Warum reden jetzt alle über Rahel und Ludwig Hirsch? Und wer sind die eigentlich?
Rahel ist eine junge Künstlerin, die eine Debatte Ludwig Hirschs Lied Spuck den Schnuller aus ausgelöst hat. Ludwig Hirsch war einer der bedeutendsten österreichischen Liedermacher und bekannt für seine schwarzen, oft gesellschaftskritischen Texte.
Die Diskussion hat mich an einen Witz erinnert, den ich als Kind erzählte, ohne auch nur die leiseste Ahnung zu haben, worüber ich eigentlich sprach.
„Wisst ihr, wer Verkehrsminister am Mond wird? Oswalt Kolle!“ Ich war neun Jahre alt und fand den Witz großartig. Nicht weil ich ihn verstand. Sondern weil am Abend davor in einer fröhlichen Runde die schon ziemlich angeheiterten Erwachsenen lauthals darüber gelacht hatten. Also musste er gut sein. Am nächsten Tag erzählte ich ihn in der Liftschlange weiter. Die war damals eine ganz neue Erfindung. Schlepplifte waren viel langsamer als wir Kinder mit Ski. Ich war längst wieder unten und musste warten. Also vertrieb ich mir die Zeit mit Witzen.
Diesmal lachte niemand laut – ich erntete ein paar verlegene Grinser, und mein großer Bruder wurde richtig grantig. Ich verstand die Welt nicht. Für mich drehte sich damals alles um den Mond. Die Mondlandung stand bevor, ich verschlang Jules Verne und war überzeugt, dass Oswald Kolle wohl irgendetwas mit Raketen und Raumfahrt zu tun haben musste.
Heute werden viele Jüngere diesen Witz vermutlich genauso wenig verstehen wie ich damals. Die Älteren lächeln vielleicht mit einem zwiespältigen Gefühl Nicht wegen der Pointe, sondern weil sie sich an eine Zeit erinnern, in der plötzlich über Sex geredet wurde
– und gleichzeitig doch nicht. An eine Zeit, in der wir Kinder zwischen Schweigen, Ammenmärchen und ein paar mutigen Menschen aufwuchsen, die versuchten,
Licht ins Dunkel zu bringen. Genau in diese Zeit möchte ich euch mitnehmen. In
eine Welt, die gar nicht so lange her ist und jungen Menschen heute oft vorkommt wie ein anderer Planet.
Heute wird oft erzählt, die sexuelle Befreiung habe Türen geöffnet. Das stimmt. Aber manche Türe hätten verschlossen bleiben müssen. Kinder waren immer neugierig. Wir schauten, fragten, kicherten und erfanden Geschichten. Das gehörte zum Großwerden. Neu war, dass Erwachsene plötzlich glaubten, diese Neugier begleiten, lenken oder gar nutzen zu müssen. Vieles geschah mit den besten Absichten.
Manches geschah aus erschreckender Gedankenlosigkeit. Und manches war schlicht sexualisierte Gewalt, die sich hinter den großen Worten von Freiheit und Aufklärung
versteckte. Ich habe das selbst erlebt. Unser pädophiler Heimleiter im Skiinternat schaute mit 13- bis 14- jährigen Buben Pornohefte an, brachte ihnen das „richtige“ Masturbieren bei, ließ sie Cognac trinken und stellte sich selbst als Übungsobjekt zur Verfügung. Das hatte mit Aufklärung natürlich nichts zu tun. Es war übelster Machtmissbrauch. Und doch konnte er sich in einer Zeit bewegen, in der manche glaubten, jedes Tabu müsse fallen.
Da war ja auch die Avantgarde. Sie rüttelte an der gesellschaftlichen Verzopfung und bigotten Prüderie – oft klug, mutig und notwendig. Die kürzlich verstorbene VALIE EXPORT steht dafür wie kaum eine andere. Daneben Otto Mühl, der Rockstar der Grenzüberschreitung. Nicht jede Provokation war Befreiung.
Unter dem Deckmantel der Kunst geschahen auch schlimme Verbrechen. Was als radikale Befreiung gefeiert wurde, entpuppte sich für viele als System aus Macht, Manipulation und sexualisierter Gewalt. Das alles zu durchblicken war damals nicht einfach.
Ludwig Hirsch gelang es auf seine ganz eigene Weise – vortrefflich.
Dass viele Jüngere den Text von Spuck den Schnuller aus heute befremdlich finden und ihn nicht einordnen können, liegt nicht an ihnen. Ich muss mich da auch selbst an der Nase nehmen. Ich habe über die Missstände im Skiteam und in Internaten gesprochen. Ich habe an Idealen und Idolen gerüttelt. Was ich versäumt habe, war, mehr über die Ursachen zu erzählen. Vor allem darüber, welche Rolle die sogenannte sexuelle Befreiung mit all ihren Licht- und vor allem Schattenseiten gespielt hat.
Ich habe meinen Kindern nie erzählt, welches Unbehagen dieser Aspekt meiner Kindheit und Jugend in mir ausgelöst hat. Wie schwer es damals oft war, zwischen ehrlicher Aufklärung, mutiger Befreiung und gefährlicher Grenzüberschreitung zu unterscheiden. Vielleicht ist es an der Zeit, genau diese Geschichte zu erzählen.
Anmerkung: Oswalt Kolle (1928–2010) prägte mit seinen Büchern und Filmen ab den 1960er-Jahren die öffentliche Sexualaufklärung im deutschsprachigen Raum. Für Jugendliche wurde ab Ende der 1960erJahre vor allem die BRAVO mit ihrer Dr.-SommerBeratung zur wichtigsten Informationsquelle über Liebe, Körper und Sexualität – oft dort, wo Eltern und Schule schwiegen
Titelbild: Barbara Pacholik, Montage

