16. Sep. 2026

Zuhause nicht willkommen

Wer sich heute nicht nach den zahlreichen digitalen Taktgebern und Wegweisern orientiert, hat es schwer. Dahinter steckt eine Strategie der Machtkonzentration und Marginalisierung aller Freigeister.  

Wieder und wieder werden die Bewegungen, die sich früher der Politik der Großmächte, der Aufrüstung und Großkonzerne in den Weg gestellt haben, als »naiv« bezeichnet. Dem muss man nicht einmal widersprechen. Wir müssen nur feststellen, dass es diese Bewegungen immerhin gab und dass sie damals zumindest zum Teil etwas erreicht haben. Vor allem haben sie eine kritische Masse erreicht. Man musste sie also ernst nehmen und daher bekämpfen.

Heute haben wir zumindest schon eine Generation an die Überzeugung verloren, dass es sinnlos oder unnötig oder unwichtig ist, sich zivilgesellschaftlich zu organisieren. Das ist ein Grundübel. In einem Sommer, der uns auf Thermometern, durch Zahlen von Todesfällen, Bränden, Geflohenen und Evakuierten täglich vorrechnet, dass das Fortführen der bisherigen Energieversorgung und eines auf Mobilität und weite Transporte aufgebauten Handels ins Verderben führt, wird sichtbar, wie sehr organisierter Widerstand fehlt.

Der Krieg nach innen

Die Großmächte, die einander früher feindlich gegenüberstanden, haben sich in ihren Methoden weitgehend angeglichen. Sie forcieren die oligarchische Herrschaft. Diese führt nicht nur Kriege nach außen, sondern beginnt auch Gewalt und Repression nach innen aufzubauen. Damit unterdrückt sie Antifaschismus, Antikapitalismus, Ökologiebewegungen und alles, was sich der wirtschaftlichen Expansion der Oligarchen in den Weg stellt. Und dabei benutzt man weitgehend eine neue Waffe: das World Wide Web.

In den letzten Tagen musste ich für drei Lesereisen im Ausland Hotels buchen. Ich möchte immer bei einem Hotel direkt buchen, das nicht zu einer großen Kette gehört. Denn ich will, dass alles, was ich bezahle, an das Hotel geht. Schließlich ist es mir ein Anliegen, dass das Hotel gute Geschäfte macht und da ist, wenn ich es brauche. Und auch die Hotels wollen das. Im Jahr 2019 habe ich ein Hotel über Booking.com gebucht. Als ich dort ankam, wurde ich beim Check-In darauf angesprochen. Der Rezeptionist gab mir eine Visitenkarte mit einer Telefonnummer und einer E-Mail-Adresse und sagte, ich bekäme sofort fünf Prozent Rabatt, wenn ich über diesen Kontakt in Zukunft direkt buche. Diese Nummer und Mailadresse waren nicht im World Wide Web auffindbar.

Kein willkommener Gast

Das Problem wird immer gravierender: Heute findet man im angeblich so freien World Wide Web die Kontaktdaten und Homepages von Hotels oft nicht mehr. Gibt man ihren Namen in Suchmaschinen ein, so findet man Plattformen, die einem anbieten, über sie zu buchen. Sofort wird einem eine Unmenge von Hotels angezeigt, die sich nicht annähernd dort befinden, wo man eine Unterkunft möchte. Man muss seine Kreditkartendaten eingeben, es werden einem Mietautos, geführte Touren und was auch immer angeboten. Inmitten dieses Klimbim muss man die meisten Klicks machen, um Dinge nicht zu kaufen, die einem angeboten werden, die man aber gar nicht gesucht hat. Das Suchen wird schwierig. Das Finden unmöglich. Das Buchen wird langwierig, unübersichtlich und beschwerlich. Man ist kein willkommener Gast, sondern ein Konsument, dem weitere Käufe entlockt werden sollen.

Die Freiheit des Internets, sich direkt mit anderen in Verbindung zu setzen, gibt es längst nicht mehr. Die große Mehrheit der dominierenden Agenten dort wollen drei Dinge von mir:

1. Dass ich für alle Konsumationen große Plattformen verwende.

2. Dass ich kleine Anbieter und Seiten nicht mehr verwende – am besten gar nicht finde.

3. Meine Daten.

Innerhalb der Absperrungen

Aus dieser Annihilation von Partizipation und Selbstbestimmung werden heute Waffen geschmiedet. Mit diesen Waffen überwacht man, dass die Menschen immer schön innerhalb der Absperrungen entlanggehen, die man für sie errichtet hat. Freilich sind alle, die dort entlangtrampeln, wehrlos gegen Preissteigerungen, Abzocke, den Missbrauch ihrer Daten und gegen Zensur und Falschinformation. Mit diesen Waffen aber verfolgt man auch jene, die nicht innerhalb dieser Absperrungen bleiben wollen, sondern sich fragen, ob es wohl außerhalb davon noch eine Welt gibt, in der man frei leben kann.

Ich finde, wir sollten unsere Energie dazu aufwenden, zu den zweiteren Menschen zu gehören. Das ist anstrengend. Und möglicherweise werden wir dafür angefeindet und nehmen persönliche Nachteile in Kauf. Das wäre allerdings schon das erste Anzeichen für Erfolg. Wer es schafft, dass man ihn nicht ignoriert, sondern bekämpft, hat einen bedeutenden Schritt geschafft. Diesen Schritt allein zu gehen, ist sehr mühsam. Je größer die Masse ist, die ihn zu machen versucht, desto leichter wird die Aufgabe.

Antifaschismus und Antikapitalismus

Die neue Welt müssen wir bauen. Denn die alte Welt geht in einer endlos langen Schlange durch die Absperrungen dem Abgrund entgegen. Natürlich will der Einzelne, der dann direkt vor dem Abgrund steht, dort nicht hinunterfallen. Doch hinter ihm drängen die anderen und so hat er keine Wahl mehr.

Dass der Widerstand gegen Großkonzerne und die Oligarchie nötig ist, muss nicht lange erklärt werden. Nicht noch einmal wollen wir zulassen, dass sie eine Herrschaft der Repression und der Menschenvernichtung aufbauen. Unsere Gesellschaft wurde nach einer solchen Herrschaft – die im Übrigen völlig gescheitert ist – neu errichtet; errichtet auf den Grundsätzen des Antifaschismus und der Freiheit durch Gleichheit. Diese Gleichheit wird von der Oligarchie ignoriert und bekämpft. Wir müssen für sie kämpfen, indem uns antikapitalistische Grundsätze leiten. Das heißt nichts anderes, als dass Wirtschafts- und Sozialsysteme, die Ungleichheit fördern und schaffen, abzulehnen sind.

Ich weiß nicht …

Ich weiß nicht, ob es andere Menschen gibt, die auch direkt Hotels buchen wollen. Menschen, die einfach die Transparenz haben wollen, zu wissen, wen sie kontaktieren und wo ihr Geld landet. Kunden, die sich darauf verlassen können, dass sie das bekommen, wofür sie ihr Geld ausgegeben haben.

Ich weiß nicht, ob es noch einmal eine Bewegung geben wird, in der sich Teile der Zivilgesellschaft bemühen, gerechten Handel und transparente Kommunikation herzustellen. Ich denke, in einer großen Bewegung reichte es aus, wenn jede und jeder dafür eine Stunde in der Woche freiwillig tätig würde. Ich stelle mir da etwas vor, was wir dringend brauchten. Aber vielleicht ist es nicht mehr möglich, sich so zu organisieren. Die Hoffnung will ich nicht aufgeben. Willkommen werden wir nicht sein – nicht einmal zu Hause.


Titelbild: Miriam Moné

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