16. Sep. 2026

Unsere Lumpenbourgeoisie

Schlaucherln, Fälscher, Raffzähne und Betrüger: Unsere sogenannte „Elite“ bei der Arbeit.

Karl Marx hatte von den Arbeitern bekanntlich eine hohe Meinung, schließlich nannte er sie „den Adel der Menschheit“ und rief ihnen zu: „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“. Aber eine deutlich weniger hohe Meinung hatte er von den deklassierten Schichten, die aus diesem idealisierten Proletariat hinausgefallen waren, die Streuner, Sauf- und Raufbrüder, die er mit dem bösen Wort „Lumpenproletarier“ belegte. Diese wären für ein paar Pfennige, Groschen oder Sous für alles zu haben und verkaufen sich an Monarchen, Autokraten und Diktatoren.

In berühmten Passagen seiner Pamphlete charakterisierte Marx diese wilden Volksschichten so: „Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen…“ Marx beschrieb dann auch die seltsame Allianz von protofaschistischen „Populisten“, für die damals natürlich weder der Begriff „Faschisten“ noch „Populisten“ bereits erfunden worden war, mit diesem gestrandeten Bodensatz der Gesellschaft. Hannah Arendt wird später in anderen Worten und gesetzterem Tonfall vom „Bündnis zwischen Mob und Elite“ sprechen.

Gewiss sind der historische Faschismus genauso wie die heutigen faschistischen Bewegungen ohne diese Allianz zwischen Mob und Elite nicht denkbar, zugleich ist aber große Vorsicht angebracht bei vorschnellen, aus einer gewissen geschmäcklerischen Hochnäsigkeit getragenen Urteilen. Denn eine Allianz aus Oberschichten und weniger verzärtelten, manchmal groben, manchmal unfein sprechenden Unterschichten ist an sich ja keine schlechte Sache, im Gegenteil: Auch der Sozialismus war in seinen besten Zeiten eine solche Kampfgemeinschaft. Wer salopp vom Bodensatz der Gesellschaft spricht, der beweist nicht immer antifaschistische Gesinnung, sondern mitunter auch die Herablassung und Verachtung des Wohlsituierten gegenüber den weniger Gebildeten, weniger Modischen, weniger Schönen.

Es ist insofern vielleicht kein Zufall, dass der Begriff des „Lumpenproletariats“ eine durchaus gängige Vokabel in der sozialhistorischen Literatur geworden ist, während man sehr viel seltener von den „Lumpenintellektuellen“ oder der „Lumpenbourgeoisie“ spricht. Dabei sind sie mindestens ebenso häufig wie die Lumpenproletarier und haben in der Geschichte eher mehr als weniger angerichtet.

Der Lumpenintellektuelle – Freund der Autokraten

Beginnen wir beim Lumpenintellektuellen. Der tut alles, um Aufmerksamkeit zu erregen, tut alles, um als mindestens interessante, gerne auch Schrecken verbreitende Person zu erscheinen, und manchmal träumt er auch von der heldischen Existenz. Der Lumpenintellektuelle verkauft seine Großmutter für eine möglichst krasse Formulierung. Der Lumpenintellektuelle lief in der Geschichte ganz schnell zu faschistischen und anderen autoritären Bewegungen über, weil er sich bei ihnen jene Anerkennung erhoffte, die ihm bis dato verwehrt geblieben war. Diese verwehrte Anerkennung, vom Lumpenintellektuellen subjektiv als ungerechte Verwundung empfunden, als Kränkung, nährt bei ihm den Hass auf die herrschenden Verhältnisse, selbst wenn er in denen ein komfortables Auskommen hat. Der Lumpenintellektuelle grämt sich eines Leids wegen, das keines ist, einfach weil er sich – und sei es nur relativ – herabgesetzt fühlt gegenüber anderen, die vielleicht eine Prise mehr Anerkennung genießen als er selbst.

Der Lumpenintellektuelle ist vom Neid zerfressen. Früher waren die Lumpenintellektuellen fast ausschließlich Männer, heute gibt es auch in dieser Hinsicht wachsende „Gleichberechtigung“, wenn man das hohe Wort in diesem niederen Zusammenhang benützen will. Der Lumpenintellektuelle hegt also ein Ressentiment gegen die Verhältnisse, und würde sie am liebsten kurz und klein schlagen, wozu er, mangels eigener Fähigkeiten, dann die Lumpenproletarier anzustacheln versucht. Der Lumpenintellektuelle hegt auch viel Bewunderung für die Rohheit und die rohe Gewalt, und da er vermutet, dass die unteren Schichten ein natürlicheres, unverkrampfteres Verhältnis zur rohen Gewalt haben als seinesgleichen, bewundert er sie dafür. Manchmal hat er daher auch so eine eigentümliche Angstlust vor den Unzivilisierten, eine Panik, die von Faszination oft nicht zu unterscheiden ist. Der Lumpenintellektuelle ist in freier Natur schon lange entdeckt und in der Geschichte bestens bekannt, von Faschisten wie Ernst Jünger oder Martin Heidegger, die das wahre Sein in der Gefahr, dem Abenteuer, der Intensität suchten, letztendlich, weil sie sich ansonsten gelangweilt hätten.

Phrasendrescher, Hochstapler, aufgeblasene Wichtigtuer

Die wahrscheinlich moralisch am meisten verkommene, dafür komischerweise aber am wenigsten gewürdigte Figur ist die des „Lumpenbürgertums“, der „Lumpenbourgeoisie“. Dabei wimmelt unsere Welt von den Schlaucherln, den Schiebern, Managern und Investoren, aufgeblasenen Wichtigtuern mit den dummen Gesichtern, die ihre Umgebung mit ihren stets laut hinausposaunten Phrasen belästigen.

Gerade wurde im Grasser-Verfahren wieder ein Schlaglicht auf die halbseidene Blase geworfen aus Anwälten, Freiberuflern, Glücksrittern, selbstverliebten Unternehmern, die so dumm waren, einem mutmaßlichen Lügner und Hochstapler auf den Leim zu gehen und mit gefälschten Mails eine Richterin anschwärzen wollten. Und es sind seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Figuren in diesen Milieus, die Grassers, Meischbergers, Kurzens, Ainedters, Benkos, oder Stefan Zöchlings und wie sie alle heißen; umrahmt vom ideologischen Mindset der Georg Knills oder Franz Schellhorns. Das ist sie also, unsere sogenannte „Elite“.

Begriffe wie „Unternehmer“, „Kapitalist“, „Bürgertum“, „Investor“ oder „Manager“, sie haben ja im allgemeinen ambivalente Beiklänge. Gewiss sind sie nicht nur positiv konnotiert, sondern auch mit Ausbeutung, Klassenungerechtigkeit, mit der unfairen Aneignung von Reichtum und einer gewissen Ruchlosigkeit beim Benutzen von Menschen verbunden; aber doch wird der Unternehmer als Investor, als zupackender Erschaffer eher positiv gesehen – etwa im Sinne von Joseph Schumpeters „kreativen Zerstörern“. Es wird gerne so getan, als würden wir unseren Reichtum ihren erfinderischeren Fähigkeiten verdanken, und nicht der gesellschaftlichen Produktion, an der alle mitwirken. Gewohnheitsmäßig wurde die Klasse der Kapitalisten auch als Träger der „bürgerlichen Gesellschaft“ gesehen und damit auch als Schrittmacher irgendwelcher zivilisatorischer Fortschritte.

Da waren wohl immer schon mehr Ideologie und Wunschdenken dabei, aber früher gab es so etwas wie sozialen Druck in den bürgerlichen Klassen, sich nicht nur Milliarden zusammenzuraffen, sondern auch irgendwelche sichtbaren gesellschaftlichen Nutzen zu stiften. In der Ära der Trumps, Musks & Co. ist davon nur mehr wenig zu sehen. Da gilt das Raffzahnhafte alleine schon als Tugend. Zeitungen sind voll mit Analysen, die trommeln, dass rechtsradikale Parteien die neuen Arbeiterparteien seien, dabei wird aber gerne folgender Sachverhalt verschwiegen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Selbstständiger die AfD oder FPÖ wählt, ist deutlich höher, als dass das ein Arbeiter tut.

Vereinigung der Freunde der Fußfessel

Die hohen Töne von Bürgerlichkeit waren immer schon übertrieben, angesichts der Kriecher, Schleimer, Schlaucherln, Betrüger und Verbrecher, die die bourgeoisen Klassen stets vornehmlich ausmachten. An dieses Panorama von Figuren und Charaktertypen musste ich denken, als die Schlagzeilen von den neuesten Affären der Neigungsgruppe Fußfessel auftauchten. Und ich musste auch sofort an Gustave Flaubert denken, den großen Mitbegründer des bürgerlichen Romans, der auch eine Art antibürgerlicher Ästhetik begründete, etwa in seinem Buch „L’Éducation sentimentale“ („Die Erziehung des Herzens).

Es ist ein Roman voller düsterer Gestalten, der sich bis heute sehr aktuell liest, wenn man die erbärmlichen Figuren in den Innenbezirken der Hauptstädte vor Augen hat, die politischen Aufsteiger, die Wichtigtuer, die Schmeichler, die gelackten Geschäftemacher, die Erfolgsfiguren und saturierten Zombies mit ihren aufgeblasenen Prahlhansgesichtern, ihrer selbstbewussten Lässigkeit und den deprimierend dümmlichen Langweilerphrasen. NIUS-Schreihals Julian Reichelt könnte direkt aus einem Flaubert-Roman entsprungen sein, bloß ist er stärker eine Realkarikatur, als es die fein gezeichneten Flaubert-Figuren jemals waren.

Im Zentrum des Romans steht Frédéric Moreau, der als junger Mann aus der Provinz nach Paris zieht, angelockt vom unklaren Verlangen nach Erfolg und einem interessanten Leben, ganz ähnlich wie die Figuren Balzacs. Es treibt ihn in die Kreise der Boheme genauso wie in die der wirtschaftlichen Oberschicht, der aufstrebenden Industrie, des Bankwesens, der aristokratischen Notabeln. Er bewegt sich mit gewissem, aber doch eher kleinem Erfolg. Gewinnt die Restauration die Oberhand, passen sich diese Milieus daran an, setzt sich der Geist der Revolte durch, machen sie in unterschiedlichem Ausmaß dabei mit. Letztendlich sind es gescheiterte Leben. Selbst die Unangepassten sind angepasst.

„Sie hielt zum alten wie zum neuen Hof und konnte eine Menge von Dingen erwirken“, heißt es über eine Salongesellschaft, und das Gespräch „beschäftigte sich jetzt mit der Verelendung der Massen, von der, nach Meinung dieser Herren, alle Schilderungen stark übertrieben waren.“ Die Heilung der Laster, so doziert einer der Anwesenden, sei aber „eine ganz und gar individuelle Angelegenheit. Wenn die unteren Klassen mit ihren Lastern fertig werden, werden sie sich auch von ihrer Bedürftigkeit befreit haben. Das Volk soll moralischer werden, dann wird es weniger arm sein.“

Heute fasst man solches blöde Gerede unter den Begriff der „rohen Bürgerlichkeit“ (Wilhelm Heitmeyer); man kennt es aus dem Parteivorstand der FDP und vom ärgerlichen Geschwätz an den Stammtischen der Austern schlürfenden Spießbürger und Biedermänner, um die sich dieser Typus der „Stützen der Gesellschaft“ versammelt, der immer gleich bleibt, auch wenn sich Haarschnitt, Mode und Selbstbild der Protagonisten ändern. „Der Modergeruch um diese Greise machte ihn rasend“, so der Erzähler über seinen Protagonisten. George Sand sollte später über diesen Roman ihres Freundes Flaubert sagen, er habe Repräsentanten geschaffen, „von denen unsere moderne Gesellschaft wimmelt“. 


Titelbild: Miriam Monet

Autor

  • Robert Misik

    Robert Misik ist einer der schärfsten Beobachter einer Politik, die nach links schimpft und nach rechts abrutscht.

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