18. Aug. 2026

Zwetschkenfleck an Rohölpreis gekoppelt

Jede Weltnachricht erfüllt heute nicht nur den Zweck der Information, sondern ist auch ein Motiv für Steigerungen bei den Verbraucherpreisen. Das geht so lange, bis wir uns wehren.

Wer sagt, dass es in unserer Zeit schwerfällt, sich politisch zu orientieren? Egal ob der Iran-Krieg beginnt, endet oder nur »wieder eskaliert« (Handelsblatt 30.07.2026), ob die Straße von Hormus geöffnet ist oder geschlossen wird, ob der Mai zu kühl ist (»Die Sonne schien um 19 Prozent weniger als im Durchschnitt. Im Vergleich zum Mittel von 1991 bis 2020 war der Mai um 0,9 Grad kühler.« Die Presse 02.06.2026) oder der Juli zu heiß – in jedem Fall steigen die Verbraucherpreise.

Alles ist eine mittelbare Folge von allem. Und somit ist der Zwetschkenfleck, den ich backe, an den Rohölpreis gekoppelt. Oder eben an etwas anderes. Es scheint überhaupt keine Schlagzeile mehr zu geben, die nicht als Motiv für einen Preisanstieg genannt wird. Alexander Hahn schreibt in Der Standard:

Die durch den Irankrieg ausgelöste Inflationswelle klingt nur langsam ab. […] “Etwa die Hälfte der um 0,5 Prozentpunkte niedrigeren Inflation ist dabei auf die leicht gesunkenen Lebensmittelpreise zurückzuführen”, erklärt Statistik Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk. “Zu dem leichten Preisrückgang dürfte maßgeblich die Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel von zehn Prozent auf 4,9 Prozent ab 1. Juli 2026 beigetragen haben.”

Es war also eigentlich keine Preissenkung der Wirtschaft, sondern eine Steuersenkung der Politik, die die Konsumenten ein wenig entlastet, den Staat aber stärker belastet. Dann also muss man nur die Begründung ändern. Alexander Hahn weiter:

Allerdings dürften die Preise für Lebensmittel bald von einem weiteren Effekt überlagert werden, nämlich der sogenannten Climateflation. Dabei handelt es sich um Preissteigerungen – insbesondere bei Lebensmitteln – die durch unmittelbare und mittelbare Folgen der Klimakrise wie Extremwetter, Ernteausfälle und Lieferkettenstörungen ausgelöst werden.

Und die Arbeiter und Angestellten?

Wenn man »Extremwetter« als Grund für Preissteigerungen nennt, so sollte man fairerweise auch die Frage stellen, ob nicht auch Arbeiter und Angestellte im Extremwetter schwierigere Arbeitsbedingungen vorfinden. Wenn die Löhne im selben Maße stiegen wie die Verbraucherpreise, würde ein Großteil der Gesellschaft auch nicht einer immer kritischeren wirtschaftlichen Situation ausgesetzt, an deren Ende das Leben nicht mehr leistbar sein wird.

Zudem fehlen in der EU Maßnahmen, um die Bereitstellung von Nahrung über kurze Lieferketten zu fördern und so unabhängigere und stabilere Versorgungswege zu schaffen. Doch auch in der Europäischen Union boomt der Transport, vor allem mit fossilen Treibstoffen. Das stark verwässerte Lieferkettengesetz hat in der Form, in der es beschlossen wurde, nur gezeigt, dass man bei sozialer Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen durch Produzenten und Transporteure die Augen zumacht.

Und so ist der Rohölpreis weiter die Schraube, an der unkontrollierbar gedreht wird. Alexander Hahn zitiert in seinem Artikel den IHS-Ökonomen Sebastian Koch:

Für IHS-Ökonom Koch ist das Modell einer Spritpreisbremse […] nicht das beste Mittel gegen sprunghafte Verteuerungen bei Treibstoffen. Erdöl sei zu einer politischen Waffe geworden, man müsse sich darauf einstellen, dass die Preise für Öl – und damit auch für Diesel und Benzin – immer wieder nach oben getrieben werden. Dagegen bringt Koch eine Art Versicherungslösung ins Spiel. Ihm schwebt vor, bei normalen Preisniveaus etwas auf die Verkaufspreise von Benzin und Diesel draufzuschlagen und damit eine Art Fonds zu speisen.

Diese Mittel könnten bei Preisspitzen, die “für alle unangenehm” seien, dazu verwendet werden, um die Kosten an den Zapfsäulen zu senken. Das hätte den Vorteil, dass Autofahrer und der Transportsektor die Kosten zu tragen hätten und nicht die Gesamtgesellschaft. Langfristig spricht sich der Volkswirt aber ohnedies dafür aus, sich aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu lösen.

Sich wehren

So wie wir uns aber über ein strenges Lieferkettengesetz gefreut hätte, so wissen wir, wie es die westeuropäischen Staaten und/oder die EU mit dem Sich-Lösen aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen halten werden: Es werden, wenn überhaupt, nur sehr abgeschwächte Maßnahmen beschlossen werden, die keine Meilensteine auf dem Weg zu Unabhängigkeit und staatlicher Kontrolle sein können. Die konservativen Parteien heute werden massiv von fossilen Lobbys finanziert und haben an dem Geld, das sie bekommen, um nötige Maßnahmen zu verhindern, mehr Interesse als an einer europäischen Wirtschaft, die sich von Entscheidungen der Diktatoren der Großmächte unabhängig macht.

Wir können also nur eines machen: Nicht mehr mittun. Die Artikel, die großen Teuerung unterliegen, nicht kaufen. Den Händlern zeigen, dass nicht jede beliebige Teuerung vom Konsumenten geschluckt wird. Dazu wäre es freilich gut, sachliche, aber politisch unabhängige Information über Preissteigerungen zu haben, um sich bei Kaufentscheidungen orientieren zu können. Auf diese Weise könnten wir anfangen, uns zu wehren. Und womöglich den Zwetschkenfleck aus dem Würgegriff des Ölpreises befreien.  


Titelbild: Manon Véret, de.wikipedia.org/wiki/Zwetschgenkuchen#/media/Datei:Zwetschkenkuchen-01.JPG

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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