Im niederösterreichischen Föhrenwald haben Reste alter Phosphorwaffen einen Großbrand rund umn eine ehemalige Pulverfabrik ausgelöst. Bund und Land lassen die Gemeinde bisher in Stich.
„Es hat ständig geknallt.“ Christian Meixner war einer von 500 Feuerwehrleuten, die tagelang gegen den Großbrand im Föhrenwald bei St. Egyden am Steinfeld ankämpften. Die Einsatzkräfte wissen: „Die Knaller, das ist der Phosphor von den durchgerosteten Granaten von der alten Munitionsfabrik.“

Im Zivilberuf ist Meixner Amtsleiter der Gemeinde St. Egyden. Der weiße Phosphor wurde in der Dynamit Nobel-Pulverfabrik in Granaten für die deutsche Wehrmacht gefüllt. Der Phosphor sollte alles verbrennen – und Wunden, die mit ihm verunreinigt waren, schwer behandelbar machen, weil jeder Kontakt mit Luft zu neuem Brand führen konnte.
Weißer Phosphor ist längst militärisch geächtet. Doch das Gebiet der Saubersdorfer Drift am südöstlichen Rand von St- Egyden ist bis heute nicht saniert.
Bekannte Gefahr
Wikipedia erinnert: Das Gebiet um die Munitionsbaracken sorgt selbst in den 2000er Jahren noch immer für Probleme, da der Waldboden durch die Produktion, aber auch durch Blindgänger noch immer mit Phosphor verunreinigt ist, woraus bei heißen Temperaturen durch Selbstentzündung Waldbrände entstehen. Bei Löscharbeiten wurden bereits mehrmals Helfer der Freiwilligen Feuerwehren verletzt.
Auch am 7. April 2020 brannte der Föhrenwald. „Gegen 14.30 Uhr ist im Föhrenwald bei Saubersdorf im Bezirk Neunkirchen ein Großbrand ausgebrochen. Derzeit sind mehr als 300 Einsatzkräfte von 50 Feuerwehren bei einem Waldbrand in Saubersdorf im Einsatz.“
Im Dezember 2022 erinnerten die Niederösterreichischen Nachrichten NÖN: Die Munitionsreste im Boden führen bis in die Gegenwart durch Selbstentzündung immer wieder zu Waldbränden in dem Gebiet der ehemaligen Pulverfabrik.
Auf Kosten sitzengeblieben
Die Gefahr war allgemein bekannt, von St. Egyden bis St. Pölten und Wien. 2015 saßen alle zusammen. Christa Tisch hat mit ihrer Bürgerliste inzwischen die Wahl gewonnen und ist heute Bürgermeisterin von St. Egyden. Sie erinnert sich, wie die Aufteilung der Kosten der Sanierung zwischen Bund, Land und Gemeinde vereinbart wurde. Die kleine Gemeinde investierte 60.000 Euro in Entminung. Heute zieht Tisch die ernüchternde Bilanz: „Wir sind auf den Kosten sitzengeblieben.“
St. Egyden wurde im Stich gelassen. Die Gemeinde legte zusätzliche Löschteiche an. Zu mehr reichte die Finanzkraft nicht. Von St. Pölten und Wien kam nichts.
Lost Place Föhrenwald
Für Abenteuerlustige wird die ehemalige Pulverfabrik bis heute als Geheimtipp gehandelt.

Sie ist einer der Lost Places, die für abenteuerliche Wanderungen im Netz beworben werden. Wer den Link anklickt, wird gewarnt: VORSICHT EINSTURZGEFAHR – Hoher Phosphorgehalt (Achtung Waldbrandgefahr) – Stark Munitionsverseucht – Offene Einstiegslöcher im Waldboden – Sicherheitsschuhe wegen scharfer Eisenteile – Hohe Einsturz und Einbruchgefahr.

“Keine Angelegenheiten” des BMI
ZackZack hat Fragen zu Verantwortung und Versäumnissen in der Causa an das Innen- und Verteidigungsministerium übermittelt.
Im Karners Ressort sah man „keine Angelegenheiten des Zuständigkeitsbereichs des Bundesministeriums für Inneres. Das BMI war im Zusammenhang mit dem Waldbrand ausschließlich im Rahmen der Unterstützung des Feuerwehreinsatzes durch Polizeihubschrauber tätig. Zu Fragen betreffend Brandgefahr, Untersuchungen des Areals, Sanierungs- oder Räumungsmaßnahmen, Altlasten sowie allfällige Kostenbeteiligungen können wir daher keine Auskunft erteilen.“
In einem Punkt hat das Innenministerium recht: Entminung und Beseitigung von Kampfmitteln sind Aufgaben des Verteidigungsministeriums. Auch dort ist seit Jahren bekannt, dass Reste von Kampfmitteln immer wieder Brände verursachen und damit eine ganze Region gefährden. Doch im Gegensatz zu Deutschland scheint es in Österreich keine ausreichend klaren gesetzlichen Regelungen zu geben.
Im Verteidigungsministerium von Klaudia Tanner (ÖVP) will man am Montag Stellung nehmen „wenn die zuständigen Stellen wieder verfügbar sind.“ Damit bleibt die entscheidende Frage noch offen: Warum unternimmt die Verteidigungsministerin nichts, um eine akute und ständig wiederkehrende Gefahr durch Kampfmittel abzuwehren? Warum kauft man um Milliarden neues Kriegsgerät – aber kümmert sich nicht um die militärischen Altlasten, die Menschen und Umwelt gefährden?
ZackZack wird berichten, was das Verteidigungsministerium antwortet – und was die Ministerin unternehmen will, um die Menschen in ihrem Heimatbundesland zu schützen.
Titelbild: APA-Images / APA / BARBARA GINDL, APA-Images / APA / JÄGER


