Der spanische Premier knickt vor mächtigen Schulhofschlägern nicht ein. Kein Wunder, dass er viele Feinde hat.
Spaniens sozialistischer Premier Pedro Sánchez ist vielen mächtigen Gangstern in der Welt ein Dorn im Auge. Aber Feigheit vor dem Feind, ansonsten fast schon milieutypisch unter Europas Mitte-Politikern, kennt Sánchez nicht. Er legt sich auch mit Trump und Netanyahu an, wenn es sein muss. Er hält die unveräußerlichen Menschenrechte hoch, stellt sich gegen die Kriegstreiber und macht auch noch eine bemerkenswert erfolgreiche Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Kein Wunder, dass er mächtige Feinde hat.
Was genau in der letzten Woche rund um die spanische Exklave Ceuta geschehen ist, wird noch zu klären sein. Zigtausende junge Menschen wurden mit Internetkampagnen motiviert, sich auf den Weg nach Europa zu machen, in Marokko standen Busse bereit, sie durch das halbe Land bis zur Grenze zu karren. Die hohen Stacheldrahtzäune, normalerweise auf Basis von Abkommen zwischen Madrid und Rabat durch Sicherheitskräfte geschützt, waren plötzlich sperrangelweit offen. Von marokkanischer Seite hat niemand die Menschen an einem Grenzübertritt gehindert. Tausende machten sich über das Meer auf den Weg. Über 100 Menschen sind ertrunken.
War es nur eine Inszenierung der marokkanischen Regierung, um Spanien unter Druck zu setzen und sich später irgendwelche Vorteile herauszuhandeln? Das ist sicherlich die wahrscheinlichste Variante. Oder waren das Trump- oder das Netanjahu-Regime beteiligt oder sogar federführend, die bekanntlich ein großes Interesse haben, die spanische sozialistische Regierung zu destabilisieren? Oder gar das Putin-Regime, das jede Möglichkeit nützt, in die Europäische Union einen Keil zu treiben?
Es gibt jedenfalls eine Handvoll Polit-Gangster auf der Welt, die sowohl ein Interesse als auch die Fähigkeiten zu einer solchen Operation haben. Klar ist nur eins: Aus dem Nichts kam das nicht. Irgendwer zog die Fäden.
Die große Show mit hundert Leichen
Der Begriff der „Inszenierung“ ist hier in vielfacher Weise treffend, denn die Show ist alles, die Wirklichkeit nichts. Man hat zehntausende Marokkaner auf Social Media belogen, um sie zu einem Migrationsversuch anzustacheln, mit dem Ziel, Millionen Europäer dann zu belügen – ihnen eine Invasion oder sonst etwas vorzugaukeln. Eine bemerkenswerte Operation, geradezu Sinnbild unserer Ära der Lüge: die eine Lüge ist die Bedingung der anderen Lüge, es dreht sich auch alles nur mehr um die Lügen, die Realität ist völlig irrelevant, außer für die ganz unmittelbaren Opfer, wie die ertrunkenen Männer, Frauen und Kinder, die quasi die Komparsen für die Simulation von Realität bildeten. Aber die Fiktion ist das Zentrale, ihr reales Ableben das Kollateralgeschehen, das den Weidels, Putins, Kickls und Co. kein Wimpernzucken wert ist.
Das eigentliche Fiasko war die Reaktion der meisten Regierungen der EU-Partnerländer, in denen entweder Rechtsextreme oder die totale Verblödung regieren. Während Schlagbäume nieder und Zäune hoch gehen, ist das einzige, was grenzenlos bleibt die Dummheit. Als würde man von den Feinden Europas bezahlt, spielten die Herrschenden und ihre medialen Handlanger ihr Spiel und fielen über den spanischen Premier Sánchez her.
Besonders schändlich tat sich wieder einmal Österreich hervor. Sogar der Kanzler setzte eine Anti-Spanien-Suada ab. Den Höhepunkt der Peinlichkeit lieferte die Europaministerin Claudia Bauer, die durch Namenswechsel ihre bisherige Lächerlichkeits-Bilanz fast vergessen macht, die sie noch unter dem Namen Plakolm anhäufte. Das Versteckspiel wird ihr auch nicht viel nützen. Diese Person hat sich diesen einen Skandal zu viel geleistet. Die ÖVP sollte sie endlich von dem Amt entbinden, das sie in jeder Hinsicht überfordert. Erst vor wenigen Tagen sorgte Bauer für Gelächter, als sie eine Verkleinerung der EU-Kommission forderte, und als Argument dafür die Tatsache anführte, dass sie sich nicht die Namen der Kommissare merken könne. Sie verdingt sich als Witzfigur der ÖVP-Oberösterreich. Bauer, den Namen wird man sich nicht merken müssen.
Sánchez‘ beeindruckende Wirtschafts-Bilanz
Spaniens Premier Pedro Sánchez ist nicht nur in außenpolitischen Belangen von beeindruckender Standhaftigkeit. Er knickt vor den Drohgebärden der Schulhof-Schlägertypen nicht ein. Der spanische Premier kann zudem eine glänzende Erfolgsbilanz aufweisen. Während die rechtsradikale und die neoliberale Wirtschaftspolitik von Trump bis Meloni ihren Nationen einen beispiellosen Niedergang beschert, hat Sánchez sinkende Arbeitslosigkeit, steigende Löhne, bessere Beschäftigungsverhältnisse, famose Wachstumsraten und geringere Inflation aufzuweisen. Und auch noch einen sanierten Staatshaushalt.
Sogar der Economist, als Zentralorgan der Welt-Kapitalisten allzu großer Sozi-Sympathie unverdächtig, erklärte das Land 2024 zur „best-performing rich economy“. Während die Beschäftigungszahlen im Rest des Euroraumes bloß um 3,6 Prozent wuchsen, stiegen sie in Spanien in den vergangenen drei Jahren um 8,1 Prozent. Auch das Wirtschaftswachstum spricht für sich: Spanien 9 Prozent – Euroraum 2,8. Sank in Österreich das Realeinkommen der Menschen um 3,2 Prozent, so stieg es in Spanien um 8,1 Prozent. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Und trotz all dem blieb die Inflation sogar unter dem EU-Durchschnitt, obwohl ja wirtschaftliche Prosperität mit einer höheren Inflation einherzugehen pflegt, wie alle Makroökonomie-Lehrbücher normalerweise prognostizieren würden.
Pedro Sánchez ist nicht nur das einzige verbliebene Erfolgsmodell europäischer sozialdemokratischer und linker Regierungen. Er entwickelt sich angesichts der fatalen globalen Zustände immer mehr zum eigentlichen Anführer der freien Welt, zum „Leader of the Free World“, wie das die Amerikaner früher nannten.
Kräfte der Finsternis
Deswegen ist Sánchez den Herrschenden und den rechtsextremen Kräften der Finsternis ein solcher Dorn im Auge. Mit ihrer Schamlosigkeit von Propaganda und Manipulation haben sie es aber diesmal übertrieben. Die gesamte Phalanx aus rechtsextremen Führern und Agitatoren, Pseudo-Medien und dem Boulevard, der immer mehr als Vorfeld der faschistischen Hetzer dient, sowie die nützlichen Idioten unter den Konservativen haben diese „Migrationskrise“ um Ceuta, die niemals eine war, zu einer bizarren Kampagne benützt.
Und das wohl nicht zufällig in jenen Tagen, in denen ganz Europa in einer tatsächlichen Katastrophe steckte, die alle Bürgerinnen und Bürger direkt betraf, nämlich die Hitzewelle, die Klimakatastrophe, die Wasser- und Energiekrise. Selten wurde so deutlich, wie grotesk die Manipulation durch diese Kamarilla der Wohlsituierten, der Gutvernetzten, der Champagnisierer, Privilegierten, Aufhusser und Volksverblöder ist, die die wirkliche Katastrophe verniedlichen und totschweigen, und eine „Migrationskrise“ erfinden, wo keine ist. Im Glauben daran, dass man nur genügend braune Soße verspritzen muss, um die Gehirne zu verkleistern. Es ist wie immer: Innere und äußere Feinde werden erfunden, um vom eigenen Versagen abzulenken und dabei stopft man sich die Taschen voll. Die blanke Gier dieser Raffzähne wird mit faschistischer Gefühlspolitik bemäntelt, damit sie nicht so nackt dasteht. Hetzen auf der Vorderbühne, und hintenrum das blöde Volk verlachen, das einem ein Leben in Saus und Braus finanziert. Manche nennen das Bauernschlau.
Titelbild: Miriam Moné, APA-Images / AFP / JAIME REINA

