zerrissenheit etwa, die durch manche Leute buchstäblich mitten durch geht.

Islamogauchism – Paranoia mit Tatsachensubstrat

Der Begriff vom „Islamogauchism“ (nach, französisch, „la Gauche“, die Linke) ist einerseits eine rechte Polemik-Vokabel geworden, mit der eine unheilige Allianz von Linken und Islamismus unterstellt wird, aber das heißt natürlich noch lange nicht, dass sie völlig aus der Luft gegriffen ist. In einer zumindest schwachen Form kursiert in Teilen der Linken die Haltung: der Islam ist die Religion der Kolonisierten, der Unterdrückten und vieler von Rassismus Betroffener, und die islamische Identitätspolitik ist die Sprechweise, in der sich deren Widerstand ausdrückt. Da nimmt man auch Frömmlertum und militanten Islamismus hin, meist nicht zustimmend, häufiger schon mit etwas zu viel Verständnis.

Es hat gar keinen Sinn, zu leugnen, dass es einen Anstieg von Antisemitismus gibt. Wenn antizionistische Parolen an jüdische Geschäfte gesprayt werden, dann ist das Antisemitismus, denn der Adressat dieser Parole ist bloß jüdisch, er ist meist noch nicht einmal israelischer Staatsbürger, und faktisch nie Amtsträger oder Propagandist der Regierung. Und das sind ja noch die harmloseren Vorkommnisse. Juden, die als solche erkennbar sind, werden niedergeschlagen.

So wie Netanjahu und seine Gang für die Juden selbst die größte Bedrohung darstellen, so sind die hyperradikalisierten Palästina-Aktivisten letztendlich natürlich falsche Freunde des palästinensischen Volkes, weil sie ihm abgrundtief schaden. Man wird kaum einen palästinensischen Funktionär oder Intellektuellen finden, der das nicht genauso sagt – aber bloß hinter vorgehaltener Hand. So wie in dieser ganzen vergifteten Debattenalge die meisten Leute nur hinter vorgehaltener Hand sagen, was sie wirklich denken.

„I told you so“ hilft auch nicht weiter

Doron Rabinovici hat vor wenigen Wochen im „Standard“ ein paar bizarre Beispiele völliger Entgleisungen gebracht:

„Die Rome Pride verbannt heuer die einzige jüdische LGBTIQ-Gruppe Italiens aus ihren Reihen. ‚Keshet Italia‘, so wurde beschieden, habe nicht klar genug das verurteilt, was die Leitung der Pride als ‚Genozid in Gaza‘ brandmarkte. Es half nichts, dass Keshet Italia beteuerte, sich ‚dem palästinensischen Volk nahe‘ zu fühlen, jedoch darum bat, ‚mit der Sprache im Zusammenhang mit diesem Krieg vorsichtig zu sein‘.“

Selbst weiß ich natürlich gut genug, wie oft man sowohl hört: „Der oder die hat sich zionistisch geäußert, die kommt mir nicht aufs Podium“ oder „Der oder die hat sich pro-palästinensisch geäußert, die kommt mir nicht aufs Podium“. Für solche Aussagen reichen heute schon recht sanfte Parteinahmen, gecancelt wird schon für die kleine Differenz.

In Mailand wurden bei den Gedenkmärschen zur Befreiung vom Mussolini-Regime Leute an der Teilnahme gehindert, die an die Kämpfe der „jüdischen Brigade“ gegen die Faschisten erinnern wollten.

Ich habe in den vergangenen Jahren auch hier immer wieder mit Vehemenz dagegen argumentiert, Kritiker der israelischen Feldzüge als Antisemiten zu diffamieren, und unterstrichen, dass die Gräueltaten der Hamas niemals die Gräueltaten der Netanjahu-Regierung rechtfertigen können. Und dass sich die Strategie, auch die moderatesten Kritiker der Netanjahu-Feldzüge mundtot zu machen, noch bitter rächen wird. Ich könnte mich nun auf die bequeme Position zurückziehen: „I told you so, you fucking idiots“. Aber Bequemlichkeit ist kein Lebensziel. Deshalb: Man muss genauso entschieden das Wort erheben, wenn pro-palästinensische Solidarität in einen Antikolonialismus für dumme Kerle und am Ende in Antisemitismus eskaliert.

In den polarisierten Debatten, die generell unsere Zeit vergiften, neigen viel zu viele Leute dazu (im Grunde tun wir das alle bis zu einem gewissen Grad), die Verbrechen der einen Seite anzuprangern und den Unfug der jeweils anderen zu verdrängen. Aber dann landet man selbst in einer Politik der Lüge und in einem Leben jenseits der Wahrheit. Ganz frei von dieser Unart lässt sich Aktivismus wohl nie machen. Aber zumindest gelegentlich sollte man sich die Maxime in Erinnerung rufen, die mir vor Jahrzehnten ein – übrigens jüdischer – Freund mit auf den Weg gab: „Ein jeder rede von der Schande der eigenen Leute.“ Langfristig ist der Platz zwischen allen Stühlen sowieso die moralisch beste Sitzgelegenheit.


Titelbild: Miriam Moné, pixabay

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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