14. Sep. 2026

Die andere Seite der Scham

„Giagiá, warum sagen eigentlich manche zur Vulva Scham?“ Nicola Werdenigg postete bei Facebook eine Darstellung des weiblichen Genitalbereichs, was ihr böse Kommentare und eine Löschung des Beitrags bescherte. In ihrer neuen Kolumne widmet sie sich der Ursache dieser Reaktionen: falsch verstandener Scham.

Angefangen hat alles mit einer Meldung auf Facebook: In den Niederlanden wurde „Vulvalippen“ ins offizielle Wörterbuch aufgenommen. Ein Wort, könnte man meinen. Aber kaum war es da, wurde schon eifrig darüber diskutiert, ob man denn wirklich von „Schamlippen“ wegmüsse.

Natürlich nicht, hieß es. Der weibliche Genitalbereich sei eben scham- und gefühlsbesetzt. Scham sei ja nichts Schlechtes, sondern könne sogar schützen. Eine Frau fand sogar die isolierte anatomische Darstellung einer Vulva beinahe „grauslich“.

Ich bin ja eine Giagiá – also eine Oma, wie es in meiner zweiten Heimat Griechenland heißt – und habe schon einiges erlebt. Aber dass eine anatomische Zeichnung Gefühle auslösen kann, ist auch für mich interessant. Noch interessanter wurde es, als Facebook meinen Beitrag mit der anatomischen Darstellung der Vulva entfernte.

Da war sie wieder, die Scham. Diesmal nicht als Gefühl, sondern als unsichtbare Grenze: Das darf man zeigen, das nicht.

Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von Scham sprechen?

Wenn ich sage: „Ich schäme mich“, spreche ich über ein Gefühl. Etwas ganz Persönliches. Wenn jemand zu mir sagt: „Schäm dich!“, passiert etwas anderes. Dann wird aus einem Gefühl eine Aufforderung. Eine soziale Handlung. Jemand versucht festzulegen, wofür ich mich schämen soll. Und das lernen wir früh.

Wir lernen, welche Körperteile man zeigen darf und welche nicht. Welche Wörter man sagen darf. Was „anständig“ ist. Was peinlich ist. Worüber man spricht und worüber man lieber schweigt. Gerade der weibliche Körper ist dabei traditionell mit besonders viel Scham beladen. Das steckt sogar in einem anatomischen Begriff: Schamlippen.

Scham schützt nicht. Wissen schützt.

Nun wird gerne gesagt: Scham sei doch auch ein Schutz. Ja. Grenzen können schützen. Wissen über den eigenen Körper kann schützen. Zu wissen, was man möchte und was nicht, kann schützen. Aber Scham selbst schützt nicht.

Sie kann auch verhindern, dass wir unseren Körper kennen, Beschwerden benennen oder über Sexualität sprechen. Und manchmal sorgt sie dafür, dass Menschen sich für etwas schämen, für das sie überhaupt keine Verantwortung tragen.

Das zeigt sich besonders deutlich nach sexualisierter Gewalt. Gisèle Pelicot hat im Prozess einen Gedanken formuliert, der weit über ihren eigenen Fall hinausgeht: Die Scham muss die Seite wechseln. Nicht die Frau, der Gewalt angetan wurde, soll sich schämen. Die Scham gehört zu denen, die diese Gewalt ausgeübt haben.

Genau das finde ich wichtig. Denn warum sollte eigentlich diejenige den Kopf senken, deren Grenze verletzt wurde?

Vielleicht sollten wir deshalb auch bei unseren Körpern genauer hinschauen. Eine Vulva zu benennen, ist keine Entblößung. Eine anatomische Zeichnung ist keine sexuelle Handlung. Und ein Körperteil wird nicht unanständig, nur weil wir darüber sprechen.

Anatomie braucht keine Moral

Vielleicht ist „Vulvalippen“ also tatsächlich nur ein neues Wort für etwas, das schon immer da war. Oder es ist ein kleines Stück Sprache, das uns daran erinnert, dass Anatomie keine Moral braucht. Und wenn Omas, Nonnas, Giagas wieder gefragt werden, warum manche zur Vulva Scham sagen, dann können sie antworten:

Die Vulva heißt nicht Scham. Wir haben nur gelernt, sie damit zu verbinden. Und vielleicht ist es Zeit, das wieder auseinanderzuhalten. Scham kann ein Gefühl sein. Aber „Schäm dich!“ ist eine soziale Handlung.

Und die Scham muss die Seite wechseln.


Titelbild: Barbara Pacholik, Montage

Autor

  • Nicola Werdenigg

    Nicola Werdenigg ist Menschenrechtsaktivistin, Sciatrice und Expertin für Schneebälle, aus denen Lawinen werden. Sie lebt in Wien und ist auch im Web und in Griechenland daheim.

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