14. Sep. 2026

Eine kurze Geschichte von Kunst und Widerstand

Manchmal beginnt ein politisches Ereignis nicht in einem Parlament. Nicht in einem Ministerium. Nicht einmal auf einer Demonstration. Bei keinem konspirativen Treffen. Manchmal beginnt es in einem Zimmer. In einem Zimmer mit einem Schreibtisch.

Die brennende Frage lautet: Ist Widerstand möglich? Und die erste Antwort darauf lautet erst einmal: ja. Widerstand ist immer möglich. Sogar noch im letzten Winkel einer gefolterten Seele ist dieser Widerstand möglich, der letzte Zufluchtsort, der bleibt, wenn alles verloren ist. Nach Innen gewandte Flucht, bevor die Eingeweide ins Außen gekehrt werden. Auch diese letzte Zuflucht ist in vielen Werken Thema gewesen, eine finale, eine tragische Heldenreise. Bekannt aus Film, Fernsehen, Bild und Buch. Die Kunstgeschichte singt das Lied der Heldenreise, der Mensch begleitet sie, oder, besser gesagt, sie den Menschen, beide sind ja untrennbar miteinander verbunden,  und bevor es hier zu pathetisch wird, ist natürlich auch „Der Herr Karl“ von Qualtinger eine Heldenreise, wenn auch die eines Antihelden. 

Aber die Frage ist nicht nur jene nach dem Heldentum des Widerstandes, sondern auch nach der Sinnhaftigkeit dessen. Selbstverständlich ist der politische Widerstand in der Kunst möglich, ja zwingend notwendig. Aber: Ist dieser Widerstand, von dem wir hier sprechen, etwas Elitäres, Abgehobenes, etwas, das nur für Kennerinnen und Kenner verständlich wird und bleibt, etwas, dessen Codes bekannt und erkannt sein wollen, um sie deuten zu können? Etwas, das die Zugehörigkeit zu denen markiert, deren Leben das Geschenk der Förderung intellektueller Ansprüche erhalten hat, predigt man so zu den Bekehrten, während zu viele, die das ganze dringend und drängend betreffen würde, davon ausgeschlossen bleiben? Ist es, noch intensiver betrachtet, eine billige Selbstbeweihräucherung, gar bloß eine Heldenreisenpose, gar ein goldenes virtuelles Sternchen ins Virtue-Poesiealbum, das nichts bewirken wird, außer den Tragenden ein warmes, aufwallendes Gefühl der eigenen Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit in den Unterleib zu jagen wie die Süße in die reife Frucht?

Nicht jede angepeilte Revolution wird tatsächlich eine. Aber eine jede solche trägt die Möglichkeitsform in ihrem Entstehungskern.

Ist sogar anzudenken, dass diese Pose ausschließlich eine selbstbezogene ist und auch so gemeint war, von Anfang an, ein selbstreferenzielles Masturbieren am Abgrund? Das wäre in Kunstbelangen nichts Neues, und auch nichts, das nicht schon feierlich inszeniert worden wäre.

Manchmal beginnt ein politisches Ereignis nicht in einem Parlament. Nicht in einem Ministerium. Nicht einmal auf einer Demonstration. Bei keinem konspirativen Treffen. Manchmal beginnt es in einem Zimmer. In einem Zimmer mit einem Schreibtisch. Jemand sitzt in diesem Zimmer an diesem Schreibtisch und reiht Worte aneinander. Worte, die zunächst niemand hört. Niemand applaudiert dazu. Niemand stimmt darüber ab. Niemand erklärt sie für relevant. Noch. Und vielleicht auch nie. Und doch sitzt vielleicht auch irgendwann irgendwo ein anderer Mensch und liest diese Worte. Zunächst verschiebt sich nur ein Gedanke. Aber jede Veränderung beginnt genau dort. In einer kleinen Bewegung der Wahrnehmung. Deshalb beschäftigen wir uns seit Jahrtausenden und bis heute mit Literatur. Mit Theater. Mit Kunst. Nicht weil sie die Welt unmittelbar verändern.

Sondern weil sie uns verändern.

Und weil Menschen im Anschluss an die eigene Veränderung manchmal die Welt verändern. Das kann im Großen enden. Aber im Kleinen beginnen. Es kann auch im Kleinen bleiben. Nicht jede angepeilte Revolution wird tatsächlich eine. Aber eine jede solche trägt die Möglichkeitsform in ihrem Entstehungskern.


Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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