16. Sep. 2026

Sellner ohne Kellner

Einschüchterung und Schädigung von Missliebigen. Das ist das Geschäft der Identitären rund um Martin Sellner, der zu einem trotzigen Rundumschlag ausholte, nachdem man ihm keinen Kaffee servierte.

Die Identitären haben ein Problem mit Grenzen. Genauer gesagt: Sie haben ein Problem damit, dass Grenzen nicht immer dort verlaufen, wo sie sie gerne hätten. Anstandsgrenzen, moralische Grenzen, Geschmacksgrenzen hauptsächlich. Die geographischen Grenzen sind für sie auch manchmal problematisch, vor allem dann, wenn sie beim Giftverspritzen gestört und selbst ausgewiesen werden.

Martin Sellner, der Möchtegerndeporteur, hat schon einige Erfahrung im Rauswurf aus diversen Ländern und Orten. Dieser steinige Weg führte Martin Sellner in ein Restaurant. Ab hier wird diese Geschichte immer absurder, und das liegt ganz gewiss nicht an der Verfasserin, die ja nur der Geschichte folgt, die das Leben schrieb. Eigentlich könnte so ein Witz beginnen. Kommt Martin Sellner in eine Rooftopbar und die ist thailändisch. Das Oben nämlich. Also quasi fremdländisch bis zum Anschlag. Gefährlich. Beinahe ready zum Deport vor Ort!

Was ein abstammungstechnisch die deutsche Reinheit anstrebender Identitärer in einem Thairestaurant verloren hat, fragen wir uns nicht weiter, denn er hatte nicht eben sonderlich viel Zeit, die er darin verbringen konnte. Er wurde erkannt, gewogen, gemessen (natürlich rein philosophisch, zur Verspeisung war er nie vorgesehen) und zügig hinauskomplimentiert. Online jammerte der Abgeschobene ganz bemerkenswert über „totaltätowiertes“ Personal. Seltsam, offenbar sind ihm bis heute keinerlei Totaltätowierte auf diversen Rechtsextremenveranstaltungen aufgefallen, es könnte Zeit für eine neue Brille werden. Oder aber die Tätowierungen stoßen ihm nur auf, wenn sie auf den falschen Körpern sitzen. Diese falschen Körper, die man am liebsten alle deportieren wollen würde, würde man Identitäre tun und machen lassen, was sie wollen, alle weg, auch die Autochthonen, weil wenn die nicht für Identitäre sind, gehören sie eh nicht in die Heimat.

Hier hört der Spaß allerdings wieder abrupt auf. Denn der Ausgewiesene versuchte dringend seine minions zu mobilisieren. Er jammerte kräftig online herum, er filmte unerlaubterweise das Personal und veröffentlichte es. Das kann für ein derartig angegriffenes Lokal durchaus schmerzhaft werden, wenn diese ausschwärmen und schlechte Bewertungen en masse online hinterlassen sowie eventuell versuchen, das Lokal ebenfalls heimzusuchen.

Das ist nämlich jene Freiheit, die Identitäre, übrigens bestens verbandelt mit der Freiheitlichen Partei Österreichs, meinen: Einschüchterung und Schädigung von Missliebigen. Und missliebig ist, wer ihnen Grenzen setzen will, auf die sie angeblich so sehr stehen.

Das ist, worauf eine Gesellschaftsordnung solcher Geistesbrüder hinausläuft. Kontrolle, Willkür, Gewalt. Aber sie werden sogar noch dann von linken Verschwörungen greinen. Irgendwem muss schließlich die Verantwortung für das eigene großflächige Versagen ja in die Schuhe geschoben werden.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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