08. Sep. 2026

Anatomie einer klaffenden Wunde

Die Schöpfung, so das Salzburger Credo, trägt Frack und hinterlässt Erbfolgen. Frauen sind bei den Festspielen traditionell stark unterrepräsentiert.

Lediglich 2,3 Prozent der Werke, die seit 1920 bei den Salzburger Festspielen aufgeführt wurden, stammen von Frauen. Das Interuniversitäre Forschungsnetzwerk Elfriede Jelinek hat diese Zahl nun offengelegt. Sie liegt da wie ein sezierter übelriechender Knochen auf dem Seidenschal der Festspielseligkeit. 97,7 Prozent. Ein monolithischer Block aus Männlichkeit, festgemauert in der Erde dieser Stadt. Im Musikbereich schrumpft der Frauenanteil sogar auf mikroskopische 1,6 Prozent zusammen. Die Festspiele singen von ihrem Exzellenzanspruch. Süßer die Töne nie klangen! Nimmt man diese Ansprüche allerdings ernst, würde es bedeuten, dass über 97% aller Frauen diese Exzellenz nicht besitzen. Die Exzellenz ist offenbar exzessiv verschwenderisch an Hodentragende verliehen worden. Göttlicher Wille. Die Rippe soll sich freuen, wenn sie überhaupt auf über 2% kommt, nie ist es ihr genug, eine unersättliche und daueranklagende Rippe ist das.

Es ist eine jahrhundertelange Einübung ins Übersehen, ins Übergehen, das ab und an ins Verschwinden führt, in eine kollektive Amnesie, die als Tradition deklariert wird.

Die Schöpfung, so will es das Salzburger Credo, trägt Frack und hinterlässt Erbfolgen. Frauen waren in dieser Inszenierung der Hochkultur bis auf wenige Ausnahmen als Kulisse vorgesehen: als betörende Stimmen auf der Bühne, als dekoratives Beiwerk im Publikum, als Musen, die man anschwärmt, aber denen man niemals den Taktstock oder die Feder in die Hand drückt, als zauberhaft unsichtbare Heinzelweibchen hinter der Maschinerie der Festspiele, als Bestätigerinnen und Besorgerinnen.  Sie dürfen die Sehnsucht der Männer verkörpern und pflegen, aber ihre eigene Welt nicht entwerfen. Der Raster, durch den ein Meisterwerk bewertet wird, war und ist immer noch eine starre Angelegenheit, jahrhundertelang ausgelegt auf den männlichen Blick auf Kunst, auf die Frau in dieser, auf das, was Erfolg bedeutet und was ein Genie ist. Auch und gerade bei den Salzburger Festspielen.

Es dauerte fast achtzig Jahre, bis 1998 mit Elfriede Jelineks „Er nicht als er“ überhaupt das erste Mal das Werk einer Frau den Weg in dieses Allerheiligste fand. Ein spätes, fast widerwilliges Zugeständnis. Denn die Rolle der Frau war zu lange jene des Objektes eines männlichen Blickes. Und eines Geniekultes, der sich auf ausschließlich diesen Blick bezieht. Der weibliche Blick war abgewertet, lächerlich gemacht. Verzichtbar. Aber genau das ist eine Amputation an unserem kulturellen Gedächtnis und auch an der Zukunft dieses Gedächtnisses. Uns fehlt die Hälfte der Welt, die Hälfte der Schmerzen, die Hälfte der Träume. Wir füttern ein System, das sich weigert, seine eigenen Töchter anzuerkennen. Frauen aber sind nicht bloß Stützen der Gesellschaft, sondern ebenso wie Männer ihre tragenden Wände. Dazu gehört Mut und Wille und die Bereitschaft, nicht zurückzuweichen. Das Zurückweichen ist aber eine jahrhundertealte Methode, die Frauen als einziger Ausweg nahe gelegt wurde. Ausweichen aber dennoch stützen.. Kurz zusammengefasst sollen sie die milchgebende Eierwollsau sein. Aber bitte leise!

Apropos Sau: Jelinek hätte mit ihren „Unter Tieren“ bei den heurigen Festspielen „die Sau rausgelassen“ wurde vorab geschrieben. Das begrenzt ihr meisterhaftes Werk in beinahe verächtlicher Art und Weise. Weiter im System, sogar eine Nobelpreisträgerin ist nicht so groß wie ein Nobelpreisträger, beispielsweise Handke. Aber was ist notwendig, damit der dominierende männliche Blick auch andere Sichtweisen zulässt? Räume, die sich ändern. Rollen, die sich ändern. Theater, das sich ändert durch all das. Dazu muss es vor allem Bereitschaft der Männer geben. Die Frauen wären schon bereit.


Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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