Die in der Schweiz lebende AfD-Vorsitzende Alice Weidel gibt dem Zweiten Deutschen Fernsehen in Österreich ein Interview, das nicht wieder stattfinden kann, wenn die AfD in Deutschland regiert. Denn die alternative Partei will Deutschlands Grenzen »zumachen«.
Noch sind die Grenzen zwischen Österreich und Deutschland nicht »zugemacht«, wie Alice Weidel, Vorsitzende der Partei mit dem an Ökobewegungen der 80er-Jahre erinnernden Namen Alternative für Deutschland, am Sonntag bewies. Ihr Auftritt im ZDF-Sommerinterview mit Moderator Wulf Schmiese wurde in Wien gedreht. Die ZEIT über Weidels Aussagen:
Die AfD werde die deutschen Grenzen »zumachen« und dafür sorgen, dass Deutschland aus dem Schengenabkommen aussteige. »Dieser Vertrag wird aufgekündigt«, sagte sie. Die offenen Grenzen gefährdeten aus ihrer Sicht die innere Sicherheit.
Es ist ohnehin sehr mühsam, durch Deutschland zu reisen: Die Züge, die von Salzburg nach Deutschland gehen, haben ab der Grenze meist massive Verspätungen. Auf Deutschlands kaputten Autobahnen zu fahren, ist kein Honiglecken. Müssen wir es halt umfahren.
Wahlkampfrede statt Interview
Auch das Weidel-Interview hätte man großräumig umfahren und seine Zeit besser investieren können. Es war eigentlich eine Wahlkampfrede. Auf Fragen ging sie nicht ein. Dass die homosexuelle Weidel einer homosexuellenfeindlichen Partei angehört, tut ebenso wenig zur Sache, wie der Umstand, dass die zuwanderungsfeindliche Politikerin mit einer Zuwanderin – einer »kulturfremden« Person, wie es im Jargon der AfD heißt – zusammenlebt. Statt Weidels unauflösbare Widersprüche aufzuzeigen, ließ man sie reden. Und das tat sie und kündigte atemlos Austritte, Ausstiege, Auflassungen und Abschaffungen an. Wenn die AfD regiert, schafft Deutschland sich bald wirklich selber ab. In seiner Fernsehkritik im SPIEGEL nennt Christian Buß Weidels Auftritt ein »Stakkato der Xenophobie«. Und Buß weiter:
Weidel zeigt dann eine Stunde später im ZDF nicht mal gespieltes Erbarmen. »Alle Flüchtlinge müssen zurück!«, fordert sie. Syrer oder Afghanen, Leistungsträger oder Sozialhilfeempfänger – für sie sind da offenbar alle gleich unnütz und abzuschieben. Humanitäre Gründe sind ihr so schnuppe wie volkswirtschaftliche. Jeder ihrer Sätze hat jetzt ein Ausrufezeichen: »Die Leute haben die Schnauze voll! Die Frauen gehen nicht mehr raus! Überall Messerattacken und Massenvergewaltigungen!« Und noch mehr kalt klirrende, tautologisch hallende Ausrufezeichen: »Wir werden zumachen! Wir werden aus Schengen aussteigen! Und die Syrer werden alle zurückgeführt in ihre Heimat!«
Anscheinend will Weidel so ziemlich alles aufkündigen und abschaffen. Auch der Euro ist da natürlich dabei. Die ZEIT berichtet:
Die AfD will sich im Fall einer Regierungsbeteiligung auf Bundesebene für den Ausstieg Deutschlands aus dem Euro und dem Schengenabkommen einsetzen. Das sagte Parteichefin Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview. Zugleich griff sie die CDU scharf an. Wegen ihrer Abgrenzung zur AfD, der sogenannten Brandmauer, werde die CDU »keine einzige Bundestagswahl mehr gewinnen«, sagte Weidel.
Jenseits der Brandmauer
Wir werden sehen, wie die AfD die CDU sieht, wenn die Union über die Brandmauer rübergemacht haben wird. Möglicherweise muss da hart verhandelt werden, denn wie die ZEIT berichtet, fordert Weidel folgendes:
Die Forderung, aus dem Eurosystem auszusteigen, begründete Weidel mit der Behauptung, dass der Euro eine »instabile Währung« und eine »Weichwährung« sei. Deutschland sei es vor der Einführung der Gemeinschaftswährung »deutlich besser« gegangen. Die AfD sehe eine »breite Verarmung arbeitender Bevölkerungsschichten«.
Ja, die Hartwährungspolitik war schon immer sehr sozial! Auch in Österreich wird über Weidels Auftritt berichtet. In der Kronen Zeitung schreibt Martin Kallinger:
Die in der Schweiz lebende Politikerin kritisierte erneut die „offenen Grenzen“ und kündigte einen Kurswechsel an: „Dieser Vertrag wird aufgekündigt“, sagte sie über das Schengen-Abkommen. „Wir werden sie zumachen, wir werden aus Schengen aussteigen, damit solche Leute wie aus Ceuta gar nicht mehr zu uns kommen.“ Weidel bekräftigte die Forderung ihrer Partei nach einem Austritt aus dem Eurosystem. Eine instabile Gemeinschaftswährung führe zu einer „riesigen Umverteilung“ und zu einer „breiten Verarmung arbeitender Bevölkerungsschichten“, argumentierte sie und bezeichnete den Euro als baldige „Weichwährung“. Deutschland sei vor der Einführung „deutlich besser“ dagestanden.
Verqueere Schwestern
Und Weidel ortet in Österreich eine Schwesterpartei in ihrem verqueeren Alternativ-Bündnis, nämlich die FPÖ, die zwar nicht anschafft, aber bald ebenfalls abschaffen wird. Kallinger in seinem Bericht:
Vom „sogenannten Klimaschutz“ hält Weidel gar nichts. Angesprochen darauf, dass man in Wien bis 2040 klimaneutral werden wolle, meinte sie: Klimawandel habe es „immer schon gegeben“. Die AfD sei gegen ein „Schleifen des industriellen Kerns“ und ein „Versperren der Innenstädte“ für Pkw oder ein Verbrennerverbot. „Und ich kann Ihnen sagen: Wenn die FPÖ hier gewinnt in Österreich, wird auch dieses ganze Zeug abgeschafft.“
Es riecht ein wenig nach Sommerloch, aber auch schon nach Wahlkampf. In Sachsen-Anhalt wird am 6. September gewählt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September. Für die Tageszeitung Der Standard berichtet Astrid Ebenführer:
So gesehen hat Alice Weidel das Interview mit ZDF-Moderator Wulf Schmiese geschickt eingefädelt. Angeblich war es ihr Wunsch, das „Berlin direkt!“-Gespräch in Wien stattfinden zu lassen. Und das ZDF hat dem offenbar zugestimmt. Nun ja. Was kam inhaltlich hier hoch über den Dächern von Wien? Zusammengefasst: Viel Erwartbares, einige Attacken gegen die CDU, eine oft ausweichende aber sich siegessicher gebende AfD-Vorsitzende.
Fast ohne Werbung
Tja, was kam inhaltlich? Das ist eine gute Frage. Alice Weidel hat sich die Wahlkampfrede, die sie im ZDF ablassen durfte, jedenfalls nicht von ChatGPT schreiben lassen. Denn es fehlten die Werbeeinschaltungen. Allerdings nicht ganz. In MAGA-Manier macht die AfD ja auch außerhalb der Grenzen Deutschlands Wahlwerbung für ausländische Parteien. Da war auch Weidel dabei. Der Standard weiter:
„Wir sind auf der Siegerstraße“, sagt sie auch gleich zu Beginn. Sie freut sich über die politische Situation in Deutschland. Nicht ganz die passende Antwort auf Schmieses Frage, was ihr in Österreich politisch besser gefalle als in Deutschland. Aber dann gab es doch Lob für die FPÖ. Etwa für „Sympathieträger“ Mario Kunasek, der in der Steiermark einen „unglaublich guten Job“ mache. „Da können wir natürlich auch sehr viel von der FPÖ lernen.“
Wann Alice Weidel dann in ihre Heimat zurückgeführt wurde, geht aus den Berichten nicht hervor.
Titelbild: Manon Véret


